Heidi Klum und die "Unterwerfung unters Patriarchat"

14. Dezember 2008, 18:00
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Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas analysiert TV-Sendungen wie "Germany's Next Topmodel" oder "Das Model und der Freak". Ihre Kritik: Die Shows verbreiten sexistische und neoliberale Mythen

Salzburg - "Du musst es wollen, Baby", schreibt Heidi Klum als oberste Regel in ihr Buch "Heidi Klum - natürlich erfolgreich". Für Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas ist dieses Credo zentraler Bestandteil eines neoliberalen Mythos, der von Fernsehsendungen wie Heidi Klums "Germany's Next Topmodel" propagiert wird.

Thomas hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Analyse von Showformaten wie etwa Klums Model-Suche, aber auch „Das Model und der Freak", "Popstars" oder „Deutschland sucht den Superstar" beschäftigt. Im Augenblick ist die Juniorprofessorin der Uni Lüneburg als „Scientist in residence" des Salzburger Zentrums für Gender Studies und Frauenförderung „gendup" in der Mozartstadt zu Gast, Mitte Dezember gab sie in einem Vortrag Einblick in ihre Forschungsarbeit.

"Zwanghaftigkeit der Selbstinszenierung"

Die Gemeinsamkeit der von ihr untersuchten Formate liegt für Thomas zunächst darin, dass sie „nachhaltig" in das Leben der beteiligten Personen eingreifen und in der Öffentlichkeit eine „Zwanghaftigkeit der Selbstinszenierung" propagieren. Die neoliberale Idee der „Selbstvermarktung" werde in Szene gesetzt, der Mythos des "Leistungsgedankens" „mittels Selektionsriten perpetuiert".

Verwerte dein Humankapital!

"Der Appell lautet - kurz gesagt: Jede/r ist Experte in eigener Sache, verantwortlich dafür, sein eigenes Humankapital mit maximalem Gewinn und auf eigenes Risiko zu verwalten und zu vermarkten", erklärt Thomas. In den Shows habe das zugleich „geschlechtsspezifisch, in den meisten Fällen heterosexuell und gemäß der (zugeschriebenen) ethnischen Zugehörigkeit" zu erfolgen.

Besonders "Germany's Next Topmodel" habe auch in der breiten Öffentlichkeit eine kritische Diskussion ausgelöst, sagt Thomas. Zumeist sei die Kritik aber dabei stehen geblieben, der Sendung zu unterstellen, sie führe bei jungen Mädchen vor dem Fernsehschirm zu einem erhöhten Risiko von Magersucht. Auch die empirische Medienforschung habe sich besonders ausführlich mit diesem Phänomen beschäftigt, meist aber nur mit einer einfachen Reiz-Reaktions-Theorie.

Einübung des "männlichen Blicks"

Die "Vermessung und Verdatung von Körpermaßen" sei zwar sehr wohl Ausgangspunkt der Sendung, die Wirkung gehe aber darüber hinaus. Unter einer "politisch-kritischen Perspektive" betrachtet, lade die Show ein "zur Unterwerfung unter patriarchalische Strukturen und zur Einübung und Internalisierung des männlichen Blicks". "Aufforderungen zur Arbeit am eigenen (Körper-)Ich, zur Unterwerfung unter Normalisierungserwartungen und Konformitätsdruck" seien stets Bestandteil von TV-Formaten dieser Art.

Prozesse der Selbstverdinglichung

Nicht viel besser fällt das Urteil von Tanja Thomas aus, wenn in der Sendung „Das Model und der Freak" zur Abwechslung einmal nicht Frauen, sondern Männer an sich arbeiten. Die Show, bei der in jeder Ausgabe zwei schüchterne Männer durch eine neue Frisur, Körpersprachetraining oder ein Rollenspiel als „Drill Instructor" in Frauenhelden verwandelt werden sollen, lade "zur Einübung in hegemoniale Männlichkeitspraktiken, in sexistisches Denken und Prozesse der Selbstverdinglichung" ein.

Der Mythos vom "Leben nach Wahl"

Gemeinsam hätten die beiden Sendung auch, dass "das Verfügen oder Nichtverfügen über ökonomische Ressourcen" als Voraussetzung für die "Arbeit am eigenen Ich" stets verschwiegen werde, kritisiert Thomas. Gerade das mache solche Formate offenbar attraktiv: "Ein Grund ist offenbar die Aufführung des Mythos von dem sich selbst verwirklichenden Ich - vom 'Leben nach Wahl' im Zeitalter von Ungleichheit und ungewisser Anerkennung."

Jugendliche nehmen nicht alles hin

In nächster Zeit möchte Thomas sich verstärkt Interviews und Gruppendiskussionen mit SeherInnen solcher TV-Formate widmen, um mehr über die Art und Weise zu erfahren, wie diese wahrgenommen werden. Eines hat sie in der Arbeit mit zehn- bis elfjährigen Schülerinnen schon herausgefunden: Nicht alles, was in den Shows passiert, wird kritiklos hingenommen. Als Heidi Klum in einer Szene von "Germany's Next Topmodel" etwa Kleidungsstücke der Teilnehmerinnen öffentlich in einen Container mit der Aufschrift "Fashion Trash" warf, fanden die Jugendlichen das „entwürdigend". (Markus Peherstorfer, dieStandard.at, 14.12.2008)

  • "Du musst es wollen, Baby" - Heidi Klum mit der Gewinnerin der dritten Staffel ihrer Nachwuchsmodel-Show.
    foto: apa/dpa/jörg carstensen

    "Du musst es wollen, Baby" - Heidi Klum mit der Gewinnerin der dritten Staffel ihrer Nachwuchsmodel-Show.

  • Großer, wenngleich inszenierter Andrang beim öffentlichen Casting zur vierten Staffel von "Germany's next Topmodel" in Düsseldorf: Die Bewerberinnen liefen aus der U-Bahnstation in Richtung Messegelände.
    foto: ap/martin meissne

    Großer, wenngleich inszenierter Andrang beim öffentlichen Casting zur vierten Staffel von "Germany's next Topmodel" in Düsseldorf: Die Bewerberinnen liefen aus der U-Bahnstation in Richtung Messegelände.

  • "Germany's Next Topmodel" lädt zur Einübung des männlichen Blicks ein, kritisiert Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas.
    foto: pluschkowitz

    "Germany's Next Topmodel" lädt zur Einübung des männlichen Blicks ein, kritisiert Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas.

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