"Hausgemacht" versus "importiert"

30. November 2008, 18:30
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Bei den Terroranschlägen in Mumbai reichen einfache Erklärungsmuster nicht aus

Nicht nur die Intensität der Terroranschläge in Mumbai wird lange im Gedächtnis bleiben, sondern auch die Dauer, das heißt die Zeit, die die indischen Sicherheitskräfte gebraucht haben, die Lage wieder völlig unter Kontrolle zu bekommen. Es ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der Inder, wenn, was behauptet wird, die Gruppe der Angreifer wirklich nur aus zehn Personen bestanden hat.
Anders als in ähnlichen Situationen in anderen Ländern gab es in Indien jedoch bereits einen Rücktritt. Die Behörden werden viele Fragen beantworten müssen, etwa warum die Polizei so unzureichend ausgerüstet war, und wie es kam, dass trotz angeblich ziemlich konkreter Warnungen die Küste ungeschützt blieb. Allerdings weiß jeder, der Mumbai kennt, dass es ein verzweifeltes Vorhaben ist, so eine Stadt bewachen zu wollen.

Viele Details des Tathergangs sind noch nicht geklärt: die auf der Hand liegende Vermutung, dass es noch unentdeckte Kollaborateure gibt, die behauptete und dementierte Beteiligung von britischen Muslimen und die widersprüchlichen Aussagen darüber, ob die Terroristen tatsächlich aktiv nach Amerikanern und Briten gesucht haben oder nicht. Nur dass die Terroristen mit dem Angriff auf das Chabad-Zentrum gezielt Juden töten wollten, daran besteht kein Zweifel.
Die meisten Opfer sind jedoch Inder, und es ist nichts darüber bekannt, dass die Mörder sich vorher abgesichert hätten, dass keine Muslime darunter sind. Bei aller Betonung der Terrorspuren nach Pakistan ist es erstaunlich, dass nicht öfter die Parallele zum Gemetzel im Marriott-Hotel in Islamabad im September gezogen wird. Es ist richtig, dass es sich dort um die „konventionellere" Form des Terroranschlags (Selbstmord_attentat mit einem Auto) handelte, aber die Auswahl des Zieles - die die westliche Öffentlichkeit zum Komplizen macht, die ihre Aufmerksamkeit für Opfer, hart gesagt, nach rassistischen Kriterien bemisst - ist die gleiche.

Ein offenerer Ansatz bei der Analyse der Geschehnisse und des ganzen Phänomens wäre sehr nützlich: Die beiden gängigen, nebeneinander gebrauchten Erklärungsmuster, „hausgemacht" versus „importiert", sind als Gegensätze nicht haltbar. Es gibt hier keine Monokausalität. Die nationalistische hinduistische Gewalt gegen indische Muslime der letzten Jahre, die dem Westen egaler nicht sein könnte, spielt hier ebenso ihre Rolle wie die regionalen Konflikte und ihre undurchsichtigen Akteure (Kaschmir und der pakistanische Geheimdienst) und der internationale Jihadismus. „Falluja" im Irak, das 2004 von US-Truppen zerstört wurde, ist auch längst ein Schlachtruf geworden. Zumindest vom akademischen Standpunkt her interessant wäre es ebenso, sich die Traditionen radikaler antikolonialistischer Bewegungen in Indien - und speziell im Dekkan-Hochland, woher die „Deccan Mujahidin" ihren Namen nehmen - anzusehen.

Vor allem jedoch kann man nur eines predigen - und das könnte eine Auf-gabe des US-Präsidenten in Warteposition, Barack Obama, sein: Indien und Pakistan sind beides betroffene Länder, und nur gemeinsam werden sie die Probleme in den Griff bekommen (das Wort „lösen" getraut man sich gar nicht zu verwenden). Die Chancen für eine Zusammenarbeit stehen heute besser als früher und dürfen nicht durch Überreaktionen zerstört werden.
Gerade weil zu den Terrorattacken _in Mumbai die 9/11-Parallele gezogen wird, liegt auch der Appell nahe, nicht die gleichen Fehler zu machen, wie sie die USA nach 2001 gemacht haben. Etwa durch die Annahme, dass der internationale Terrorismus in konventionellen Kriegen besiegt werden könnte. Der Gegner ist eben genau nicht ein anderer Staat, sondern es sind nichtstaatliche Akteure in einem asymmetrischen Konflikt. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2008)

 

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