Erhard Busek zum Abschied von Alfred Gusenbauer

28. November 2008, 20:47
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Der falsche "Popanz"

Zeitliche Distanz zur aktuellen Politik macht es möglich, auch politisch Andersdenkenden Respekt zu zollen, bevor Nachrufe notwendig sind. Ich habe die intellektuelle Kapazität von _Alfred Gusenbauer immer geschätzt, gern mit ihm geredet und ihn für unterschätzt gehalten. Sein Abschiedsinterview (STANDARD, 26. 11.) fällt nicht unter diese Beurteilung. Warum? Ich glaube, der Brief an das Kleinformat wurde von ihm unterzeichnet, um ihm sein Überleben gegen Faymann zu sichern. Ich habe auch danach einige Referate von ihm gehört, die untadelig „europäisch“ ohne Wenn und Aber und Volksabstimmung waren. Jetzt muss ich registrieren, dass er von einem „Popanz“ spricht, der hier aufgebaut wird. Der eigentliche Popanz ist aber „Onkel Hans“ und die totale Anpassung an einen Zeitungsmogul, dem es nicht um Volksabstimmung geht, sondern um primitive Vereinfachungen, die Stil und Inhalt seines Blattes entsprechen.

Über Abstimmungen zu Beitritten (Türkei!) redet niemand, wohl aber über die Rechtsgrundlagen der EU. Man kann annehmen, dass Regierungen, Parlamente, der EU-Rat und das EU-Parlament nationale Interessen wahren – manchmal zu viel, sodass die EU im Interesse Europas oft nicht handlungsfähig ist. Auch der Verweis auf Frankreich geht fehl, weil Sarkozy diese populistische Bestimmung aus Chiracs Zeiten aufheben will. Es wäre ehrlicher zu sagen: Stimmen wir über Österreichs Verbleib in der EU ab. Wir würden allerdings dann angesichts der Finanzkrise sehr eigenartig dastehen.

Das Regierungsprogramm enthält dank „Onkel Hans“ auch keine Zukunftsstrategie Österreichs in Europa. Warum es eigentlich noch eine SPÖ gibt, wenn eine Zeitung bestimmt, die noch durch satte Inseratenaufträge aus dem Umfeld des Infrastrukturministeriums, der Stadt Wien etc. „angefüttert“ wird, weiß ich nicht. Christenverfolgungen gegenüber Personen (Plassnik ist nicht die einzige) sind dort üblich, aber der sonntägliche Artikel des Wiener Kardinals ist wahrscheinlich die Absolution. Hoffentlich findet die eine Regierungspartei wieder zu sich und die andere gewinnt wieder Mut, sonst wird H.-C. Strache davon profitieren. Ob das „Onkel Hans“ will? Lieber Alfred Gusenbauer, der Popanz ist anderswo. Wenn Sie glauben, mit Ihrer Haltung andere in Europa zu beeindrucken, dann probieren Sie es! Glück auf dem Weg! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.11.2008)

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