Ein Geschenk

10. März 2003, 16:09
4 Postings

Ein bisserl war es mir im Nachhinein peinlich, nicht einfach die Klappe gehalten zu haben. Weil man als Stadtbürger ...

... nicht unbedingt alles wissen oder hinterfragen muss: Die Stadt ist gut verwaltet, der Rest ergibt sich schon irgendwie. Aber blöderweise saß der Herr Stadtrat Samstagabend gleich neben mir. Am Boden des Gasthauses "Vorstadt", den Rücken ans Pult des Tontechnikers gelehnt und Augen wie Ohren nach vorne gerichtet - weil dort der unglaubliche Mosa Sisic (der - dieser Programmtipp sei gestattet -, am 7. März ebenhier nochmals auftreten wird) auf zwei Geigen gleichzeitig feinste Roma-Musik produzierte. Und irgendwas muss man nach dem Händeschütteln ja sagen.

"Bargeld wäre noch toller gewesen", feixte ich also zum Herrn Stadtrat hinüber. Und der alberte zurück: "Aber wir haben doch kein Geld. Drum stehen wir so auf bargeldlosen Zahlungsverkehr." Und weil Herr Sisic zu einem kleinen Furioso ansetzte, grinsten wir einander höflich an - und ließen es dabei bewenden. Vergangenen Samstag bei der einjährigen Geburtstagsfeier der Bühne im Ottakringer Gasthaus "Vorstadt". "Vorstadt"-Wirtin Hannah Neunteufel hatte geladen. Gekommen war ein lustiges Sammelsurium von Musikern, Künstlern und Freunden des sympathischen Gasthauses. Auch der Herr Stadtrat.

Der Gratulant

Wie das bei Geburtstagen so ist, wurde irgendwann geredet. Gelobt. Gedankt. Und wie sich das für einen Politiker gehört, enterte der Herr Stadtrat die Bühne, griff das Mikrofon und gratulierte. In eigenem und im städtischem Namen. Nicht nur wegen der guten Küche, sondern - und vor allem - wegen der Impulse unarroganter, sympathischer und manchmal auch seltsamer Kultur, die Frau Neunteufel und ihr Team seit einem Jahr auf diese Bretter bringen. Wien, so der Herr Stadtrat, wisse, was es an seiner und seinem "Vorstadt" habe. Und auch, dass eine Stadt gegenüber derartigen Pflanzen Gärtnerpflichten zu erfüllen habe. Darum, steigerte sich der Herr Stadtrat, sei er glücklich, hier tun zu können, was Politiker am liebsten tun - weil sie dabei nichts falsch machen könnten: Geld verteilen nämlich. Drum, sagte der Herr Stadtrat, sei er stolz und glücklich, finanzielle Unterstützung der Stadt zusagen zu können, "damit dieses Programm auch weiterhin gewährleistet ist". Jubel. Applaus.

Toll, dachte ich. Auf die Feinheit der Platzierung des Wortes "weiterhin" achtete ich nicht. Und als A. auf das etwas erstarrte Gesicht von "Vorstadt"-Kulturminister Martin Moped deutete und mich fragte, ob ich denn wüsste, wie viel Geld das Lokal bisher bekommen habe, schalt ich sie: Könne sie sich nicht einfach freuen, wenn ein Politiker ankündigte, eine feine Sache weiterhin zu fördern? A. zog die Augenbraue hoch: Ob das die erste Politikerrede in meinem Leben sei, schnappte sie - und vertschüsste sich an die Bar. Ich feixte mit dem Herrn Stadtrat.

Präzise Unschärfe

Martin Moped hatte gar nicht gemerkt, dass er ein säuerliches Gesicht gemacht hatte. Aber ein bisserl geärgert habe er sich schon, gab er zu. Eben wegen der Unschärfe in der Stadtratsansprache: A. hatte richtig verstanden. Und zwar das, was der Herr Stadtrat nicht gesagt hatte. Wie hoch nämlich die bisherige Unterstützung der Stadt ausgefallen sei. Genau Null Euro, sagte Herr Moped. Der Bezirk habe für das erste Jahr 1500 Euro gegeben.

Egal. Vorne, auf der Bühne, spielte Mosa Sisic auf der Geige wie Jimi Hendrix auf der Gitarre. Alle genossen den Abend. Schließlich ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass Kultur auch der Politik ein vollmundiges Anliegen ist. Zumindest weiterhin.

Nachlese

--> Speckgürtel
--> Valentinsdebakel
--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege
--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby
--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/
Panorama

Nachlese

Eine Gasthausbühne feiert Geburtstag

Link

vorstadt.at

  • Artikelbild
Share if you care.