18 Jahre lang hat der Isländer Haraldur Johannsson sehr gut gelebt in Wien. Jetzt hat die Finanzkrise seine Pension halbiert, er wird auf Staatskosten nach Island heimkehren - Eine derStandard.at-Reportage
Die Finanzkrise, die seine alte Heimat an den Rand des Bankrotts brachte, schlägt sich jetzt auch auf die persönlichen Lebensumstände des in Wien lebenden Isländers Haraldur Johannsson durch: Wegen der Abwertung der Krone gegenüber dem Euro hat sich seine Pension in wenigen Monaten halbiert. Jetzt hat er nicht mehr genug Geld zum Leben.
Er ist der einzige Isländer in Österreich, dem es so ergeht, bestätigt Botschaftsrätin Johanna Bjarnadottir im Gespräch mit derStandard.at. Mehrere solche Fälle gebe es aber in skandinavischen Ländern und in Spanien. Der isländische Staat sei bemüht, den Leuten bestmöglich zu helfen. Dazu gehöre auch die Organisation der Heimreise, die in Kooperation der isländischen Ministerien für Soziales und für Äußeres abgewickelt werden. Den Zeitpunkt der Heimreise bestimme Johansson selbst, so Bjarnadottir.
Bevor es so weit ist, traf Martin Putschögl den isländischen Pensionisten in seiner Wiener Wohnung - und ging mit ihm dann noch auf ein Bier.
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Früher ist sein Heimatland immer mit Irland verwechselt worden. Das hat sich nun ein bisschen verändert. "Jetzt kennt jeder Mensch Island. Durch die Krise", sagt Haraldur Johannsson. Der alte, freundliche, fast kahlköpfige Herr aus Reykjavik sitzt weit nach vorne gelehnt auf einem Couchsessel in seiner Wohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk und lächelt. Sein Deutsch ist recht gut, mit dem Verstehen der Fragen des Journalisten tut er sich aber manchmal etwas schwer.
Mit 62 kam er hierher, nach Wien. In der österreichischen Bundeshauptstadt, deren kulturelles Angebot er so sehr liebt, wollte er seine Pension genießen. Was er viele Jahre lang auch getan hat. Jetzt ist er 80 und steht vor einem Problem: "Ich bekomme meine Pension von Island, und ich bekomme das in isländischem Geld." Weil die Krone gegenüber dem Euro zuletzt aber so massiv abgewertet hat, werden ihm statt zuvor etwa 1.400 nur noch rund 700 Euro an Rente ausbezahlt. "Ich brauche 500 Euro für die Miete, und dann habe ich noch 200 für Essen und das alles." Im September begannen die Probleme, erzählt er, während er an seinem löchrigen Pullover zupft. Im Oktober bekam er dann gleich überhaupt nichts.
Kurz: Herr Johannsson hat Geldsorgen.
Viel gesehen, viel verloren
Nicht zum ersten Mal in seinem Leben. Das Gute daran: Es scheint ihm nicht viel auszumachen. "Ich bin ja nie traurig", sagt er einmal während unseres Gesprächs, als er erzählt, wie er schon einmal alles verloren hat.
Mehr als zwei Jahrzehnte lang arbeitete er bei der Fluglinie Icelandair. "Da bin ich viel herumgekommen, habe sehr viele Länder gesehen" - in Europa etwa "alles, außer Portugal. Das ist das einzige europäische Land, wo ich nie war." Er verkaufte Flugtickets, 22 Jahre lang. "Dann haben sie mir aber eine Arbeit gegeben, die mir nicht gefallen hat und die auch nicht meine Art war." Er ging weg von der Airline, war eine Zeitlang Reiseführer, betreute Touristen in Island, verdiente "sehr viel Geld" - und fuhr dann für elf Monate auf die Philippinen. "Das war herr-lich", sagt Johansson, mit weit geöffnetem Mund und Betonung auf jeder Silbe.
Weil danach noch ein bisschen Geld übrig war, gründete er ein eigenes Reisebüro in Island, das zunächst auch sehr gut lief. "Das war sehr gut, aber die Währung hat es wieder kaputt gemacht." Nach der Umstellung der isländischen Krone 1980 - aus 100 "alten" wurde eine "neue" Krone - stiegen seine Schulden gegenüber ausländischen Firmen enorm an. "Ich habe alles verloren, hatte eine große schöne Wohnung gehabt in Reykjavik, musste alles verkaufen."
Der Geist der Wikinger
Wer an der jetzigen Krise schuld ist, weiß er - er liest schließlich Zeitungen, auch isländische, im Internet. "Die Probleme kommen von den Spekulanten, die zuviel Geld geborgt und im Ausland eingekauft haben." Die Verantwortlichen in den isländischen Banken nennt er "Dummköpfe, die einfach zu weit gegangen sind."
Zur Regierung in Reykjavik hat er nach wie vor Vertrauen, auch zu Nationalbankchef Davíd Oddsson, den er einen "klugen Mann" nennt - mit der Einschränkung: "Vielleicht zu klug." Die Verantwortlichen hätten sich "besser anschauen müssen, was die Banken machten."
Als die isländische Kaupthing Bank vor wenigen Wochen ihr Österreich-Geschäft aufnahm, war er "sehr böse. Weil sie bessere Konditionen angeboten haben als daheim." Schon kurze Zeit später hörte er aber in den Nachrichten, dass alle isländischen Banken vor dem Bankrott stünden. "Und es ist keine Entgegnung aus Island dazu gekommen" - da war für Herrn Johannsson alles klar.
"Gierig und unvorsichtig"
Wie es so weit kommen konnte, ahnt er auch: "Das stammt vielleicht von den Wikingern, diese Lust darauf, mehr und mehr zu bekommen. So waren die Wikinger, und wir stammen ab von denen." Noch heute seien die Isländer "gierig - und nicht so vorsichtig", lacht er.
Nach Wien ist er gekommen, weil er in den Fünfziger Jahren schon einmal ein Jahr lang hier gelebt hatte, und seit dieser Zeit trug er ein Gefühl der Sehnsucht nach der Donaumetropole in seinem Herzen - er nennt es "Heimweh", ganz selbstverständlich. "Ich wollte immer reich werden und dann nach Wien fahren. Das hat dann so geendet: Ich hatte nichts und bin trotzdem nach Wien gefahren."
Er lacht laut auf. Dabei ist sein Mund zuerst weit geöffnet, dann schließen sich die Lippen zu einem spitzbübischen Grinsen. Er zupft erneut am löchrigen Pullover, streicht sich über den Kopf.
Auf Staatskosten retour nach Island
Als es vor etwa zwei Monaten schon recht eng wurde mit dem Geld, rief er den isländischen Botschafter in Wien an, erzählte ihm von seinen Problemen. Der versprach, zu helfen. "Finanziell natürlich nicht, aber die sind in Verbindung mit der isländischen Regierung wegen meines Rückzugs nach Island." Dies sei nämlich nun der einzig mögliche Ausweg, sagt Johannsson. "Ich kann nicht hier bleiben, ich kriege hier viel zu wenig Geld."
Den Rückflug kann er sich selbst auch nicht mehr leisten. Deshalb hat ihm die isländische Botschaft zugesagt, dass der Staat die Kosten für seine Rückkehr tragen wird, "mit all meinen Sachen. Und ich verlange auch, dass die mir eine Wohnung besorgen. Und wenn das so weit ist, werde ich fahren. Das wird in den nächsten Monaten so weit sein. Das ist okay."
Schon bei seinem letzten Besuch in Island hat er laut über eine Rückkehr nachgedacht. Freunde rieten ihm damals davon ab: "Die sagten: 'Es geht dir sehr gut in Österreich. Hier wird es dir nicht so gut gehen, weil alles so teuer ist.'"
Jetzt sei es genau umgekehrt, sagt Johannsson. Geld wollten sie ihm schicken aus Island, doch das ging nicht, weil die Banken nichts ins Ausland transferieren durften. Jetzt hat sich das wieder gebessert, "aber der Preis des Euro ist viel zu hoch".
Wiederkehr nicht ausgeschlossen
Dass Island jetzt der Euro-Zone beitreten will, begrüßt er. "Ich erinnere mich, wie es war, als Österreich zur EU kam. Ich dachte damals, dass Island das auch tun sollte." In Island sei bisher kaum in der Öffentlichkeit über die EU gesprochen worden. Aber jetzt mit der Krise habe sich das geändert. "Heute ist die Mehrheit dafür, dass wir der EU beitreten. Aber ich meine, wir sollten das freiwillig gemacht haben - ohne Krise." Freilich hätte das Land die Krise in dem Ausmaß erst gar nicht getroffen, wäre es schon in der EU gewesen, ist er sicher.
Haraldur Johannsson glaubt auch fest daran, dass es mit Island in Kürze wieder bergauf gehen wird - auch wenn das für ihn möglicherweise zu spät kommt. Er wird schon sehr bald nach Island zurückkehren. Aber vielleicht kommt er irgendwann zurück. "Ich mag Wien sehr. Ich bin jetzt 18 Jahre hier, ohne Probleme. Die einzigen Probleme, die ich habe, kommen von zuhause", lacht er.
Auf ein Bier
Österreichischer Staatsbürger zu werden hat er bisher nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Auch jetzt ist er sehr skeptisch, ob das etwas bringen könne. Er glaubt, dann trotzdem real nicht mehr Pension zu bekommen als jetzt. "In Island würde das natürlich reichen", aber hier ist es zu wenig. "Ich kann nichts machen. Wenn ich die Pension bekomme, dann geht fast alles für Miete und Heizung drauf. Ich bezahle im Monat 100 Euro für Heizung, Gas und Strom."
Nicht einmal ein Bier könne er sich leisten, sagt er. Ob er denn noch auf eines gehen wolle? Die Frage hat er sofort verstanden. "Ja, gerne. Dann kann ich auch besser sprechen", grinst er.
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