Totalumbau nach Freitod eines Arztes

30. November 2008, 18:26
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Ein Anästhesist, der sich für gerechtere Verteilung von Privathonoraren eingesetzt hatte, nahm sich das Leben - Nun steht an Innsbrucks Med-Uni ein System auf dem Prüfstand

Nach dem Freitod eines Innsbrucker Anästhesisten vor wenigen Wochen herrscht bei Ärzten an der Universitätsklinik Innsbruck große Unruhe. Alles wird derzeit hinterfragt, kein Stein soll auf dem anderen bleiben. Bis zum Frühjahr soll die Anästhesieabteilung der Innsbrucker Uni-Klinik völlig neu geordnet werden.

Der Arzt soll nach einem Jahr Streit um eine gerechtere Verteilung der Privathonorare sichtbar verzweifelt gewesen sein. Er setzte seinem Leben ein Ende. Die Klinikleitung bestreitet nicht, dass es wohl einen Zusammenhang zwischen dieser Verzweiflungstat und den Querelen auf der Anästhesie gab. Das Rektorat der Medizin-Uni hat mittlerweile dem Anästhesie-Klinikvorstand Karl Lindner den Intensivmediziner Norbert Mutz und Martin Krismer als Departmentleiter der Chirurgie zur Unterstützung zur Seite gestellt.
Doch die Unruhe innerhalb der Ärzteschaft hält weiter an. Mehrere Ärzte, die ungenannt bleiben wollen, sagten zum _Standard, dass weder Mutz noch Krismer für eine „Erneuerung des Systems" stünden. Ein „Feudalsystem, dem Mittelalter ähnlich", beschreibt ein Beteiligter. Seit Jahren werde das Arbeitsklima immer schlechter: Stellen würden nicht nachbesetzt, Fortbildung nicht genehmigt, Morgenbesprechungen ausgesetzt. Die Arbeit in der Anästhesie habe "Ähnlichkeit mit Fabriksarbeit".

Stellungnahmen

Für den ärztlichen Direktor der Tilak, Wolfgang Buchberger, ist Klinik-Vorstand Lindner schlicht überfordert. Buchberger hat die Mitarbeiter aufgefordert, ihre "Meinung" darzustellen. Über dreißig Stellungnahmen seien bereits eingelangt. Buchberger will nun handeln. Er fordert eine neue gesetzliche Privathonorar-Regelung. Hier sei das Land gefordert, namentlich der zuständige Landesrat Bernhard Tilg (ÖVP).

Andererseits müsse die Klinik neu organisiert werden. Buchbergers Vorstellungen: Die Verantwortung über die Klinik müsse auf „mehrere Schultern", also auf mehrere geschäftsführende Oberärzte, aufgeteilt werden. Das Hauptproblem sieht er in der Doppelfunktion Klinik-Universität. Die Unis wollten Wissenschafter, die Kliniken bräuchten Praktiker. Seit drei Jahren sitze er, Buchberger, immerhin schon bei Personal-_hearings dabei - mitentscheiden könne er aber nicht. „Wer ein guter Wissenschafter ist, ist nicht notwendigerweise ein guter Chef."

"Systemabsturz"

Für den Arzt und Wissenschaftssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, trägt vor allem das Land Tirol die Schuld am „Systemabsturz" Anästhesie. Tirol sei eines der letzten Länder gewesen, das Regeln für Privathonorare eingeführt habe. Dennoch sei das System „nicht fair", kritisiert Grünewald: „Es geht auf Kosten der Ärzte." Der Interims-Rektor der Medizin-Uni, Manfred Dierich, erklärte, dass man den funktionierenden Betrieb der Klinik für Anästhesie sicherstellen werde.

Die im Tiroler Krankenanstaltengesetz vorgesehene Regelung der Privatpatientenhonorare werde jetzt umgesetzt, sagt Dierich. Im November sei mit dem Poolrat bereits ein neuer Aufteilungsschlüssel von 66,67 Prozent vereinbart worden. Mehr noch: Von den Privathonoraren der an der Klinik beschäftigten Anästhesisten würden nun sogar 70 Prozent an die nachfolgenden Ärzte weitergegeben. (Verena Langegger, DER STANDARD; Printausgabe, 1.12.2008)

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