Bei Rumäniens Wählern zählt die Show mehr als der Inhalt

28. November 2008, 20:01
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Zwei Drittel an Parteiprogrammen kaum interessiert - Parteien setzen auf Kandidaten aus dem Show-Biz

"Sie ist heilig, die Freiheit auf Erden, die Freiheit aller und eines jeden." Oder: "Sie halten zu sich selbst - Wir halten zu euch." Oder "Wir sind frei, wir sind stark, über uns kann nur Gott stehen." Mit derart mythisiertem Patriotismus, pathetischen Banalitäten oder messianischem Heldentum werben die drei größten rumänischen Parteien in ihren "Wahlhymnen" um Stimmen bei den Parlamentswahlen am Sonntag. Bemerkenswert daran ist unter anderem, dass die Verse über die "heilige Freiheit" in der Wahlhymne der Sozialdemokratischen Partei (PSD) ausgerechnet vom ehemaligen Hofpoeten des Diktators Ceauºescu gedichtet wurden.

Kandidat als Jesus

Charisma, Telegenität und Berühmtheit sind entscheidende subjektive Wahlkriterien geworden. Bei den Lokalwahlen erschienen zum Beispiel die PSD-Kandidaten im westrumänischen Arad als Jünger auf einem Plakat, das Leonardo da Vincis "Heiliges Abendmahl" nachstellt, einschließlich des Bürgermeisterkandidaten als Jesus und seiner engsten Mitarbeiterin als Maria Magdalena. Oft gab es Wahlempfehlungen in den Kirchen, Priester als Kandidaten oder, zusätzlich zu Schnaps, Würsten und einem Lebensmittelsackerl, mit Wahlslogans bedruckte Ikonen als Wahlgeschenk.

Im aktuellen Wahlkampf setzen alle Parteien neben mehr oder weniger erfahrenen Politikern auch auf Kandidaten aus dem Show-Biz - Eurovision-Sängerinnen und Sportmoderatoren konkurrieren mit Regisseuren und Schauspielern. Ein 20-jähriger Student meint im Gespräch ironisch, einziger Anhaltspunkt für die Wahlentscheidung sei die Buntheit der Plakate. Eine Befragung von rund 30 Studierenden ergab, dass trotz des Fachs "Bürgerkunde" an den Schulen kein einziges Mal Begriffe wie "rechts und links", "Liberalismus", "Sozialismus", "Konservatismus", "föderativ" oder "zentralistisch" thematisiert wurden.

Eine Internet-Umfrage des Europäischen Instituts für Partizipative Demokratie stellte Ende Oktober fest, dass "fast zwei Drittel der befragten Personen nicht unbedingt nach Ideologie oder Identifikation mit den Standpunkten der Partei urteilen, sondern eher nach emotionalen Kriterien wie Sympathie und Antipathie gegenüber den Parteichefs". Obwohl die Anhänger der Demokratisch-Liberalen Partei (PDL) laut der Studie am wenigsten über die politischen Inhalte informiert sind, gewinnt die Partei Wählerschaft, weil deren "formelle oder informelle Anführer Charisma besitzen". (Laura Balomiri aus Bukarest/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.11.2008)

  • Dieses PSD+PC-Plakat in Bukarest verspricht "Kompetenz und Stabilität"
    foto: epa

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