Gegen den Spielplan auf die Bühne gehüpft

30. November 2008, 18:15
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Simon Ammann gewann in Kuusamo das erste Skispringen einer Saison, die Thomas Morgenstern und Gregor Schlieren­zauer beherrschen sollen. Der Schweizer ist mehr als nur Staffage für deren Duell.

Kuusamo - Zur Vermeidung von Theater während der Saison wurde vor der Saison Theater gespielt. Schauspielerisches Improvisieren soll die Laiendarsteller Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer völlig fit gemacht haben für den Umgang miteinander abseits des Wettkampfes gegeneinander. Denn die verwichene Saison und die Beobachtung der um den Finnen Janne Ahonen erleichterten Konkurrenz legte einen Schluss recht nahe. Die beiden Skispringer aus Österreich, die bisher mehr als nur sportlich, und daher unnötig Kräfte verschleißend rivalisierten, würden sich so ziemlich alle wichtigen Siege in der am Wochenende in Finnland begonnenen Saison untereinander auszumachen haben.

Das Ergebnis des ersten Einzelspringens zwang tatsächlich zur Improvisation. Gewonnen hat nämlich der stets lustige Schweizer Simon Ammann. Recht überlegen sogar. Im zweiten Durchgang reichte dem Doppelolympiasieger (2002) und regierenden Großschanzen-Weltmeister ein sogenannter Sicherheitssprung zum erst vierten Triumph im Weltcup. Schon stellten sich unmittelbar hinter dem 27-Jährigen drei Österreicher - Wolfgang Loitzl, Schlierenzauer und Morgenstern - an. Aber bloß mannschaftliche Geschlossenheit sollte im zumeist finsteren Lappland von den ÖSV-Springern eigentlich nicht demonstriert werden.

Also wurde hohe Zufriedenheit improvisiert. Schlierenzauer lobte seine Fähigkeit, trotz zweier nicht perfekter Sprünge das Podest zu erklimmen. Vorjahres- und Weltcupsieger Morgenstern, bekanntlich auch immer lustig, pries zwei an sich perfekte Sprünge, die nur witterungshalber mäßig belohnt worden waren. Für Loitzl, den viermaligen Mannschaftsweltmeister, der sich mangels Weltcupsiegs zuweilen auch "ewiger Zweiten" heißen lassen muss, war es ohnehin "der beste Saisonauftakt meiner Karriere" . Schließlich vergnügte sich Cheftrainer Alexander Pointner nach dem Motto "Uns schadet es nicht, und euch macht es eine Freude" daran, dass es im in einem Durchgang nachgeholten Mannschaftsbewerb nur zum zweiten Platz hinter Finnland gereicht hat. Von seiner Freude über Platz drei für die an sich armen, aber fürs Geschäft so wichtigen deutschen Skispringer ganz zu schweigen.

Mangel und Gefühl

Simon Ammann hat sich das Mannschaftsspringen halbinteressiert angeschaut. Den Schweizern gebricht es nämlich an der für derartige Veranstaltungen wichtigsten Voraussetzung. Hinter Ammann und dem übrigens ebenfalls stets lustigen Andreas Küttel tut sich eine tiefe Leistungskluft auf. Den ohnehin Chancenlosen wurde die strapaziöse und teure Reise dicht an den Polarkreis erspart.

Was Ammann und Küttel fehlt, müssen Trainer Martin Künzle und dessen oberösterreichischer Assistent Gerhard "Gatsch" Hofer liefern. Die sind 28 bzw. 26 Jahre alt, also mehr Kollegen als Vorgesetzte. "Sie geben uns das nötige Mannschaftsgefühl" , sagt Ammann, der Hofer hervorhebt. Er sei ein wohltuend lockerer Bursche. Der Hervorgehobene wirkte als Wachsler für die Österreicher, ehe ihn ein über atemberaubende Wachshütten hinausgehender Arbeitsbereich in die Schweiz lockte. Vor allem der diffizile Wechsel von Elan- auf Fischer-Latten ging durch das Know-how des nun auch obersten Materialverantwortlichen der Schweizer Skispringerei klaglos vonstatten.

Dem Tiroler Werner Schuster, der nach nur einem Jahr bei den Schweizern als Chefcoach zu den Deutschen wechselte, weint Ammann nach und auch wieder nicht. "Er hat viele Dinge angestoßen, hat Innovationen im technischen und mentalen Bereich gebracht, die ich auch gebraucht habe. Jetzt bin ich aber froh, dass wieder etwas Ruhe eingekehrt ist."
Schuster, der in Deutschland geschätzt wird ob seiner mit Freundlichkeit gepaarten Kompetenz, die ihn so sehr von seinem ebenso mürrischen wie erfolglosen Vorgänger Peter Rohwein unterscheidet, weint aus einem anderen Grund um Ammann. "Immer, wenn ich weggehe, gewinnen meine Athleten" , klagte der 39-Jährige, der einst von Stams schied, kurz bevor sein Zögling Schlierenzauer zur großen Karriere abhob. Schuster traut Ammann (wie auch Ammann sich selbst) die Saison-Hauptrolle zu. Zur nächsten Vorstellung trifft man sich am Wochenende in Trondheim, Norwegen. (Sigi Lützow, DER STANDARD Printausgabe, Montag, 1. Dezember 2008)

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    Wolfgang Loitzl, Simon Ammann und Gregor Schlierenzauer nach dem ersten Akt der Saison. Viele Akte werden folgen.

     

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