Schießgesellschaft in Abendgarderobe

30. November 2008, 18:53
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Jelineks Stück "Rechnitz" errichtet für die Opfer eines NS-Massakers ein Monument voller Paradoxien - Die Uraufführung an den Münchner Kammerspielen bleibt hinter den Textvorgaben zurück

Die Stelle im burgenländischen Rechnitz, an der im Spätmärz 1945 knapp 200 jüdische Zwangsarbeiter im Zuge eines Saufgelages von Nazi-Bonzen erschossen und anschließend hastig verscharrt wurden, ist niemals gefunden worden. Über dem pannonischen Winkel von Rechnitz lastet bis heute ein Schweigen, das schwerer wiegt als jeder noch so undurchdringliche Granit. Denn während man die jagdlustigen Massenmörder sehr genau identifiziert hat - eine Gräfin Margit von Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza, mit ihrem völkischen Provinzhofstaat -, so ließ sich den Anwohnern in der Nachkriegszeit doch kaum jemals ein Eingeständnis von Mitschuld entlocken.

Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist unter allen denjenigen, die die lauthals beschwiegenen Opfer eines völkischen "Gefolgschaftsfestes" nicht vergessen können, die untröstlichste, weil unversöhnteste Grabungsarbeiterin. Ihr hundert Druckerseiten starkes Stück Rechnitz (Der Würgeengel) gehört im Aufschüttungsmassiv der "negativen Heimatliteratur" an eine vordere, nicht zu übersehende Stelle gerückt.

Ein solches Fließtextgebirge richtet aber auch die denkbar größte Zumutung an jedes Theater. Diesfalls eben an die noble Adresse der Münchner Kammerspiele, wo Regisseur Jossi Wieler, ein findiger Arbeiter im Textberg der Herrin, einen zauberhaft beklemmenden Rechnitz-Abend wie mit kalkuliertem Federleichtsinn aus dem Artistenärmel schüttelt.

Leichtigkeit und Schwere

Nur: Kann man, ja, darf man es sich mit dem Stemmen eines solchen Textbrockens überhaupt "leicht" machen? Die augenfällige Brillanz der Münchner Uraufführung enthält etwas Störendes, Irritierendes. Sie missachtet das notwendige "Scheitern", das Jelineks Schreibbewegung von jeher kennzeichnet.

Erkundungen wie die nach dem Verbleib der Opfer von Rechnitz sind schwerlich mit "Erfolg" zu krönen. Die schiere Brillanz der wie unter Zwang kalauernden, mit Zitaten von T. S. Eliot und Euripides sich mächtig aufpumpenden Jelinek-Rede läuft in eine kalkulierte Leere. Dieser unumgänglichen Leere gilt der ganze Schmerz der Autorin.

Tote und ihre Tabus

Rechnitz, ein furioses Wühlen im Schlick der Schweigeverabredungen, ist allein schon deshalb ein Dokument der Ohnmacht. Nichts beschreibt den Text besser als das Paradoxon der leeren Grabkammer (des Kenotaphs).

Nicht die hochwohlgeborenen Täter kommen hier zu Wort: Die sind 1945 in die Schweiz und nach Argentinien ausgewandert, haben Pferde gezüchtet und die Pfründe verfüttert. Auch die um ihr Menschsein betrogenen Opfer haben nichts mehr zu sagen. Lauter anonyme "Boten" hat die Autorin versammelt, die das Hörensagen der Rechnitzer Mordnacht in verquaste Berichte umgießen. Eine lange Nacht der Botenstoffe! Und Jelineks Boten sind sich der Haltlosigkeit ihres Geredes nur zu gut bewusst. Sie könnten "alles, was war, umschaffen, nein, umschiffen?, nein, bis allein unser Wille spricht."

In München geschieht Jossi Wielers Kunstwille. Er hält sich, bei aller Geschmackssicherheit, nicht mit Skrupeln auf. Er erklärt Jelineks Boten kurzerhand zu "Dienstboten". Das passt, weil in den Textklüften ja auch Luis Buñuel herumspukt: Der liebte es bekanntlich, die verrottete Bourgeoisie lächerlich zu machen. In München sind es daher die Domestiken, die sich an den Charaktermasken der Herrschaft grinsend abarbeiten.

Und so erscheinen fünf verschämte Täter-Hetzer in Abendgarderobe, die in einer schräg gestellten Jagdstube mit schwerem Furnierholz (Ausstattung: Anja Rabes) an den schwer genießbaren Jelinek-Sätzen wie an vorfabrizierten Buffetprodukten herumkauen.

Die, um Einverständnis heischend, ins Publikum winken. Die sich auf Beichtklappsesseln in malerischen Gruppen zusammenfinden, um ihre Unterwäsche zu lüften. Die ihre moralische Unzuständigkeit für alle Tätererfassungsfragen wortreich erklären. Das ist, etwa mit Blick auf die schamlose Laszivität der großen Hildegard Schmahl, ein bitterböser Witz. Das atmet den unheiligen Geist von Pasolini und (siehe oben:) Buñuel. Das ist von raffinierter Abgestandenheit, wenn die Schauspieler Frühstückseier schälen, die von den Klappsitzern aufgestoßenen Lamellen aber den Blick auf einen Schießstand freigeben.

"Keiner konnte etwas sehen." - "Aber es können doch nicht alle bloß Opfer gewesen sein!" Vom "Sündenstolz" ist öfters die Rede, und in ihren aberwitzigsten Momenten atmet Jossi Wielers wunderbare, aber eben auch wunderbar unbedenkliche Inszenierung etwas von der trotzigen Verstocktheit derer, die das alles nur am Rande etwas angeht. Mit einem Wort: Rechnitz gehört nach Österreich. (Ronald Pohl aus München/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.12.2008)

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