
Durchdachtes Gestalten und spontane Eingebungen bis zur letzten Note: Alfred Brendel bei seinen letzten Konzerten.
Ein Rück- und Ausblick.
Wien - Schlagworte haben meist etwas Treffendes an sich; und doch verfehlen sie in der Regel ihr Ziel, wenn es darum geht, der Komplexität eines Phänomens gerecht zu werden. Das Wort vom "Philosophen am Klavier", das für Alfred Brendel schon so etwas wie einen Beinamen bildet, ist aber der seltene Fall einer rundum glücklichen Formulierung.
Sie benennt nämlich die wahrscheinlich wesentlichste Fähigkeit, die der Pianist wie kaum jemand anderer seiner Zeit kultiviert hat: Reflexion musikalisch direkt zu vermitteln. Bei allem brillanten Feinschliff ließ er stets leisen Zweifel durchklingen, vermittelte Ironie und Witz in immer neuen Nuancen - je weiser er wurde, umso mehr.
Das in sich Gekehrte als grundsätzliche Haltung und als Ausgangspunkt seiner Interpretationen schien bei ihm stets die Voraussetzung zu sein, um aus sich herauszutreten, der Umweg über das Selbstgespräch, mit dem er sich den Stücken zuwendete, erst den Kontakt zu den Zuhörern zu ermöglichen.
Nur scheinbar paradox ist es auch, dass Brendel seine eigentliche Kraft aus der sonst oft stumpfsinnigen Wiederholung des immer gleichen Repertoires schöpfen konnte: Je länger die Karriere des heute 77-jährigen österreichischen Wahl-Londoners dauerte, umso mehr beschränkte er sich im Wesentlichen auf nur wenige Werke der Klassik und reiste zuletzt am liebsten jeweils mit einem einzigen Programm durch die Welt, das sich auf Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert konzentrierte.
Momente der Einmaligkeit
Diese Reise ist nun offiziell beendet, und es wäre nicht Brendel, hätte er das lange geplante Ende seiner aktiven Karriere - das er bereits mit 75 ins Auge gefasst hatte - nicht mit Bedacht gestaltet: nicht mit jenem Solorezital, mit dem er noch vor wenigen Tagen in Deutschland auftrat, sondern in einem Konzert der Wiener Philharmoniker mit seinem alten Mitstreiter Charles Mackerras.
Natürlich, ist man versucht zu sagen, wählte Brendel W. A. Mozart und mit dem "Jenamy"-Konzert ein Werk, das ihm mit seinen trickreichen Eigenheiten besonders entgegenkommt. (Über die irrige Bezeichnung "Jeunehomme-Konzert" klärt Michael Lorenz im Programmheft noch den Letzten auf, zu dem sich das noch nicht herumgesprochen hat.)
So verstand es Brendel am Mittwoch im Musikverein - am Donnerstag folgte dann mit demselben Programm sein allerletzter Auftritt - mit seiner Mischung des gründlich und systematisch durchdachten Ganzen von Werkarchitekturen und plötzlicher Eingebung mit aller Kraft einer Spontaneität, die auf Wissen beruht, zu fesseln.
Auch für Franz Schuberts Ges-Dur-Impromptu, das er als eine der Zugaben spielte, galt dasselbe: Mit vollkommener, abgeklärter Ruhe gewann er dem tausendfach Gespielten und Gehörten noch einmal Momente der Einmaligkeit und größter Eindringlichkeit ab und rechtfertigte so die allgemein herrschende Begeisterung, wenn die Ehrbezeugungen des Publikums wohl auch seiner ganzen Karriere galten.
Untrennbar mit dieser Karriere verbunden sind die verbal formulierten Erkenntnisse des Musikers, die er zuletzt im dickleibigen Essayband Über Musik (Piper 2005) zusammenfasste. Eine nicht unwesentliche Facette seines Charakters geben auch seine teils skurrilen Gedichte wieder, in denen er sich etwa über eine Raubtiere züchtende Kollegin auslässt oder über die "Huster von Köln" mokiert.
Zusammenfluss der Gedanken
Am beeindruckendsten fließen seine verbalen und musikalischen Gedanken allerdings dort zusammen, wo Brendel gleichermaßen spricht und spielt - etwa späte Klavierwerke Schuberts, den er wortreich gegen seine Liebhaber verteidigt (auf fünf Euroarts-DVDs erhältlich). Ebenso nachhören kann man inzwischen nicht nur eine Auswahl Brendels in der Reihe "The Artist's Choice" (Philips), sondern auch frühe Aufnahmen für die Labels Vox, Turnabout und Vanguard (Brilliant Classics).
Man muss nicht mit allem an seinen Interpretationen einverstanden sein, um hier auf bemerkenswerte Fundstücke zu stoßen, etwa mit großer Verve gespielte Werke von Robert Schumann oder Franz Liszt - oder Frédéric Chopin (!), dem Brendel mit einiger Skepsis doch einen eigenen Ton abringt.
Auch wenn er nicht mehr konzertieren möchte, auftreten wird Brendel weiterhin: So hat er für kommendes Jahr Vorträge im Rahmen der "Schule des Hörens" bei den Salzburger Festspielen, bei der Schubertiade und anderswo angekündigt. Da wird es um einige seiner Lieblingsthemen gehen, etwa das "umgekehrt Erhabene", also das Komische in der Musik, oder über den "Charakter in der Musik" - dem Alfred Brendel selbst immer ein unverwechselbares Gepräge zu geben verstand. (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.12.2008)
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