Reserviert

19. November 2008, 18:29
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Der Tisch war für 24 Leute reserviert - aber den Kellnern kamen die Gäste nicht pünktlich genug

Es war neulich. Da beschloss M., sich nie wieder über das Lokal zu ärgern – sondern einfach nicht mehr hin zu gehen. Obwohl er die Lage inmitten des alten Parks eigentlich sehr angenehm und praktisch fand. Und er dort bisher auch keinerlei Grund zur Klage gehabt hatte.

Aber neulich, erzählte M., sei er dann mit einer Handvoll Freunden an einem langen, reservierten Tisch gesessen – und wäre am liebsten sofort aufgestanden und wieder gegangen. Aber weil er seine ehemaligen Klassen- und Jahrgangskameraden sehen wollte, blieb er. Und stritt alle paar Minuten mit einem Kellner.

Maturajahrgang

M.s Maturajahrgang hatte sich nämlich das Lokal ausgesucht, um einen runden Jahrestag des kollektiven Schulabgangs zu feiern. Mehr als 20 ehemalige Mitschüler hatten fix zugesagt zu kommen – und so hatte M. eben einen langen Tisch reservieren lassen.

Pünktlich zur vereinbarten Zeit saßen dann von den knapp zwei Dutzend Angekündigten gerade etwa sieben an der Tafel. Aber das irritierte niemanden: Klassentreffen sind kein Termingeschäft. Und da in der ersten Viertelstunde auch immer wieder alte Freunde auftauchten, fand niemand am Tisch etwas daran, dass da noch ein paar Plätze leer waren.

Pünktlichkeit

Die Kellner aber sahen das anders. Schon zehn Minuten nach der als Treffpunkt angegebenen Zeit stand das erste Mal ein Mitarbeiter am Tisch und fragte, ob die anderen Gäste der Runde wohl bald kämen: Der Abend verspräche umsatzstark zu werden – und man brauche also jeden Platz. Man schickte den Mann weg, erzählte M. Freundlich – und mit dem Hinweis, dass der Rest der Partie schon noch kommen werde.

Doch fünf Minuten später wiederholte sich das Spiel. Und dann noch einmal fünf Minuten danach. Mittlerweile, erzählte M., seien schon mindestens 15 Leute eingetrudelt gewesen. Beim vierten Versuch – die Tafel war längst zu zwei Dritteln gefüllt – brachte der Kellner dann gleich ein Paar mit, das er an den Tisch der einstigen Schulkollegen setzen wollte.

Tischraub

Und als das Paar meinte, dass das wohl ein bisserl seltsam sei und sich lieber an die Bar stellte um auf einen freien Tisch zu warten, erzählt M., seien zwei andere Mitarbeiter des Lokals gekommen, hätten den mittlerweile nur noch erstaunten Alt-Maturanten erklärt, sie müssten nun zusammenrücken, hätten einen der zusammen geschobenen Tische angehoben – und seien mit ihm davon marschiert.

Jetzt, erzählt M., habe es ihm gereicht. Und er habe nach dem Geschäftsführer verlangt. Der habe sich wortreich entschuldigt: Die Kellner hätten da wohl etwas missverstanden – es gäbe da nämlich die Order, reservierte Tische nur eine Viertelstunde lang frei zu halten. Und sie dann zu besetzen. Aber eigentlich gelte das nicht für Gruppen, sondern für leere Tische.

Nachfrage

M. erzählte, er habe dann noch nachgefragt, ob die Kellner wohl auch versucht hätten, Fremde an die Tische zu setzen, wenn die Gruppe statt an einem langen, an vielen kleinen Tischen aufgesplittert gewesen wäre. Und obwohl er es für einen Augenblick ganz amüsant fände, Männern und Frauen, die allein an einem Tisch auf ein verspätet eintrudelndes Date warteten, ab der 15. Minute jemand Anderen an die Seite zu setzen, glaube er nicht, dass das eine auf Dauer Erfolg versprechende Serviceidee sein könne.

Der Geschäftsführer, sagte M., habe lediglich mit den Schultern gezuckt – und sei verschwunden. Den „verlorenen" Tisch hätten die Kellner nicht zurückgebracht, als kurze Zeit später auch die letzten der Gruppe eingetroffen wären: Der Tisch, habe ein Kellner auf Nachfrage kurz angebunden festgestellt, werde anderswo dringender gebraucht. Und man könne Gästen ja wohl schlecht die Unterlage unter der Nase wegziehen – die ehemaligen Schulkollegen sollten halt zusammen rücken.

Der Abend, erzählte M., habe dann noch länger gedauert. Zum Schluss hätten sich 30 Erwachsene um eine viel zu kleine Tafel gedrängt. Man habe ordentlich gegessen und getrunken – nur aufs Trinkgeldgeben hätten am Schluss dann alle verzichtet, erzählte M. Schließlich habe man ja auch in der Schule immer zusammengehalten. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 4. Dezember 2008)

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