Bürgerlich, aufmüpfig, weltoffen

1. Dezember 2008, 22:16
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    foto: apa/epa/awalej

    Massenevents wie das Neujahrskonzert auf dem zentralen Marktplatz sind nur ein Teil der äußerst lebendigen Kulturszene von Wroclaw/Breslau.

Mit seinem vielfältigen Musikleben steht das südwestpolnische Wroclaw (Breslau) ziemlich einzigartig in Mitteleuropa da - Ein Klima der Offenheit und die florierende Wirtschaft bilden den Rahmen

Wroclaw/Breslau - Die 630.000 Einwohner zählende Hauptstadt der Woiwodschaft Niederschlesien ist auf den ersten Blick eine schmucke, fast biedere Stadt. Die Metropole an vier Zuflüssen der Oder mit ihren zwölf Inseln und 112 Brücken, die auch als "Venedig Polens" bezeichnet wird, beeindruckt zunächst durch ihre nach 1945 wiederaufgebaute Altstadt mit einem prächtigen gotischen Rathaus sowie zahlreichen, teilweise in der Romanik wurzelnden Kirchen.

Schlendert man durch die Straßen Breslaus, fallen einem schnell die zahlreichen aus Metall gegossenen Zwerge in verschiedensten Posen auf. Was zunächst als ein Ausdruck von Biederkeit erscheint, entpuppt sich bei genauerem Nachfragen als deren Gegenteil - erinnern die kleinen Kerlchen doch an den politischen Widerstand vor 1989, als Studenten sich als Zwerge verkleidet der Staatsmacht entgegenstellten und unter lautem Protest ("Man kann doch keine Zwerge verhaften!" ) abführen ließen. Das kommunistische Regime so der Lächerlichkeit preisgebend, wurden die Zwerge zu Kultfiguren.

Man kann diese seltsame Mischung aus Bürgerlichkeit und Aufmüpfigkeit durchaus als Symbol auch für das heutige Breslau sehen, eine Stadt, die zu den wirtschaftlich stärksten in Polen gehört und die auch kulturell markante Zeichen zwischen Massenevent und Avantgardekultur setzt.

"Für die Entfaltung einer Stadt sind vor allem zwei Aspekte von nachhaltiger Bedeutung" , so der parteilose Oberbürgermeister Rafal Dutkiewicz: "Die ökonomische Entwicklung sowie die durch das kulturelle Leben bestimmte Identität. Will eine Stadt also eine starke Anziehungskraft besitzen, so muss sie zur Kulturstadt werden."

Breslau, bei den Investitionen die Nummer eins unter Polens Städten mit 120.000 neuen Arbeitsplätzen seit dem EU-Beitritt 2004, hat sein Kulturbudget von derzeit 50 Millionen Euro in den letzten zehn Jahren praktisch verdoppelt. In diese Dekade fällt auch die aufwändige Renovierung des städtischen Opernhauses, das seit 1995 von Ewa Michnik als Intendantin wie als Musikdirektorin geleitet wird. Die Etablierung von Open-Air-Produktionen an der Oder sowie spektakulären Inszenierungen in der 2006 von der Unesco als Weltkulturerbe geadelten Jahrhunderthalle mit bis zu 30.000 Besuchern pro Produktion fallen dabei ebenso in ihre Amtszeit wie die Gründung des "Festivals der zeitgenössischen Oper" , das von heuer an nun alle zwei Jahre stattfinden soll.

Kulturarbeit und Marketing

Kulturarbeit und Stadtmarketing gehen dabei Hand in Hand, so Michnik. "Wir arbeiten mit insgesamt 500 Reiseveranstaltern zusammen, unsere Produktion von Ponchiellis ,La Gioconda‘ wurde als bestes touristisches Projekt ausgezeichnet." Jetzt, nachdem die Renovierung des Hauses abgeschlossen ist, soll diese Mehrgleisigkeit - Opernhaus, Massenevents, Zeitgenössische Oper sowie Oper für Kinder - beibehalten werden."

Zwei weitere kulturelle Großprojekte sind der Neubau des Museums für zeitgenössische Kunst sowie des National Music Forum (NMF), welches die akustisch unzureichende Philharmonie ersetzen soll. Baubeginn, so der Kulturamtsleiter der Stadt, Jaroslaw Broda, wird 2010 sein, mit der Fertigstellung wird für 2014 gerechnet, also zwei Jahre, bevor Polen neben Spanien eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte stellt.

Breslau hat sich beworben, und Broda rechnet sich gute Chancen aus: In Breslau sei die Bevölkerung weltoffener und toleranter als anderswo in Polen, und dies drücke sich auch im kulturellen Leben aus. Den Stadtslogan "The meeting place" , den der damalige Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1997 geprägt habe, sei in zweierlei Hinsicht gültig: einerseits in der kosmopolitischen Zusammensetzung der Bevölkerung, die trotz der tiefen und zum Teil katastrophalen Einschnitte in den letzten 70 Jahren nach wie vor lebendig sei, andererseits in der hohen Zahl seiner ausländischen Gäste. Ein Symbol dafür sei auch der Bezirk der vier Tempel, ein sehr lebendiger Teil der Altstadt, wo Vertreter der jüdischen, katholischen, evangelischen und russisch-orthodoxen Religion einander unmittelbar begegnen.

Breslau hat zahlreiche Festivals von internationalem Rang. Besonderen Stellenwert besitzt die zeitgenössische Musik, die unter anderem beim 1662 gegründeten Festival für neue Musik, "Musica polonica nova" , beim "Electronica festival" oder - brandneu - beim "Avant Music Festival" in den Clubs der Stadt gespielt wird. Nicht zuletzt die große Bandbreite an musikalischen Stilrichtungen bei Letzterem lockte auch zahlreiche Vertreter österreichischer Kulturinstitutionen - etwa Open Music, Graz, Klangraum Krems oder Ars Electronica, Linz - an, was die kulturellen Verbindungen zwischen österreichischen Städten und der Stadt an der Oder wohl noch vertiefen wird. (Robert Spoula/DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2008)

Kommentar posten
15 Postings
Nichts ist wie es scheint
00
2.12.2008, 11:57
Womit bewiesen wäre ...

... Man muss auch als -kleiner Mann- keine schwache bemitleidenswerte Figur abgeben

schlittschuhbasis
00
2.12.2008, 11:39
Besonderen Stellenwert ...

besitzt die zeitgenössische Musik, die unter anderem beim 1662 gegründeten Festival für neue Musik, "Musica polonica nova" ...

Wow ;-)
da wäre ich ja gerne dabeigewesen!

ilrio xxxxx
 
00
9.12.2008, 13:36
es ist das jahr 1962 gemeint.

LapuLapu
11
2.12.2008, 14:17
als Schlesien noch bei Östreich war..

Im Jahre 1662 war Schlesien schon über 100 Jahre bei Östereich und über 100 Jahre später rissen sich die Preussen die Provinz unter den Nagel. Jedenfalls wurde bis ´45 Deutsch gesprochen, daher gibt´s das angeführte Festival sicher nicht seit 1662....

Etchno
00
2.12.2008, 15:34

Warum ist das ein Grund das es dieses Festival damals nicht auch schon gegeben haben soll?

schlittschuhbasis
00
2.12.2008, 18:11
an den lautstärkereglern:

monteverdi, pachelbel, corelli ... das wäre wohl spannend gewesen, ist aber leider ein (sehr hübscher) druckfehler. das festival ist natürlich 1962 gegründet worden.

schlittschuhbasis
00
2.12.2008, 17:26
monteverdi, pachelbel und corelli ...

an den turntables??

nein, es handelt sich hier um einen (sehr hübschen) druckfehler; das festival wurde klarerweise 1962 in die welt gerufen.
"wien modern" ist auch erst 20 geworden.

raff1
01
2.12.2008, 09:14
interessanter Artikel

Dante Alighieri
78
2.12.2008, 00:36

Eine sehr schöne Stadt. Der Marktplatz (rynek) ist einer der schönsten in Polen, die hala ludowa (aka Jahrhunderthalle) wirkt wie ein absurdes Monument aus der Vergangenheit... Direkt daneben der wunderschöne japanische Garten (ogród japonski). Die Markthalle (hala targowa) ist zwar eher hässlich, aber das geschäftige Treiben in ihr sehr faszinierend. Der Ausblick vom Dom (Archikatedra sw. Jana Chrzciciela) ist sehr empfehlenswert, wenngleich leider (grobmaschig, aber dennoch) vergittert. Der Zoo (ogród zoologiczny) ist leider eher trostlos und müsste dringend auf neuesten Stand gebracht werden.

byron sully
00
2.12.2008, 17:20
also ich frag mich schon,

was für leute das sind, die ihnen dafür rote striche geben...

Lesko Powiatem
00
2.12.2008, 19:50
Wer weiß

Gibt genug Leute, die gerne nach Breslau kämen. Aber dann nur im "feldgrauen Ehrenkleid". Und solche sind vielleicht über die vielen polnischen Namen im Beitrag von Herrn Dante verärgert...

byron sully
00
3.12.2008, 17:02
ich fürchte,

mit ihrer vermutung, daß die roten striche aus dem deutschnationalen lager stammen (das hier im standard immer intensiver postet), könnten sie recht haben.

diamant
00
2.12.2008, 15:14
Stimme zu, Breslau ist eine der interessantesten Staedte Polens!

Immer eine Reise wert!

mpc
02
2.12.2008, 14:15
unverstaendlich

die roten striche die Sie als stadtkenner erhalten. die motivation der bewerter wuerde ich echt gerne erfahren bevor ich spekulation ueber selbige anstelle.

danke fuer Ihren bericht, Wroclaw (Breslau) ist auf meiner wochenend trip liste!

Graf Bobby
00
2.12.2008, 10:28
Warum Sie da wohl rot bekommen...?

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