"Wahlen als Kampf um Leben und Tod"

30. November 2008, 16:35
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Bei Unruhen nach einer Kommunalwahl sind hunderte Menschen getötet worden - Radikale christliche und muslimische Milizen machen gegen Andersgläubige mobil

Jos/Nairobi - Die Leichen, viele von ihnen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt oder verstümmelt, lagen am Wochenende achtlos aufeinandergeworfen im Hof der Zentralmoschee von Jos. Mindestens 400 Tote der Massaker, die am Samstag ihren Höhepunkt erreichten, seien dort aufgestapelt, berichten Augenzeugen. Den Angaben der nigerianische Behörden zufolge sind 200 Menschen gestorben. Polizisten kontrollierten am Sonntag gemeinsam mit der nigerianischen Armee eine Ausgangssperre. Ihre Anweisung: jeden potenziellen Unruhestifter umgehend zu erschießen.

Die jüngsten Unruhen in Jos, der Hauptstadt der Plateau-Provinz im Zentrum Nigerias, sind die schlimmsten seit Jahren. Es begann am Donnerstagabend: Da wurden nach Kommunalwahlen in der Provinz zwar noch die Stimmen ausgezählt, doch unter Anhängern der oppositionellen „All Nigeria Peoples Party" (ANPP) kursierte bereits, dass der wichtige Wahlkreis im Norden von Jos verloren sei - an die auch landesweit regierende „People's Democratic Party" (PDP). Während die ANPP vor allem als Partei der aus dem muslimischen Norden zugewanderten Bevölkerung, ethnischen Hausa und Fulani, gilt, ist die PDP traditionell die Partei der aus dem christlichen Süden stammenden Yoruba-Ethnie. In Jos, wie überall in Nigerias Zentralregion, mischen sich die Ethnien und die Religionen. Politiker nutzen Vorurteile zu ihrem Vorteil aus. Politische Konflikte eskalieren in Jos deshalb immer wieder zu Massakern zwischen Christen und Muslimen, zwischen Hausa und Yoruba. So war es auch diesmal.

Als Erstes steckte der wütende Mob in der Nacht zum Freitag mehrere Kirchen und Moscheen in Brand. Dann brach Chaos aus: Menschen wurden mit Macheten zerstückelt, zu Tode geprügelt oder an eilends errichteten Straßensperren angezündet. Tausende Häuser und Geschäfte gingen in Flammen auf, hunderte von geparkten Autos wurden zertrümmert. Mindestens zehntausend Bewohner flohen.
An einen Zufall glaubt kaum jemand in Jos. „Das war eine minutiös vorbereitete Attacke", urteilt etwa der Pfarrer Yakubu Pam. „Einige wenige gierige und unzufriedene Leute haben den Frieden der vergangenen Jahre aufgegeben und die Wahlen zu einem Kampf auf Leben und Tod erklärt." Der Präsident des obersten Rates für islamische Angelegenheiten, Sultan Sa'ad Abubakar, rief Muslime und Christen zur Ruhe auf: „Eine Politik des Hasses und der Ungerechtigkeit darf keinen Keil zwischen die Bevölkerung Nigerias treiben."

Spielball der Politik

Auch der Generalsekretär der Vereinigung nigerianischer Christen, Samuel Salifu, machte die Politik verantwortlich: „Wir sind es satt, immer die gleichen Krisen zu sehen, wenn einige Politiker in ihrem Eigeninteresse die religiöse Karte spielen." Er spricht aus, was viele Nigerianer denken: Christliche und muslimische Milizen werden von Politikern je nach Interessenlage eingekauft.
Die Regierung von Plateau bestätigte am Sonntag, mindestens 500 Gewalttäter seien festgenommen worden. Zeitungen sprachen von mindestens dreimal so vielen. Viele hätten Militär- oder Polizeiuniformen getragen, sagte der Justizminister von Plateau, Edward Pwajok. Vorher hatten Bewohner berichtet, Polizisten hätten willkürlich das Feuer auf unschuldige Bewohner in mehreren Slums eröffnet. Auch einige hundert schwer bewaffnete Kämpfer sollen festgenommen worden sein, als sie von außerhalb versuchten, die Kampfzone in der Stadt zu erreichen.
Bei Kämpfen zwischen christlichen und islamischen Milizen waren vor sieben Jahren mehr als tausend Bewohner von Jos ums Leben gekommen. Drei Jahre später wurde in Plateau der Ausnahmezustand verhängt, nachdem christliche Milizen 200 Muslime in Yelwa brutal ermordet hatten. (Marc Engelhardt/APA/AFP, DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2008)

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    Ausgebrannte Autos nach den Unruhen in Jos. Mindestens 400 Menschen sind bei den schweren Ausschreitungen getötet worden, rund 10.000 Bewohner sind geflohen. Vertreter der Religionsgemeinschaften werfen Politikern vor, die Massaker zu schüren.

  • Archivbild aus dem Jahr 2001. Bewohner von Jos verließen die Stadt. Der Grund waren auch damals Unruhen zwischen Muslimen und Christen.
    foto: epa photo afpi/pius utomi ekpei/pu/eps

    Archivbild aus dem Jahr 2001. Bewohner von Jos verließen die Stadt. Der Grund waren auch damals Unruhen zwischen Muslimen und Christen.

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