Inder und Israelis, Hindus und Juden

28. November 2008, 19:33
20 Postings

Die politischen Beziehungen sind relativ neu, die persönlichen besonders herzlich

Wien - Die engen indisch-israelischen Beziehungen sind relativ jung: Erst das Ende der UdSSR erhöhte in den 1990ern den außenpolitischen Aktionsradius des Nichtalliierten Indien. Heute, 16 Jahre nach der Aufnahme von Beziehungen, ist Israel nach Russland Indiens zweitgrößter Waffenlieferant. Die Hightech-Länder arbeiten militärisch und wissenschaftlich eng zusammen. Und soeben wird geplant, Indien in eine türkisch-israelische Energiekooperation einzubinden.

Abseits von Politik und Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren jedoch eine von beiden Seiten betonte besondere persönliche Verbundenheit zwischen Indern und Israelis Raum gebrochen. Nicht umsonst gibt es das Chabad-Zentrum in Mumbai, das sich um die vielen israelischen Reisenden, viele davon Jugendliche, kümmert (und nicht umsonst auch mit einem Drogenpräventions-Angebot).

Indien ist das klassische Reiseziel für junge Israelis nach ihrem Armeedienst, die, so Nathan Katz, Experte für indisch-jüdische Beziehungen (Florida University), zu den klassischen Billigtouristen gehören und nicht nur beliebt sind, als "clannish" (mit Stammesdünkeln) und arrogant geltend. Aber die Inder hätten auch Verständnis dafür, so Katz, dass diese jungen Leute eben aus einer Grenzsituation kämen.

"Die gleiche Bedrohung"

Womit man bei der Gemeinsamkeit wäre, die zurzeit in israelischen und indischen Postings zu den Terrorüberfällen in Mumbai Hochkonjunktur hat: "Indien und Israel werden von der gleichen Seite bedroht."

Damit ist - alle Unschärfen inklusive - gemeint, dass beide Länder mit einer muslimischen Minderheit und mit einer islamischen Bedrohung von außen leben. Hier wird auch Indien auf "Hindu" und Israel auf "Jude" heruntergebrochen, und das ergibt neue Berührungspunkte: Beide Religionen sind sehr alt. Wenn auch nach orthodoxer jüdischer Auffassung die hinduistische Göttervielfalt unter Heidentum eingestuft würde.

Aber das sind Argumente von gestern: 2007 fand der erste hinduistisch-jüdische Religionsgipfel statt, bei dem die gemeinsamen "Anliegen" der beiden Religionen betont wurden. Bei der jüdischen Perzeption des Hinduismus überwiegt heute die Dankbarkeit für die Tatsache, dass jüdische Gemeinden in Indien seit über 2000 Jahren unbehelligt und ohne Diskriminierung leben.

Auch in den USA kommt es in den vergangenen Jahren zu einer verstärkten Zusammenarbeit der jeweiligen Lobbyistengruppen, wobei es ebenso nicht nur um Loyalität mit den (realen oder fiktiven) "Heimatländern" geht: "Hindus und Juden", so Katz,"sind die erfolgreichsten Immigrantengruppen in den USA, mit den höchsten Haushaltseinkommen und dem höchsten Bildungsniveau aller ethnischen Gruppen." Gemeinsam hätten sie auch "einiges Unbehagen als religiöse Minderheiten".

Während die Chabad-Zentren der Lubawitscher auf der ganzen Welt vor allem für jüdische Reisende gedacht sind (vor allem dort, wo es keine jüdische Infrastruktur gibt), kümmerte sich jenes in Mumbai auch um die ansässige jüdische Gemeinde. Sie ist zwar klein, aber die größte in Indien. Die "Bnei Israel", wie die Mumbai-Juden heißen, waren jahrhundertelang isoliert und haben sich erst wieder in der Moderne dem Mainstream-Judentum angeschlossen. Trotz Emigration nach Israel wächst heute die Gemeinde wieder.

Der verlorene Stamm

Von den Cochin-Juden (die sich als Nachfahren von Flüchtlingen nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 sehen) sind heute fast alle in Israel. Außerdem gibt es noch verstreut die "Bagdadis" (arabisch- und persischsprachige Juden) sowie die Bnei Menashe im Nordosten, die sich für einen der verlorenen Stämme Israels halten: Ihre Konversionen (vom Christentum) zum Judentum und eine von Israel ermutigte Auswanderung löste Spannungen zwischen Israel und Indien aus und wurden deshalb gestoppt. Die guten Beziehungen sind wichtiger. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.11.2008)

Share if you care.