Migration für Erstwähler das wichtigste Wahlmotiv

30. November 2008, 16:50
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Grüne lagen bei den 16- bis 19-Jährigen knapp vor der FPÖ - Durchsetzungsfähigkeit gilt als wichtig

Wien - Hätten die Erstwähler die vergangene Nationalratswahl entschieden, dann hieße der nächste Bundeskanzler wohl Alexander Van der Bellen. Dies ergibt die aktuelle Nachwahlstudie des Institutes für Jugendkulturforschung, bei der 300 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 befragt wurden. Insgesamt hat ein Viertel der Erstwähler die Grünen gewählt, dicht gefolgt von der FPÖ, der 21,6 Prozent der 16- bis 19-Jährigen ihre Stimme gaben. Damit unterscheiden sich die Erstwähler klar von der Gruppe der unter 30-Jährigen, bei denen die FPÖ klar die Nummer eins war.

Keine ideologische Wahlentscheidung

Weniger überraschend: Die Grünen konnten unter den Erstwählern vor allem bei Schülern und Studienanfängern punkten, die FPÖ vorwiegend bei Lehrlingen und berufstätigen Jugendlichen. In ihren Wahlmotiven unterscheiden sich die beiden Gruppen aber kaum. "Das Thema Migration war für viele Erstwähler, egal ob links oder rechts, Hauptmotiv für die Wahlentscheidung", so Studienautorin Beate Großegger im Gespräch mit dem Standard. An zweiter Stelle wurden bildungs- und arbeitsmarktbezogene Themen genannt.

Insgesamt hätten die Jugendlichen ihre Wahl weniger aus ideologischen als aus pragmatischen Gründen getroffen. Großegger: "Für diese Wählergruppe zählt vor allem der persönliche Nutzen, den sie aus versprochenen Maßnahmen ziehen kann. Über die Werte-Schiene kann man Jugendliche heute nicht mehr ansprechen." 16- bis 19-Jährige würden Politik in erster Linie als "Dienstleistung" sehen. Themen und Botschaften wollen sie in wenigen, kompakten Slogans übermittelt bekommen, erklärt die Jugendforscherin. Dies sei vor allem der FPÖ gelungen.

Sympathie allein reicht nicht

Auch im Vergleich der Spitzenkandidaten liegen die Blauen bei den Erstwählern deutlich voran. Parteichef Heinz-Christian Strache wird nicht nur von quasi hundert Prozent der Befragten gekannt, die Erstwähler trauen ihm auch das größte Durchsetzungsvermögen zu. Die neue Grünen-Chefin Eva Glawischnig erscheint für Jugendliche zwar glaubwürdig und sympathisch, bei ihr vermissen sie aber Durchsetzungsfähigkeit. "Jugendliche wählen nicht eine Partei, nur weil sie sympathisch ist, sie wollen auch Politiker, die etwas verändern können", erklärt Großegger.

Die Nachwahlanalyse habe auch gezeigt, dass sich Erstwähler in der Politik als marginalisierte Gruppe wahrnehmen. Jugendpolitische Themen sehen sie in der Tagespolitik kaum vertreten. Vor allem bei den traditionellen Großparteien, die bei den Erstwählern mit 17,2 Prozent (SPÖ) und 10,6 Prozent (ÖVP) eine untergeordnete Rolle spielten, sieht die Jugendforscherin Aufholbedarf. "Es ärgert mich, wenn man alle Jugendlichen, die Blau oder Orange gewählt haben, ins rechte Eck stellt.

Diese Jugendlichen sind nicht alle rechts außen. Das sind junge Menschen, die sich von der Politik etwas erwarten und nicht wirklich entdecken konnten, dass ihnen die anderen Parteien ein Angebot machten." Anstatt zu jammern, sollten sich Rot und Schwarz lieber überlegen, was falsch gelaufen ist. "Die Parteien müssten Jugendliche in ihrer Lebenswelt erreichen, in einer zielgruppengerechten Sprache an sie herantreten und vielleicht auch mehr Humor an den Tag legen", rät die Jugendforscherin. (Katharina Weißinger, DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2008)

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