Warum wir bald sehr alt ausschauen

  • Entweder die Österreicher entscheiden sich sofort für mindestens drei Kinder pro Familie, oder man erhöht die Einwanderung
    foto: standard/hendrich

    Entweder die Österreicher entscheiden sich sofort für mindestens drei Kinder pro Familie, oder man erhöht die Einwanderung

Die Österreicher scheinen sich als Inselvolk zu sehen, das unabhängig von der Welt ihr Schnitzel genießen kann - von Carl Djerassi

Die Ergebnisse der letzten österreichischen Wahlen haben große Erfolge für Parteien gebracht, die ausländerfeindlich orientiert sind. Auch wenn die Hinwendung zu diesen Parteien nicht nur mit xenophoben Motiven begründet werden kann, hat mich die Verstärkung dieser Tendenzen sehr überrascht - nicht nur aus moralischen Gründen, sondern auch weil sie eine dümmliche Haltung dokumentieren. Offenbar haben fast 30 Prozent der Einwohner dieses Landes ihre Ausbildung in Schulen erhalten, die nichts über die demografische Situation in der jetzigen Welt lehren.

Gott segne das Schnitzel

Diese Österreicher unterliegen noch immer der Illusion, dass ihr kleines Land nicht in der Mitte von Europa liegt, sondern auf einer Insel, wo der liebe Gott sie unabhängig vom Rest der Welt leben und ihr Schnitzel genießen lässt. Noch erschreckender ist die Beobachtung, dass die Mehrheit dieser Wähler xenophober Parteien unter 30 ist. Mein Beitrag soll helfen, diese Menschen aufzuwecken.
Ich möchte mit dem realistischen Faktum beginnen, dass zwischen Sexualität und Reproduktion in Zukunft keinerlei Zusammenhang bestehen wird. Im Grunde ist diese Trennung im katholischen Österreich, einem Land mit durchschnittlich 1,4 Kindern pro Familie, schon vollzogen. Die meisten Österreicher genießen Geschlechtsverkehr, ohne dabei ein Kind bekommen zu wollen oder zu bekommen.

Horrorszenario

Da ein Land ungefähr 2,1 Kinder pro Familie braucht, um demografisch auch nur den Status quo zu wahren, ist es klar, dass die Bevölkerung eines 1,4-Kinder-Landes in diesem Jahrhundert schrumpfen wird. Statt die naiven Wähler ausländerfeindlicher Parteien mit dem konkreten österreichischen Horrorszenario zu schockieren, möchte ich mit der Situation eines Nachbarlandes beginnen, das mehr oder minder dieselbe Sprache spricht, aber zehnmal größer ist, nämlich Deutschland.

Beide Länder, wie auch die meisten anderen in Europa, leiden an einer ernsten Krankheit, dem raschen Altern der Bevölkerung, das quantitativ am leichtesten durch den Prozentsatz der Bevölkerung, der älter als 65 Jahre ist, ausgedrückt werden kann. In dieser Beziehung ist Deutschland sehr krank, da es von den 195 Ländern der Welt das viertälteste ist - mit 18,3 Prozent der Bevölkerung über 65. Österreich mit "nur" 16 Prozent der Bevölkerung über 65 ist das dreizehntälteste unter diesen 195 Ländern - im Vergleich zum todkranken Deutschland nur ein minimaler Unterschied.

Natürlich wird die Bevölkerung nicht nur älter, sondern sie schrumpft auch. Man schätzt, dass Deutschland ungefähr 200.000 neue Einwanderer pro Jahr brauchen würde, um seine jetzige Bevölkerungszahl zu bewahren.

Wir schrumpfen

Was würde passieren, wenn ein solches Land keine Einwanderung hätte? Nehmen wir Bulgarien, ungefähr genauso groß wie Österreich, 17 Prozent der Bevölkerung sind über 65 Jahre. Laut Vorhersagen wird die Bevölkerung dort im Jahre 2050, verglichen mit 2007, um 34 Prozent geschrumpft sein!

In Österreich gibt es jetzt schon mehr Menschen über 65, als Kin_-der unter 15 Jahren. In Japan, dem zweitältesten Land der Welt, schätzt man, dass 40 Prozent der Bevölkerung in den nächsten 50 Jahren über 65 Jahre alt sein werden. Man muss kein Wirtschaftswissenschafter oder Demograf sein, um zu verstehen, dass in diesem Jahrhundert in vielen Ländern eine unmögliche Situation entstehen wird. Es wird nicht mehr genug junge Beschäftigte geben, welche die notwendige gesellschaftliche Arbeit und die Deckung der Pensionskosten übernehmen werden können.

Die dramatische Entwicklung lässt sich anhand demografischer Grafiken nachvollziehen, die einen demografischen "Bauch" in der Altersgruppe zwischen 30 bis 55 Jahren zeigen, der sich in den nächsten 30 Jahren in einen demografischen "Kopf" verlagern wird. Österreich sieht in dieser Beziehung genau wie Deutschland aus, mit dem einen Unterschied, dass Deutschland ein Riese und Österreich ein Zwerg ist. Das heißt, dass die Bevölkerungsstruktur dieser Länder am Ende dieses Jahrhunderts so bizarr wie Sun City, Arizona, aussehen werden.

Demografische Pyramiden

Diese demografische Übergewichtigkeit ist noch bedrohlicher als die Epidemie an übergewichtigen Menschen, denen man heute in Amerika und Europa überall begegnet. Während der Einzelne sein Übergewicht aktiv durch eine Diät oder mehr an Bewegung bekämpfen kann, ist die demografische Übergewichtigkeit bedrohlicher: Sie zieht unerbittlich vom Bauch zum Kopf, sodass innerhalb eines halben Jahrhunderts unser demografischer (Landes-)Körper aus einem Riesenkopf auf sehr dünnen Beinen bestehen wird. Um diese Probleme mit ihren komplizierten ökonomischen, politischen und sozialen Konsequenzen zu lösen, wird es viele Jahrzehnte brauchen.

Will man über eine Lösung oder zumindest Verlangsamung dieses Prozesses nachdenken, muss man, genau wie in der Umwelt- und Klimaproblematik, in den nächsten Jahren anfangen und darf nicht mehr warten.

Die Lösung liegt auf der Hand: Entweder es entscheidet sich die Mehrheit junger Österreicher/-innen sofort für mindestens drei Kinder pro Familie (was kaum wahrscheinlich ist), oder man erhöht die Einwanderung junger, arbeitsfähiger Menschen aus anderen Ländern, die bereit sind, sich kulturell innerhalb einer Generation zu assimilieren. Menschen, die jung genug sind, um auch ihre zukünftigen Kinder in Österreich großzuziehen und sich dadurch noch schneller assimilieren. Gerade weil diese Möglichkeit so naheliegt, sind die letzten Wahlresultate nicht anders denn als dümmlich zu bezeichnen.

Nationaler Selbstmord

Wenn sich diese neuen Wähler einwanderungsfeindlicher Parteien nicht sogleich entscheiden sollten, Großfamilien zu produzieren, ist die xenophobe Ablehnung einer intelligenten Immigrationspolitik ein Rezept für den nationalen Selbstmord. Da ich die Wahlresultate als "dümmlich" beschreibe, will ich erklären, was eine "intelligente" Immigrationspolitik wäre.

Da Einwanderung zumindest ein Teil der Lösung sein muss, würde ich vorschlagen, zu einer aktiven Politik zu wechseln, also zu versuchen, Menschen nach Österreich zu bringen, die sich nicht nur assimilieren, sondern ökonomisch und gesellschaftlich zur Entwicklung des Landes beitragen können.

Osteuropäische Länder, die natürlich Einwanderer mit der besten kulturellen Anpassungsfähigkeit liefern könnten, haben genauso wenig Kinder wie Deutsche oder Österreicher und können kaum zur Lösung der demografischen Katastrophe beitragen.

Holt Inder und Nigerianer rein

Geeigneter erscheinen mir in dieser Hinsicht Indien, Nigeria (in der Hauptsache seine katholischen Teile) sowie Brasilien. Es ist wahrscheinlich, dass diese drei Länder im Jahr 2050 in der Bevölkerungszahl Platz eins, sechs und sieben belegen werden. Alle drei Länder haben viele Universitäten mit vielen jungen Menschen, die an einer Migration nach Europa interessiert sind. Das Hauptproblem einer Auswanderung nach Deutschland oder Österreich ist natürlich die Sprache, da Deutsch im Ausland nicht genügend unterrichtet wird.

Deutsch aber erst nach der Einwanderung zu lernen ist ein Riesenhemmnis. Wie wäre es, eine österreichische Organisation, ähnlich dem deutschen Goethe-Institut, in einigen der wichtigsten Universitätsstädte dieser Länder (z.B. Hyderabad, Bangalore, Ibadan, Ile-Ife, São Paulo und insbesondere Rio Grande do Sul, wo es viele Deutsche gibt) einzurichten, mit einem Schwerpunkt auf intensivem Sprachunterricht.

Aktive Politik

Das wäre ein vergleichsweise billiges Experiment, das zeigen würde, ob Österreich ein attraktives Auswanderungssziel für jüngere Leute sein könnte, die ihre Familien dann in Österreich gründen. Diese Strategie könnte eine kulturelle und wirtschaftliche Integration ermöglichen, die sich sehr von der Situation der "Gastarbeiter" früherer Jahrzehnte unterscheiden würde. Die Vorteile einer solchen aktiven Immigrationspolitik für ausgebildete Einwanderer wurden seit den 60er-Jahren in Amerika bewiesen, als die sehr restriktiven Quoten für Immigranten aus Asien für gut ausgebildete Personen dramatisch erweitert wurden.

In gewissen amerikanischen Hightech-Bereichen und an Elite-Universitäten wie zum Beispiel in Stanford, sind jetzt mehr als ein Drittel der Mitarbeiter oder Studierenden Ausländer, hauptsächlich aus Asien. Die USA sind eines der wenigen entwickelten Länder, deren Bevölkerung noch wächst, anstatt abzunehmen. Der einzige Grund hierfür ist die Einwanderung, insbesondere aus Lateinamerika. Im Jahr 2050 wird es mehr Kalifornier lateinamerikanischer Herkunft als solche aus Europa geben.

Als Amerikaner aus Wien - oder amerikanischer Wiener - halte ich es für meine Pflicht, diese kaum jemals ausgesprochenen Implikationen der Ergebnisse der letzten Wahl deutlich zu machen.
(DER STANDARD Printausgabe, 12.12.2008)

Zur Person

Carl Djerassi ist Chemiker und Schriftsteller. Er entwickelte im Jahr 1951 die erste Antibabypille

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