Die Unschuld des Lesenden

12. Dezember 2008, 16:27
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Am Sonntag wäre die österreichische Ausnahmeautorin Marianne Fritz 60 Jahre alt geworden - Eine Annäherung an ihr Lebenswerk "Die Festung"

Aufgabe einer Festung ist es, diejenigen, die sich darin befinden, zu schützen, indem diejenigen, die nicht darin sind, ferngehalten werden. Sie erfüllt diese Aufgabe, indem sie erstens aus hartem, beständigem Material erbaut ist, zweitens eine innere Ordnung aufweist, die von außen nicht als solche zu erkennen ist, und drittens um sich herum ein offenes Terrain hat, damit diejenigen, die sich der Festung nähern, den Waffen der Festungsbesatzung preisgegeben sind.

Wer sich einer Festung nähert, tut dies nicht nur auf eigene Gefahr, sondern auch schutzlos - nur diejenigen, denen es gelingt, in sie einzudringen, kommen in den Gebrauch ihrer Vorzüge.

Um die Textfestung der Marianne Fritz verhält es sich nicht anders. Es ist weder leicht noch ungefährlich, sich ihr zu nähern; vielfach wird davor gewarnt. Nach außen ist die Festung schroff, extrem abweisend, in vielen Augen vollkommen unzugänglich.

Bevor wir die abweisenden Mauern nicht überwunden haben, wissen wir gar nicht, was darin ist und ob sich der Aufwand des Eindringens lohnt; erst wenn wir die Festung betreten haben, können wir versuchen, uns zu orientieren. Ob sich uns die inneren Ordnungen offenbaren, bleibt allerdings auch dann noch fraglich, so komplex sind sie angelegt. Und doch finden wir in dieser Festung einen einzigartigen Raum vor, wie es ihn sonst nirgendwo gibt, schon gar nicht in der Gegenwartsliteratur.

Erdrückende Dimensionen

Marianne Fritz, die im Oktober des Vorjahres an einer schweren Blutkrankheit starb und am 14. Dezember 60 Jahre alt geworden wäre, hat ihr Lebenswerk Die Festung genannt, und wer auf dieses Lebenswerk schaut, kann die Analogien schwerlich übersehen. Von den Dimensionen dieser Festung werden wir schier erdrückt - Die Schwerkraft der Verhältnisse (1978 bei S. Fischer) heißt der erste Schritt hinein, eine Erzählung über eine Kindsmörderin namens Berta Schrei. Ihr Name und ihre Tat weisen auf das voraus, was uns die nächsten Fritz-Romane schon in den Titeln verheißen: Gewalt (Das Kind der Gewalt und die Sterne der Romani, 1980 bei S. Fischer) und ohnmächtige Artikulation (Dessen Sprache du nicht verstehst, 1985 im Suhrkamp Verlag).

Teilschauplatz und Fokus aller Fritz-Werke bis hierhin ist die als "Festung" bezeichnete Irrenanstalt von "Donaublau" (einem ins Fiktionale überführten Wien) - aber im Fortgang der Bücher sind wir chronologisch in der Geschichte Österreichs zurückgewandert, bis wir ins Jahr 1914 kommen, an den Ursprung der Katastrophen eines Katastrophenjahrhunderts.

Und damit ändert sich - im ambitioniertesten Teilprojekt der "Festung" , dem dreiteilig angelegten, viele tausend Seiten umfassenden Riesentext Naturgemäß - der Charakter des titelgebenden Bauwerks. Als Bauplan dient hier die Topografie der Festung Przemyœl; erzählt werden darin simultan alle archäologischen Schichten der vielfach umgebauten, zerstörten und neu errichteten Festung.

Marianne Fritz bedient sich der unterschiedlichsten Textsorten: Sie zitiert Heeresberichte und Dienstanweisungen, erfindet Märchen und Mythen, erzählt die Familiengeschichten jener Dörfer, die aus militärischen Gründen vom Erdboden getilgt wurden. Diese Festung ist "Versteinerte Seelenlandschaft" , und in dieser Landschaft montiert die Autorin ihre Erzählstränge nach komplizierten, schwer nachvollziehbaren Baugesetzen durcheinander.

Ziel des Verfahrens ist eine erzählerische Simultanität, die eine Neuvernetzung aller Bausteine ermöglicht. Dazu werden die Buchseiten geteilt, Einzelwörter und längere Satzeinheiten durch Bruchstriche zerlegt, unterschiedliche Schrifttypen benutzt; grafische Elemente, eingefügte Strukturschemata, in den Text gezeichnete Wirbel und Treppen zertrümmern den Textfluss und organisieren gleichzeitig neue Zusammenhänge.

Literarisch aufgehobener Krieg

"Im Grunde" , so beschrieb Marianne Fritz das Verfahren anlässlich des Erscheinens von Naturgemäß I (1996, Suhrkamp), "wird das Kollektivgeschehen namens Krieg vollkommen in die Sprache hinein verrückt, auf eine Weise, dass der Lesende seine Unschuld wieder bekommen kann, er ‚erfährt‘ den literarisch aufgehobenen Krieg als das ganz andere." Naturgemäß ist der literarische Versuch, den Unterwerfungsprozess, der die Individualgeschichte unter der Dampfwalze namens Krieg verschwinden lässt, in Sprache abzubilden - aber gleichzeitig diese verschüttete Individualgeschichte zumindest bruchstückhaft immer wieder einzubinden in die Walze. Dazu steigen wir tief in alle Untergründe des Daseins hinab.

Eine riesige Fülle von Geschichten, deren Textformen von Spitzelberichten bis zu Liedern und Legenden reichen, sind verwoben in die "Gedächtnislandschaft" , das "Gedächtnisgelände" (jede Großseite ihres Buches nennt die Autorin ein "Textgelände" ).

In Naturgemäß I geschieht dies mithilfe eines an Gesteinsschichten und Plattentektonik orientierten Gefügeprinzips, das die verschiedenen historischen Erlebnisebenen übereinander schichtet (und durch vertikale Stollen oder Treppen immer wieder verbindet); in Naturgemäß II (1998 bislang als letztes Werk Fritz' bei Suhrkamp erschienen) treten zunehmend Gewässer hinzu, auf deren Grund man hinabsinken oder -tauchen kann: "Alles ist im Fluß" , und es herrscht "die Triebkraft Wasser".

Die Schlusslieferung Naturgemäß III, ein Romanfragment, an dem Marianne Fritz bis zuletzt gearbeitet hat, fügt dem gewiss noch neue Aspekte hinzu; zu hoffen bleibt, dass diese Schlusslieferung (und sei es in fragmentarischer Form) bald der gar nicht so kleinen Schar von Fritz-Lesern zugänglich gemacht wird. (Friedhelm Rathjen, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.12.2008)

Hinweis:
Seit vielen Jahren bemüht sich das Theaterkollektiv Fritzpunkt (www.fritzpunkt.at) um die Darstellung des Werks der Marianne Fritz. Bei der Veranstaltung "Abwesend bei Anwesenheitspflicht - Zum 60. Geburtstag von Marianne Fritz" zeigt es einmalig einen Film von Michael Pilz über Fritz' Arbeitswelt. Rare Tonbandaufnahmen und Dokumente präsentiert der Literaturwissenschafter Klaus Kastberger: 14. Dezember, Filmhaus am Spittelberg, 20.00 Uhr.

  • Ein "Textgelände"  aus dem bislang unveröffentlichten Romanfragment "Naturgemäß III".
    foto: fritzpunkt

    Ein "Textgelände" aus dem bislang unveröffentlichten Romanfragment "Naturgemäß III".

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