"Brauchen Handwerkskunst"

30. November 2008, 18:28
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Yamaha-Konzernchef Mitsuru Umemura besuch­te erstmals die Tochter Bösendorfer. Wie die Zukunft der Klavier­manufaktur bei Yamaha aussehen könnte, erzählte er im Interview

STANDARD: Wie trifft die Finanzkrise einen weltweit tätigen Musikinstrumentehersteller wie Yamaha?

Umemura: Wir sind sehr breit aufgestellt, aber ich muss sagen, wir spüren negative Auswirkungen der Krise in jedem Segment.

STANDARD: Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Umemura: Sicher. Das Klaviergeschäft speziell in den USA ist sehr einzigartig. Viele Menschen kaufen ein Grand Piano in Verbindung mit einem neuen Haus. Das sind nicht die professionellen Klavierspieler, sondern jene, die in ihrem Wohnzimmer eben einen Flügel stehen haben wollen. Dieser Markt ist derzeit mit dem Häusermarkt fast zusammengebrochen. Wir haben eine solche Krise nicht erwartet. Die Situation verschlimmert sich seit Oktober. Wir versuchen es damit auszugleichen, indem wir das Geschäft mit "commercial audio" ausweiten - das sind Digital-Mischpulte, Lautsprecher, Verstärker für Radiostationen oder Konzerthallen. Auch für diese Märkte sehen wir einen Rückgang, aber gerade vor Weihnachten installieren zum Beispiel viele Kirchen neue Geräte. Wir hoffen, dass diese Anschaffungen nun nicht auch noch verschoben werden.

STANDARD: Das Verschieben von Käufen muss im Musikinstrumentebereich insgesamt Ihr Hauptproblem sein. So mancher Musiker wird sich derzeit überlegen, ein neues Instrument erst 2009, 2010 zu kaufen. Ist das so?

Umemura: Es gibt aber auch Ausnahmen, zum Beispiel die Konservatorien und Musikschulen. Wenn sie ein neues Piano brauchen oder die Holzblasinstrumente ersetzen müssen, tun sie das, auch jetzt, sie haben dafür ja ein Budget vorgesehen.

STANDARD: Yamaha war immer bekannt für gute Instrumente zu moderaten Preisen. Hilft das jetzt in der Krise?

Umemura: Leider nicht. Generell ist es so: Der Hochpreis-Markt und der Einstiegspreis funktionieren, die Mitte hat es schwer. Das gilt sowohl für Haushaltselektronik wie auch für Musikinstrumente. Yamaha war immer in der Mitte stark. Also müssen wir uns nun anstrengen, dass wir im High-End-Bereich und im Entry-Level besser werden.

STANDARD: Vor einem Jahr hat Yamaha die Klaviermanufaktur Bösendorfer erworben. Wie läuft es bisher?

Umemura: Für Bösendorfer ist der US-Markt das wichtigste Segment - in Stückzahlen und nach Umsatz. Es gilt also der generelle Trend, es wird Zeit brauchen, dass man sich wieder erholt. Dazu kommt: In allen Luxusmärkten wird es härter. Der europäische Markt ist aber nicht so stark rückläufig.

STANDARD: Wie sieht es in Asien aus?

Umemura: Der asiatische Markt für Bösendorfer ist noch nicht so groß. Natürlich gibt es gute Möglichkeiten in China und in Japan. Dieser Markt ist überhaupt speziell. In Japan gibt es einige wirklich enthusiastische Bösendorfer-Fans.

STANDARD: Bleibt die Produktion der Flügel in Wiener Neustadt oder könnte künftig auch woanders produziert werden?

Umemura: Nein, dafür habe ich keine Pläne. Der Grund dafür ist recht einfach: Bösendorfer ist österreichische Kultur. Der Wert entsteht hier. Das hat Tradition.

STANDARD: Auch teure Autos, früher Made in Germany, werden heute weltweit zusammengeschraubt.

Umemura: Akustische Musikinstrumente sind nicht wie Autos oder Haushaltselektronik. Sie werden nicht einfach zusammengebaut. Vom Grundstoff Holz über den natürlichen Trocknungsprozess bis zu den Menschen - all das kann man nicht zu hundert Prozent wissenschaftlich sehen. Wir brauchen die Handwerkskunst. Die ist nicht irgendwo auf einmal ersetzbar. Wenn wir uns entscheiden würden, die Fertigung nach Ungarn, China oder Indonesien zu verlegen, könnte ich mir gar nicht vorstellen, wie stark der negative Einfluss auf die Klavierqualität wäre.

STANDARD: Wie soll Bösendorfer krisenfit werden?

Umemura: Wie alle Industrieunternehmen müssen wir die operationale Effizienz erhöhen. Einer der Hauptgründe, warum Yamaha Bösendorfer erworben hat, ist, dass wir glauben, dass wir viele Wachstumschancen bei der Zahl der Verkäufe haben. Steinway, Bösendorfer und Bechstein waren über Jahre die wichtigsten Player, die italienischen Fazioli-Klaviere holen auf. Hauptgrund für den Einbruch bei Bösendorfer war der drastische Rückgang der Verkäufe. Wir untersuchen jetzt die globalen Distributionskanäle in vielen Schlüsselmärkten wie z. B. Großbritannien, wo wir seit kurzem einen neuen Repräsentanten haben.

STANDARD: Bösendorfer verkauft derzeit rund 300 Klaviere pro Jahr. Wie viele müssten es sein, um profitabel zu werden?

Umemura: Unser mittelfristiges Ziel sind 400 bis 500 Stück. Das ist möglich.

STANDARD: Mit dem aktuellen Mitarbeiterstand in Wiener Neustadt? Oder müssen Sie kurzfristig Jobs abbauen.

Umemura: Die jetzige Anzahl - 120 Mitarbeiter - wird ausreichend sein. In Wirklichkeit haben wir für die derzeitige Produktion zu viele. Ob wir abbauen müssen, ist noch nicht entschieden. Zuerst muss der nachhaltige Wachstumsplan festgelegt werden. (Leo, Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2008)

Zur Person

Mitsuru Umemura (57) ist seit 2007 Chef der Yamaha Corporation. Er arbeitet seit 1975 für das Nikkei-225-Unternehmen, das mit 27.000 Mitarbeitern umgerechnet 4,6 Mrd. Euro umsetzt. Yamaha stellt Musikinstrumente, Hi-Fi-Geräte, Profi-Audiolösungen, Maschinen, Elektronik und Motorräder her. Seit 2007 gehört auch Bösendorfer zum Konzern.

  • Yamaha-Konzernchef Mitsuru Umemura hält an der Bösendorfer-Produktion in Wiener Neustadt fest.
    foto: regine hendrich

    Yamaha-Konzernchef Mitsuru Umemura hält an der Bösendorfer-Produktion in Wiener Neustadt fest.

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