Wie Reinhardts Theaterimperium zum "KZ auf Urlaub" wurde

30. November 2008, 17:55
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Das Wiener Josefstadt-Theater eröffnet seine neue Probebühne - und blickt ohne Beschönigung in die Vergangenheit

Wien - Es war pünktlich am 19. März 1938, nur wenige Tage nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, als drei Schauspieler des Theaters in der Josefstadt (Erik Frey, Richard Horky und Robert Valberg) das Büro des damaligen Direktors Ernst Lothar betraten, um ihn über die Theaterüberwachung durch die Nationalsozialisten zu „informieren". Sie hatten sich als die NSDAP-Gruppe des Theaters vorgestellt und nicht unbedingt mit dem sofortigen Rücktritt Lothars gerechnet. Lothar floh zunächst in die Schweiz, ein Jahr später über Frankreich nach New York.

Dort begegnete er auch Max Reinhardt wieder, der die Leitung seines Theaterimperiums (neben der Josefstadt auch die Salzburger Festspiele und das Deutsche Theater in Berlin) bereits 1934 an den von den Nationalsozialisten geduldeten und sogar mit einigen Freiheiten bedachten Regisseur Heinz Hilpert hatte abgeben müssen. Reinhardt inszenierte nun also in den USA, Lothar drehte dort Filme - unter anderem mit Reinhardts zweiter Frau, der ebenso geflohenen Josefstadt-Diva Helene Thimig.

"KZ auf Urlaub"

In Wien hatte sich indessen das Ensemble der Josefstadt, die Goebbels angeblich als "KZ auf Urlaub" bezeichnet hatte und fürchten musste, in ein Lichtspieltheater umgebaut zu werden, unverzüglich in zwei Teile getrennt.  Am Freitagabend präsentierte der nun amtierende Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger das jüngste Produkt der großangelegten Renovierung seines Hauses: die neue Probebühne, die im zweiten Stock, über den Sträußelsälen liegt. Ein für vier Millionen Euro des Privatstifters Peter Pühringer im kühlen Design errichteter Raum mit Sockelbühne und mit schlichten Linien und Metallic-Wänden im Foyer, der fortan nicht nur tagsüber zum Probieren genützt, sondern abends auch „jungen Autoren und Regisseuren und Programmen, die man sonst in der Josefstadt vielleicht nicht sehen würde", zur Verfügung stehen soll.

„Probebühnen sind Orte der Selbstbefragung", lässt das Theater verlauten. Dazu gehöre nun eben endlich auch die Aufarbeitung der Geschichte des Theaters und seiner zahlreichen vertriebenen Künstler im Zweiten Weltkrieg. Das gemeinsam mit dem Wiener Institut für Theaterwissenschaft erarbeitete Symposion „Theater für Eliten" knüpfte also vergangenen Samstag genau 1938 an, als jene Schauspieler und Autoren jüdischer Abstammung nicht mehr spielen, nicht mehr aufgeführt werden durften, und die anderen zur „arisierten" Schauspielerelite der Nazis - auch im Film - wurden.
Die erste Theaterpremiere auf der Probebühne, In der Psychiatrie ist es nicht so schön von Stefan Geszti, thematisiert am 10. Dezember die Gräueltaten am Spiegelgrund. (Isabella Hager/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.12.2008)

 

 

 

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Max Reinhardt mit seiner zweiten Frau, der berühmten Josefstadt-Schauspielerin Helene Thimig.

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