Kein Dienstrecht - keine Laufbahnmodelle - keine Zukunft: Der fehlende Kollektivvertrag bringt den wissenschaftlichen Nachwuchs, aber auch die Unis in eine prekäre Situation
Idealismus und Begeisterung für Forschung und Lehre waren die Gründe dafür, weshalb Gudrun Kellner eine Stelle als Uni-Assistentin an der Fakultät für Informatik angenommen hat. Als Informatikerin könnte die 26-Jährige in der Privatwirtschaft wesentlich mehr als an der Uni verdienen: "Aber es macht mir Spaß und der ist mir noch nicht ausgetrieben worden", so Kellner. Seit August ist sie für 25 Stunden pro Woche angestellt. In der Arbeitszeit, aber auch in der Freizeit, schreibt sie ihre Dissertation und betreut drei Lehrveranstaltungen mit. Außerdem ist es ihre Aufgabe, im Rahmen eines Spezialprogramms junge Frauen innerhalb und außerhalb der Uni für Technik zu begeistern. Der Vertrag ist für vier Jahre befristet. Ihre Perspektive aus heutiger Sicht, so sich das Dienstrecht nicht ändert: Sie könnte nach Ende des Vertrages und mit dem abgeschlossenen Doktorat eine Post-Doc-Stelle bekommen, die wiederum auf sechs Jahre befristet ist. Und nachdem Kettenverträge verboten sind, würde sie nach der Befristung vermutlich die Hochschule verlassen müssen.
Ungewisses Dasein der NachwuchswissenschafterInnen
Viele NachwuchswissenschafterInnen führen an österreichischen Hochschulen ein ungewisses Dasein. Unbefristete Stellen gibt es für sie nur in Ausnahmefällen. Die Hoffnung auf Inkrafttreten des Uni-Kollektivvertrages (KV) und somit auch auf eine langfristige Karriereperspektive bleibt nun schon seit Jahren unerfüllt. Im April 2007 hatten sich die Universitäten und die Gewerkschaft nach vier Jahren Verhandlung auf einen Kollektivvertrag geeinigt. Darauf, ob der Uni-KV tatsächlich so wie zuletzt verkündet im Wintersemenster 2009 in Kraft tritt, darf man gespannt sein. Das Wissenschaftsministerium verspricht zwar für 2009 die Finanzierung in der Höhe von 50 Millionen Euro, aber darüber, ob die Anschlussfinanzierung gesichert bleibt, herrscht Ungewissheit an den Hochschulen. „2010 muss das Budget auf 100 Millionen Euro aufgestockt werden. In den Folgejahren brauchen wir dann 70 bis 80 Millionen Euro", sagt Christian Cenker, Vorsitzender des UniversitätslehrerInnenverbandes im Gespräch mit derStandard.at.
"Diese Leute stehen vor dem nichts"
"Die Rahmenbedingungen sind denkbar schlecht und das ist auch unser größtes Problem momentan", sagt Brigitte Ratzer, Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung an der Technischen Universität (TU) Wien zu derStandard.at. Kein Dienstrecht bedeute auch, dass keine Laufbahnmodelle entwickelt werden können. Jene NachwuchswissenschafterInnen, die sich in den letzten sechs Jahren mit befristeten Verträgen über Wasser gehalten haben, seien eine verlorene Generation, sagt Ratzer. "Das sind hochspezialisierte WissenschafterInnen, die nicht mehr ganz so jung sind." Eine Umorientierung sei oft schwierig. Auch an der Uni Wien würden in nächster Zeit einige Sechs-Jahres-Verträge auslaufen, sagt Cenker: "Diese Leute stehen vor dem Nichts". Insbesondere für Geisteswissenschafter sei die Lage prekär, denn in der Privatwirtschaft gibt es für sie nicht ausreichend adäquate Jobs.
Selbst wenn der KV nun in Kraft tritt, stehen die Chancen für die "verlorene Generation" schlecht. Denn wer gemäß des neuen Uni-KVs eine Post-Doc-Stelle haben will, müsse bestimmte Qualifizierungsschritte durchlaufen haben. "Wenn das zusammenpasst, dann ist das Zufall", so Ratzer. Was rät sie also dem wissenschaftlichen Nachwuchs? "Netzwerke aufbauen, damit man den Absprung von der Uni schafft." Cenker sieht allerdings schon das nächste Problem auf die Unis zukommen: "Der Nachwuchs wird uns fehlen. Die Zahl der Studierenden steigt, nur wer soll sie unterrichten?" (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 10. Dezember 2008)