Mit dem gezielten Einsatz von Händen und Mund versucht Volksschullehrerin Konrad Lese-, Schreib- und Rechenschwächen zu beheben
Was auf den ersten Blick nach Hieroglyphen aussieht und mehr an nichtzuentziffernde Rätsel erinnert, ist eine mögliche (Er-)lösung für viele SchülerInnen mit Rechtschreib- und Leseschwierigkeiten: Eine Schachtel mit verschiedenen Piktogrammen und Symbolen, die Mund- und Zungenbewegungen darstellen, hilft Sprache nicht nur verständlich sondern im wahrsten Sinne des Wortes "sinnhaft" zu machen.
Bewusstheit für Laute fördern
Mit diesem Arbeitsmaterial versucht die Volksschullehrerin Christina Konrad aus Linz überforderte SchülerInnen aber auch VorschülerInnen zu unterstützen. Sie unterrichtet nach der sogenannten "kybernetischen Methode", deren Ziel es ist, mithilfe von Mund und Hand Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen: "Wir bilden dabei wichtige Vorläufer-Fertigkeiten aus, wie zum Beispiel phonologische Bewusstheit. Bevor ein Kind nicht weiß, welcher Laut zu welchem Buchstaben gehört, kann es auch nicht schreiben."
Ein Schritt zurück also, um das Problem bei der Wurzel zu packen. "Ein Buchstabe sagt ja nichts darüber aus, wie er ausgesprochen werden muss. Das ist etwas sehr Abstraktes. Der Sprung von dem, was die Kinder oft nicht wissen - nämlich, wie spreche ich? - zu so einem abstrakten Ding wie einem Buchstaben ist oft zu groß", erzählt Konrad. Die kybernetische Methode schaltet hier Piktogramme dazwischen. Die zeigen den Kindern, wo zum Beispiel die Zunge sitzt, wenn man ein "L" ausspricht.
Vierjährige lesen auf Anhieb
Für Erwachsene wirkt diese Art Sprache zu lernen schwierig und kompliziert. Das bestätigt auch Konrad: "Ja, viele tun sich damit schwer. Kinder haben das schnell heraußen. Ich habe zum Beispiel Vierjährigen die Bücher mit den Piktogrammen in die Hand gedrückt und sie konnten auf Anhieb lesen. Man muss ja schließlich nur das Nachmachen was auf den Bildern gezeigt wird."
Zuerst arbeitet Konrad nur mit den Piktogrammen, dann kommen nach und nach die Buchstaben hinzu. Zusätzlich lernen SchülerInnen auch, Silben zu klatschen und Laute zu klopfen. Haben die Kinder keine Probleme mehr mit dem Lesen und letztendlich auch dem Schreiben, dann funktioniert es auch ohne Piktogramme und bewusstes Sprechen der Laute. Bei Problemen - wenn zum Beispiel ein Kind Mutter mit einem "t" schreibt - kann man allerdings jederzeit wieder darauf zurückgreifen.
Kinder aus Migranten-Familien sprechen akzentfrei
Der Erfolg gibt der kybernetischen Methode Recht. Konrad sagt, dass bisher noch jedes Kind dadurch Lesen und Schreiben gelernt hat. Bevor sie die Methode kennengelernt hat, stand sie oft vor dem Problem, wie sie Kindern mit Schreibschwächen helfen soll: "Wenn ein Kind etwas nicht schreiben kann, dann heißt es immer: üben, üben, üben. Aber wenn ein Kind beim Schreiben einen kurzen Selbstlaut nicht heraushört, wie soll man das dann üben?" Die kybernetische Methode lieferte Christina Konrad die Antwort.
Seither unterrichtet Konrad an der Adalbert Stifter-Praxisvolksschule in Linz vor allem Vorschüler. Auch ihre Diplomarbeit schrieb sie über dieses Thema und beschäftigte sich dabei auch mit der Frage, wie Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache von der Lernmethode profitieren können. Ein Ergebnis: "Durch die Lautsprache haben viele Kinder keinen Akzent, weil sie durch die Symbole genau lernen, wie man etwas ausspricht und wo ein Buchstabe sitzt."
Feinmotorik durch Rechnen üben
Auf Bewegungskoordination, allerdings mit den Fingern, baut auch das Rechnen mit der kybernetischen Methode auf. Anfangs mit den Fingern, dann mit Holzstäbchen, werden die Grundrechenarten gelernt. "Bevor ich überhaupt damit beginnen kann, mache ich mit den Kindern Fingerübungen. Viele von ihnen können gerade einmal zwei Finger gut bewegen", erzählt Konrad.
Wenn die Kinder so problemlos rechnen können, dann ist ein nächster Schritt, die Finger und Holzstäbchen unter dem Tisch zu halten, um sich die Rechenschritte vorstellen zu müssen. Gutes Kopfrechnen ohne Hilfsmittel ist letzten Endes das Ziel. "Das kommt in der Schule heute leider häufig zu kurz. Es wird meiner Meinung nach zu schnell auf Papier gerechnet und zu wenig im Kopf", sagt Konrad.
Eltern als Sprachvorbilder
Dass Kinder heute vermehrt Probleme mit Rechnen und Schreiben haben, sieht Konrad im Unterricht. Gründe dafür sind ihrer Meinung nach, dass Fernseher und Computer eine sehr wichtige Rolle spielen und Eltern zu wenig Zeit für ihre Kinder haben: "Wenn ein Kind die Sprache gut lernen soll, dann braucht es Sprachvorbilder - zum Beispiel Eltern, die viel mit den Kindern diskutieren und immer wieder Dinge kommentieren." (Teresa Eder/derStandard.at, 9.1.2009)