Balkankleinkriege in Brüssel

18. Dezember 2008, 19:13

Sloweniens Blockade gegen Kroatien könnte gesamten EU-Fahrplan sprengen

Drohungen, Verhandlungsblockaden, finanzielle Erpressungen durch Länder hat es in der EU oft gegeben. Sogar eine Totallähmung der Gemeinschaft über fast ein Jahr hinweg hat Europa erlebt, als Frankreich in den 1960er-Jahren eine "Politik des leeren Stuhls" verfolgte - die Deutschen wollten weniger für Agrarpolitik zahlen.

Auch Österreich konnte seine Erfahrungen sammeln: Weil Paris mit den Ökopunkte-Einschränkungen beim Alpentransitvertrag nicht einverstanden war, wäre 1994 der EU-Beitritt fast gescheitert. Jahre später blockierte die Bundesregierung am Ministerratstisch in Brüssel dann etwas arrogant die tschechischen Beitrittsverhandlungen wegen des Atomkraftwerks Temelín.

Die absurdeste Auseinandersetzung lieferten sich die Türkei und Griechenland um ein winziges, unbewohntes, strategisch unwichtiges Inselchen in der Ägäis - mit Kampfflugzeugen.

So gesehen könnte man die Blockade der kroatischen EU-Beitrittsverhandlungen durch Slowenien gelassen unter "ferner liefen" ablegen. Deren seit 1991 währender Streit um die exakte Seegrenze in der Bucht von Piran und um den Zugang zu internationalen Gewässern - eine Petitesse. Wird sich schon auflösen im Strom des historischen Prozesses, der am Ende wohl alle Balkanstaaten in die Europäische Gemeinschaft führen wird!

Aber - leider - so harmlos ist es nicht. Dieser Streit führt vor Augen, dass die Ausläufer der Balkankriege des vergangenen Jahrhunderts in Brüssel ganz handfest auf dem Tisch liegen, was Europa immer schon gerne verdrängt hat. Und die EU-Beitrittsverhandlungen mit Kroatien sind kein isoliertes Ereignis, das auf andere wichtige EU-Politiken keinen Einfluss hat, im Gegenteil. Ein Scheitern könnte im EU-Wahljahr 2009 den gesamten Fahrplan sprengen.

Erstens: An Kroatien hängt die langfristige Balkanstrategie der Union - Schritt für Schritt sollen die exjugoslawischen Teilrepubliken befriedet werden. Nach Kroatien will man Serbien, Mazedonien usw. Richtung Mitgliedschaft und Stabilität führen.

Zweitens: Mit dem geplanten EU-Beitritt Kroatiens Anfang 2010 ist auch ein erfolgreicher Abschluss des EU-Vertrags von Lissabon junktimiert. Die Iren sollen ein zweites Mal abstimmen. Erst vor einer Woche haben die Staats- und Regierungschefs festgelegt, dass jene "Protokollanmerkungen" für Irland - Garantien bei Neutralität, Abtreibungsverbot, Steuern - technisch über den Beitrittsvertrag Kroatiens ratifiziert werden. Der Vorteil: Sagen die Iren Ja, gilt Lissabon - die übrigen EU-Staaten müssen nicht noch einmal ratifizieren.

Der Nachteil: Die Union ist damit zum Erfolg bei den Verhandlungen mit Kroatien verdammt. Denn wie soll man die Iren überzeugen, Ende 2009 für den Lissabon-Vertrag zu stimmen, wenn ein Kroatien-Vertrag inklusive irischer Sonderrechte nicht in Sicht ist?

Eine politische Doppelmühle. Genau das nutzt Slowenien jetzt beinhart aus, um seine Interessen durchzuboxen. Kein Wunder, wenn die Kroaten schäumen. Aber es hilft ihnen nichts.

Denn, drittens: Ohne Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags gibt es keine weiteren EU-Beitritte. Darauf hat sich wiederum Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy längst festgelegt.

Eine komplexe Lage also. Die beteiligten Länder können unter dem Stichwort "Luxemburger Prozess" nachschlagen, wie man solche Probleme in Europa immer gelöst hat. Wenn ein Staat etwas zur wichtigen Sache erklärt, müssen alle anderen darüber verhandeln. Gesprächsabbruch verboten! Am Ende muss jeder nachgeben. Das sollte Kroatien nicht schwerfallen. Wird es EU-Mitglied, fallen bald die Grenzen nicht nur zu Slowenien. Gemeinsame kroatisch-slowenische Küstenpatrouillen können dann über Kriege und Seegrenzen räsonieren. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2008)

 

 

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Posting 1 bis 25 von 52
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ofntschentsche
21
24.12.2008, 09:27
Eigentlich nix neues, was die Slowenen ...

... da abziehen. Bei ihren Bestrebungen ein Slowenien maximaler Größe zu bauen, waren die Slowenen noch nie zimperlich. So versuchten sie schon nach dem ersten Weltkrieg sich GANZ Kärnten unter den Nagel zu reissen. Unter dem Motto, wo jemals ein Südlslawe lebte, ist automatisch südslawisches (=slowenisches) Territorium. Probier´mer´s mal mit Maximalforderungen und schau´mer was nachand noch überbleibt. Kennt man, weiss man. Dementsprechend ist auch Vorsicht geboten.

Adolf Ogi
11
20.12.2008, 21:50
Meereszugang

also ich kann schon verstehen, dass die Slowenen von ihrem kurzen Küstenabschnitt auch gerne einen Korridor zu den internationalen Gewässern haben wollen und dass die Kroaten wegen den 5 km2 Wasserfläche so ein Tam-Tam machen ist eher nationalistische Prinzipienreiterei. Sogar Moldawien hat durch seine 2 km Donauufer Zugang zu internationalen Gewässern, wieso also Slowenien nicht? Um die Fischfangrechte in dem winzigen Gebiet geht's ja offensichtlich nicht.

Evro pa
11
20.12.2008, 12:42

Kroatien will seit Jahren diesen Streit von einer dritten unabhängigen Instanz lösen lassen, z.B. den Gerichtshof für Seerechtsfragen in Hamburg oder das Int. Gericht in Den Haag.

Nach dem Buchstaben des Völkerrechts ist Zagreb im Recht: Grenzen in Buchten werden in der Regel so gezogen, dass man von Kap zu Kap eine Linie zieht und diese auf der Mitte teilt.

Ist das vielleicht der Grund, warum Slowenien dies ablehnt?!

Johnny Chicago
10
20.12.2008, 01:52

Also diese paar Quadratkilometer See könnten die Kroaten den Slowenen ruhig überlassen.
Kroatien hat einen derart grossen Seezugang dass Sie in betracht der ca. 18 SM langen Slowenischen Küste schon etwas grosszügiger sein könnten. Wäre es eine Diskution über einen Zugang zur offenen See von Bosnien-Herzegovina würde ich Kroatische Bedenken ja noch verstehen, hier sind es wirklich nur ein paar Striche auf der Seekarte.
Dass die Slovenische Regierung das über den EU-Beitritt erpressen will halte ich für kindlich und den Beziehungen zum potentiellen EU-Nachbar gegenüber sehr Unkonstruktiv.

Peter T
00
19.12.2008, 18:56
Liegt der Schlüssel...

...für dien Piran-Bucht Streit etwa in einem Nebensatz, der in einem der Berichte gestanden ist?
Nämlich, daß der eigene Zugang zu internationalen Gewässern bestimmt, ob Slowenien als Adria-Anrainerstaat gewertet wird oder nicht?
Wenn so, dann wäre der Streit schon etwas verständlicher.
Mit dem Status ist sicher Mitsprache in diversen Gremien verbunden.
Den wollen die Slowenen (verständlicherweise) haben, und anderen Anrainern (Kroatien) wäre es wohl lieber, keinen weiteren Staat zu haben der bei Verhandlungen mitreden darf.

marenostrum
00
31.12.2008, 00:35
....der schlüsse liegt darin...

...dass jedes land daran denkt was passieren könnte, sollte es irgendwann einmal die EU nicht mehr geben. dann würden die heute beschlossenen grenzen als nationale staatsgrenzen gelten und das ist das problem des ganzen. denn in einer eu ist all das absolut uninteressant. wobei ich ihnen recht gebe dass die mitsprache in gremien sicherlich ein grund sein könnte!

a las barricadas
00
19.12.2008, 18:09
ey alder, voll die mucke was da abgeht

aber keine angst, jetzt kommt supi-sarkosy und mini-me merkel, die werden den beiden streithähne die köpfe waschen.

Taji Soron
22
19.12.2008, 17:56
Eigentlich

sollte auch Sloveniens EU Mitgliedschaft bis zur Beendigung des Konflikts ausgesetzt werden (mal ganz unabhängig davon, ob das jetzt juristisch möglich wäre oder nicht). Dieser kindisch-nationalistische Kleinkrieg am Balkan passt einfach nicht in ein vereintes Europa!

The Man With the Plan
00
19.12.2008, 16:35

Ich finde eigentlich die Haltung Grenzstreitigkeiten VOR einem Beitritt zu beseitigen recht vernünftig. Wenn Kroatien einmal bei der EU ist, wird das kaum noch möglich sein. Slowenien eine halbe Bucht, aber keinen Zugang zur Adria zu gewähren, ist eigentlich ebenfalls eine Farce. Das bissl Wasser wird Kroatien auch nicht umbringen, zumal man ja offenbar bereit ist bei anderen Grenzstreitigkeiten Zugeständnisse zu machen. Vielleicht muss die EU in diesem Fall eben beide Länder an einen Tisch setzen und zwingen einen Kompromiss zu finden.

quinquatrus maiores
00
19.12.2008, 16:25
Zum stupiden Titel

Wie der ORF direkt zeichnet sich nun auch der Standard als unfähig aus, mit dem Begriff "Balkan" richtig umzugehen. Bei aller Kritik an Slowenien, - Slowenien ist kein Balkanland, wie man es fälschlich in den Nachrichten hören kann.
Auch der Begriff "Westbalkan" wurde von Nebochanten erfunden.

Quirl, Wirl, Wirler, Wirtel
00
20.12.2008, 15:33
Slowenien ist ein Alpenland

Politiker und Journaille verwechseln die Gebirge!

Kohlhaas1
11
19.12.2008, 15:35
Die Slowenen haben absolut Recht.

Die EU darf sich keinen unbereinigten Konflikt einfangen.
Das wäre Sprengstoff.
Also muß VOR einem allfälligen Beitritt die rechtliche Situation erstmal erledigt sein.
Das hat mit den Slowenen nur insoweit zu tun, als die Partei und in der EU sind.
Die Union hätte vor einem Beitritt der Slowenen schon reagieren müssen.
Aber was will man von hauptsächlich sich selbst beweihräuchernden Politpfründnern.
Die haben sich doch auch von den griechischen Zyprioten an der Nase nehmen und betrügen lassen.
Das hat übrigens Tradition, denn vor diesem Hintergrund hätte nichtmal Griechenland aufgenommen werden dürfen.
Die ererbten Konflikte machen schon so genug zu schaffen , Also braucht es nicht noch Ein

marenostrum
00
31.12.2008, 00:37
...ich gebe ihnen recht...

...nur wäre es vor einem slowenischen beitritt notwendig gewesen denn so sind die EU aussengrenzen nicht definiert was das grössere problem darstellt als EU innengrenzen - nicht wahr?!

Quirl, Wirl, Wirler, Wirtel
00
19.12.2008, 21:27
Unbereinigte Konflikte sind der EU Liebkind:

Siehe die Aufnahme Zyperns in die EU.

Ammit
00
19.12.2008, 14:28
...wo kommen wir denn hin...

...ohne als aussenstehender wertfrei urteilen zu können, reicht es mir schon wenn jemand auf seine grenzen besteht...

...haben die leute denn keine visionen?...

...am beispiel österreichs könnten sie lernen, dass alle noch so plausiblen interessen des eigenen volkes - transit, gentechnik, akw-temelin - verleugnet werden müssen und selbst eine demokratisch gewählte regierung seitens der wahren europäer zu einer besudelungsorgie herhalten muss...

...nach den irischen eigenbrötlern die sogar das volk abstimmen lassen nun dies...es reicht...

Michael Holzermayr2
00
19.12.2008, 14:16
Was hätten doch die Bürokraten in Brüssel

für ein ruhiges Leben, wenn es in der EU keine Mitglieder gäbe!
Fahrpläne könnten eingehalten werden, alles liefe nach Plan und man könnte sich perament feiern.
Blödsinnigerweise weicht Ist manchmal vom Plan ab. Wat nu?
Der Grenzstreit zwischen Sloweinien und Kroatien war ja nun wirklich nicht vorhersehbar!

Ante de Panama
00
19.12.2008, 13:20
"Die Grenzen fallen"

Das politische und historische Wissen solcher "Meinungsmacher" ist einfach nur erschreckend. Wo genau im Vertragswerk ist bitte die schleierhafte Kompetenz der EG oder gar der EU (!) zur Regelung der Staatsgrenzen zu finden? Oder einfacher gefragt: Welche Staatsgrenzen hat "die EU" beseitigt?

Über den letzten Satz staunt man aber noch mehr. Über welchen Krieg genau sollten kroatische und slowenische Grenzbeamte denn räsonieren?!? Was sind "gemeinsame Küstenpatrouillen"? - Rettungsschwimmer? Paritätisch besetzte Papagalli-Einheiten? ;)

ceterum censeo3
00
19.12.2008, 18:02

ist ja gut. nennen sie's halt weiterhin grenze, wenns ihnen hilft. waren, personen und alles andere zirkulieren frei darüber hinweg, aber für sie können wir ja einen roten strich hinmalen, damit sie die leute auf der anderen seite hassen können oder was immer ihr genauer plan ist.

Dreistein
 
01
19.12.2008, 09:19
Streit- und Konfliktpotential

Nachdem es das große Ziel der EU ist, alle Balkanstaaten in die Union aufzunehmen, dürfen wir uns auf ein permantentes Streit- und Konfliktpotential freuen, welches die Brüsseler Institutionen beschäftigen wird. Das hat natürlich auch sein Gutes, denn dadurch ist die EU derart mit sich selbst beschäftigt, dass allfällige Großmachtspläne hint angestellt werden müssen.

Birger Jarl II
00
19.12.2008, 19:33

Meine Rede.

Michael Holzermayr2
03
19.12.2008, 08:59
Was bedeuten die

letzten beiden Sätze?
Welche Qualifikationen braucht man, um im Standard schreiben zu dürfen?

skip it
10
19.12.2008, 10:52
wollen's es wirklich wissen?...

...wie waer's mit einer bewerbung ihrerseits?

Quirl, Wirl, Wirler, Wirtel
00
20.12.2008, 20:00

Wollen S' es wirklich wissen,
wie man das Auslassungszeichen richtig verwendet,
wollen Sie 's wirklich wissen?

skip it
00
22.12.2008, 07:55
weiss ich, danke, ich wurde hierorts schon mehrfach darauf hingewiesen,...

...wissen auch einige andere, die's ebenso falsch verwenden wie ich.

quinquatrus maiores
00
23.12.2008, 10:05
die es

die 's

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