"Wenn China die EU ohrfeigen will, schadet es sich"

30. November 2008, 17:55
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Nach der Hinrichtung des Geschäftsmanns Wo Weihan schildern seine Töchter wie Peking sie bewusst im Unklaren ließ

Ran Chen sah ihren Vater in Handschellen und hinter Trennglas. Im Besucherraum des Zweiten Pekinger Volksgerichts durfte die eingebürgerte Österreicherin am Donnerstag für eine halbe Stunde mit dem zum Tode verurteilten Biochemiker Wo Weihan sprechen. Es war das erste Mal seit seiner Verhaftung am 19. Januar 2005 wegen angeblicher Spionage für Taiwan. "Die Wachen passten auf, dass ich mit ihm nicht über den Prozess redete", schilderte sie dem Standard. "Vor allem zeigte er sich zuversichtlich, dass sein Urteil vom obersten Revisionsgericht zurückgenommen würde." Freitag früh wurde der 60-jährige Unternehmer, der acht Jahre in Österreich lebte, erschosssen. Die Töchter erfuhren das spätnachmittags am Freitag über die österreichische Botschaft.

Den EU-Unterhändlern des Menschenrechtsdialogs zwischen China und der Union, der am Donnerstag stattgefunden hatte und bei dem auch Chinas Reformen zur Einschränkung der Todesstrafe besprochen wurden, blieb bei der Schlusssitzung nur entsetzter Protest übrig. "Wir waren wahnsinnig deprimiert" so ein Teilnehmer.

Hocherfreut

Die ältere Tochter Di Chen war erst Donnerstagmittag aus Wien eingeflogen und zu spät für den Haftbesuch gekommen. Das Außenamt in Peking sagte ihr, dass sie einen Antrag auf Besuchserlaubnis stellen sollte. "Wir dachten hocherfreut, sie dürfe nun auch den Vater besuchen," berichten die Schwestern. Den Freitag über verfassten sie Eingaben und telefonierten, bis sie von der Exekution erfuhren. Die Behörden informierten die Familie bis Sonntag nicht.

Die Frage, ob der Fall ein weiteres Anzeichen für eine härtere Innenpolitik Chinas ist, stellen auch westliche Politiker von Europa bis in die USA. Peking hatte seine Teilnahme am EU-China-Gipfel demonstrativ platzen lassen, und zwar wegen eines von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy angekündigten Treffens mit dem Dalai Lama. "Wenn Peking meinen sollte, der EU eine Ohrfeige wegen ihrer Dalai-Lama-Politik und jüngster Menschenrechtspreise versetzen zu müssen, schadet es sich selbst", meinen westliche Diplomaten.

"So etwas noch nie erlebt"

Der US-Direktor der Duihua-Gefangenenhilfe, John Kamm, sagte am Sonntag, er sei "zutiefst niedergeschlagen, weil ich Hoffnungen in die Justizreformen setzte". Er habe so etwas in den 19 Jahren seiner Tätigkeit nicht erlebt. Die bekanntgewordenen Anklagepunkte weckten schwere Zweifel. "Warum wurde das Urteil von der neuen Revisionsinstanz nicht aufgehoben? Sie wussten, dass alle darauf achten, ob sie sich an ihre Reformen halten, die Todesstrafen nur für schlimmste Fälle beizubehalten."

Bei Spionageverfahren hat die Öffentlichkeit kein Recht auf detaillierte Auskunft. Tochter Ran Chen erhielt beim Urteil am 24. März Einblick in die Anklage mit 31 Punkten. Konkretester Vorwurf: Wo Weihan soll unter Pseudonym 400.000 Dollar für Informationen wie etwa Kopien von Raketenplänen erhalten haben, die er für eine Spionageorganisation aus Taiwan beschaffte. Er hätte militärische Fachmagazine aus der Akademie der Wissenschaften kopiert. Er hätte auch den "Gesundheitszustand eines führenden Politikers" verraten. Die letzten Worte, die Ran Chen von ihrem Vater hörte, waren: "Macht euch um mich keine Sorgen." (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2008)

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    Hinrichtung in China: Verurteilte warten auf ihre Exekution.

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    Die Töchter von Wo Weihan, Di Chen (li.) und Ran Chen, sind erschüttert.

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