Griechenland kommt nach dem Tod eines 15 Jahre alten Schülers nicht zur Ruhe - Der Schaden der Schlachten zwischen Autonomen und Polizei beträgt 100 Millionen Euro - Mit Video
Der Stadtteil Exarchia am nördlichen Rand des Athener Zentrums vermittelt auf den ersten Blick das Bild eines idyllischen Viertels, mit seinen zahlreichen klassizistischen Häusern, mit Tavernen und Cafés. Im engen Umkreis liegen auch mehrere Universitätsgebäude. Hier trifft sich die Studentenszene. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist diese Gegend aber auch Umschlagplatz für Drogen sowie Schauplatz von unzähligen Scharmützeln zwischen der außerparlamentarischen Linken sowie Autonomen und der Polizei.
Vergangenes Wochenende geriet Exarchia wieder in die Schlagzeilen. Ein 15-jähriger Schüler wurde dort durch den Schuss eines Mitglieds einer Polizeisondereinheit getötet. Der Beamte behauptet, nur Warnschüsse abgegeben zu haben, er habe den Demonstranten nicht treffen wollen. Dennoch verwandelte sich die Innenstadt schnell durch aufgebrachte Autonome in ein "Kriegsgebiet". Allein in Athen wurden Brände an 24 Bankfilialen, 35 Geschäften, 22 Pkws, 12 Wohnhäusern, sieben Buswartehäuschen sowie in einem Parteibüro der regierenden Nea Dimokratia registriert; 24 Menschen mussten wegen Verletzungen vorübergehend in Krankenhäusern behandelt werden. Zu ähnlichen Protesten kam es in allen größeren Städten des Landes. Hunderte verschanzten sich in Universitäten, in denen die Polizei laut Statut nicht einschreiten darf. Der landesweite Schaden wird bereits auf 100 Millionen Euro geschätzt.
"Verbrechen, Terror und Gewalt an der Grenze zweier Welten", titelte
die Athener Tageszeitung Eleftheros Typos am Montag. Das jüngste
jugendliche Opfer ist nicht das erste in der Geschichte dieser
städtischen Krisenregion Exarchia. Schon 1985 fiel ein ebenfalls
15-jähriger Schüler der Kugel eines Polizisten zum Opfer. Der Täter
wurde freigesprochen. Kritiker setzen genau an diesem Punkt an und
meinen, dass die Sicherheitskräfte für Fehlhandlungen nie zur
Verantwortung gezogen werden.
Immer wieder kommt es zu
unverhältnismäßiger Gewaltanwendung gegen Demonstranten. Politische
Beobachter fragen jedoch auch, warum es seit Jahrzehnten nicht gelingt,
gewaltbereite Jugendliche in Schach zu halten.
Der Tod des
15-Jährigen bringt die ohnehin politisch lädierte Regierung der
konservativen Nea Dimokratia weiter in Bedrängnis. Premierminister
Kostas Karamanlis versprach Aufklärung. Wer dafür verantwortlich sei,
dem werde "keinen Pardon" gegeben, sagte er. Der Vorsitzende der
größten Oppositionspartei Pasok, Jorgos Papandreou, kritisierte
"Willkür und zunehmende Barbarei" bei der Vorgehensweise der
Sicherheitskräfte. Am Dienstag werden alle Schulen des Landes als
Zeichen der Trauer über den Tod des Jugendlichen geschlossen bleiben.
(Robert Stadler aus Athen/DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2008)