"Aber ich liebe ihn doch"

29. November 2008, 12:00
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Selbstbetrug im Reihenhaus: Wie fühlt sich eine Frau, deren Ehemann immer wieder mit Männern schläft?

Lena hat sich vorgenommen, nicht weiter darüber nachzudenken. Soll er heute, wenn ihm danach ist, die schwarze Unterwäsche tragen. Sie wird die Wäsche waschen, sie bügeln und zurück in den Schrank legen. "Acht schwarze Herrenslips haben wir im Haus", erzählt Lena, "ansonsten trägt mein Mann ausschließlich Weiß."

Ihr Mann ist draußen im Garten und schaut nach den Rosen. Die Töchter sind bei Freundinnen, der zwanzigjährige Sohn ist zum Sport unterwegs. Am Abend werden die Eltern gemeinsam eine Suppe kochen, sie werden einen ruhigen, harmonischen Abend in ihrem Einfamilienhaus am Rande Düsseldorfs verbringen. Die Suppe wird allerdings ein bisschen zu fett geraten. Ausgelöffelt wird sie trotzdem.

Lena, heute 46 Jahre alt, ist dick geworden über die Jahre. 22 Kilo hat sie zugenommen in ihrer Ehe. "Mein Körper ist so nicht gemeint", sagt sie und zieht sofort den Vergleich zum Ehemann. "Er ist immer noch schön. Die Leute drehen sich nach ihm um", sagt Lena. "Auch die Männer", sagt sie weiter. Hinter ihm her wären die. Und ihr Mann? "Nein", sagt Lena, er habe ihr das versprochen: "Ich bin nicht schwul!".

Er muss bloß hin und wieder mit Männern schlafen. Im Geheimen. Er verrät es nicht. Und Lena liest nur die Spuren. "Ich liebe dich", sagt er seiner Frau, wenn sie ihm wieder einmal "Beweise" vorhält. Dann weint er. Über die Sehnsucht nach Männerkörpern, unmöglich sich zu bekennen.

Männer, die Sex mit Männern haben. MSM. Die Weltgesundheitsorganisation hat diesen Ausdruck erfunden, und er mag die Anonymität beschreiben, mit der Männer wie Lenas Ehemann ihre sexuelle Identität verleugnen.

In einer Studentenkneipe lernte sie ihn kennen. Schüchtern, dunkelhaarig und sanft habe er gewirkt. "Das ist er", hat sie sofort gedacht. Wie man so erzählt über die große Liebe: "Traumhaft" sei es gewesen. Eine Weile noch schimmerte das Märchen golden. Bis 1987, im zweiten Jahr ihrer Ehe, das Leben die Adjektive neu verteilte.

Es beginnt an einem Vormittag. Lena ist im achten Monat schwanger, ihr Mann unterwegs auf Montage. Lena beschließt, die Wohnung aufzuräumen. Bevor das Kind kommt. Jetzt, wo noch Zeit ist, um auch an den Staub in den Ecken, in den Nischen, in den Zwischenräumen der Möbel zu denken. Der Brief fällt ihr aus einem Schrankregal entgegen.

Im Brief: ein Foto ihres Mannes, "eine Halbkörper-Nacktaufnahme", dahinter steckt eine Adressenliste. Namen von Parkplätzen sind aufgelistet, schneller Sex wird versprochen. Lena begreift nicht. Sie ruft ihren Schwager an, schreit ins Telefon: "Du musst kommen!" "Das ist normal", beruhigt der Schwager, "Männer sind so." Die Schwangerschaft, der Mangel an körperlicher Nähe, na ja, Lena müsse das einsehen. Am besten, sie lasse den Zwischenfall auf sich beruhen. Lena tut, was man ihr sagt. Sie schweigt.

Ein Foto ihres Mannes

Im folgenden Januar bringt sie einen kleinen gesunden Jungen zur Welt. Das Glück ist vollkommen, und die Vergangenheit erscheint ihr nichtig. Doch die Vergangenheit schert sich nicht darum, sie besteht auf Fortsetzung: Wieder ist Lena schwanger, wieder ist sie zu Hause, wieder ist es ein Vormittag, wieder will sie aufräumen. Sie findet ein Pornoheft, versteckt zwischen Büchern. Es ist der alte Schreck. Sie klammert sich an den fast schon vergessenen Rat ihres Schwagers. Hing nicht "alles" mit der Schwangerschaft, "mit dem dicken Bauch" zusammen? Es würde aufhören, im November würde das Baby kommen. Eine kleine Tochter. Sie würden "eine normale Familie" sein.

Ein Versteckspiel? Ein Selbstbetrug? Der Soziologe Friedhelm Krey etwa warnt vor voreiligen Schlüssen. Es hänge zusammen mit einem Grundproblem in Sachen Homosexualität und Gesellschaft. "Wir haben keine verlässlichen Zahlen", sagt er. Nicht über den Anteil der Homosexuellen an der Bevölkerung, nicht über die Verbreitung jener schwierigen Form der Ehe. Jede Zahl bedeutet Politik. Und: "Journalismus bringt hier nichts." Heißt: Jede Geschichte steht für sich und sollte nicht verallgemeinert werden.

Die dritte Schwangerschaft meinte es gut mit Lena. So, als sei der Spuk vorüber. Der Verdacht bekommt keine Nahrung, die Schränke geben kein Geheimnis preis. Wie sollten sie? Lenas Mann ist ohnehin nur jedes zweite Wochenende zu Hause. Als Ingenieur reist er viel, um den Einbau elektrischer Anlagen zu überwachen, jeden Freitagabend schließt er die Haustüre auf. Lena erwartete ihn, "eifersüchtig und müde", wie sie sagt. Der Sex gerät zur ehelichen Pflicht. Und sonst? "Nichts", sagt sie, dann: "Halt." Eine Bekannte verließ in jener Zeit den Mann, hatte entdeckt, dass er Männer liebt. Lena fragt nach. "Woran haben Sie es erkannt?" "Äußerlichkeiten" seien es gewesen, antwortet die Bekannte. "Nichts Gravierendes." Ihr Mann habe sie beim Sex nie geküsst. Lena lacht. "Mein Mann küsst mich auch nicht."

Szenen einer Ehe

Wie zeigt sie sich? Die Kränkung. Die Distanz, die auf Dauer zermürbt? Lena besucht seit kurzem eine Gruppe, in der Frauen über ihre schwulen Ehemänner reden. Sie staunt über die Wut dieser Frauen und die Klagen. Die besten Jahre habe man geopfert, nichts als Lügen geerntet.

Die wievielte Szene einer unglücklichen Ehe ist es jetzt? Lena, am Schreibtisch. Dieses eine Passwort für den Provider benutzte ihr Mann von Anfang an. Sie tippt es ein und liest: Von Treffpunkten, von Verabredungen, den Namen einer luststeigernden Droge. Der Liebhaber ihres Mannes hat ein Foto mitgeschickt, und Lena überkommt das Gefühl, sich selbst oder diesem Mann auf dem Foto ein Messer in den Bauch rammen zu müssen. Sie ruft ihren Mann an: "Wenn Du nicht sofort nach Hause kommst, bringe ich mich um."

Was folgt ist wieder ein Schwur. Noch nie vorher habe er "es" getan. Nein, "es" sei ein Ausrutscher, ein Einzelfall. Wieder und wieder beteuert er seine Liebe. "Nur mit dir, meiner Frau, will ich leben." Das Drama will nichts einbüßen an Kraft, auf der persönlichen Ebene. "Wir sind viel weniger aufgeklärt, als wir es offiziell glauben machen möchten", formuliert es Dirk Sander, Referent für schwule und bisexuelle Männer bei der Deutschen Aidshilfe. "Es fehlt das Gespräch über die eigenen sexuellen Wünsche", nennt er einen Grund für die Misere. Aller vermeintlicher Toleranz und Freizügigkeit zum Trotz.

Diese Männer versinken in Selbsthass, bestrafen sich dafür, den eigenen sexuellen Anspruch nicht leben zu können. Und die Frauen? Warum bleiben sie? Warum muten sie sich das zu? Beziehungen, in denen sie niemals das bekommen können, wonach sie sich sehnen?

Die Frage bleibt: Warum bleibt sie? Lena schaut erstaunt. "Na ich liebe ihn doch", erwidert sie beim letzten Gespräch und klingt bestürzt über die Frage, so als hätte ihr Gegenüber etwas Wesentliches nicht verstanden. Dann lächelt sie, übergeht die kurze Stille. Erzählt weiter von versteckten Mails und Fotos. Erst kürzlich fand sie nach einem Kurzurlaub wieder "Beweise". Und die Kinder? "Die wissen von nichts", sagt Lena schnell, während das Lächeln in ihrem Gesicht gefriert.

Sie trifft jetzt eine Therapeutin. Ohne ihren Mann, der für Paartherapie keinen Anlass sah. "Ich brauche das nicht", entschied er. "Ich schon", entschied Lena. Da ist das Asthma, das sie während der ersten Schwangerschaft befallen hat, da sind die 22 Kilo, die sie auf zarten Knochen mit sich herumschleppt und zu denen ih- re Therapeutin den Vorschlag gemacht habe, sie als "kleine Strafe" für ihren Mann zu verstehen. Sie halte es manchmal nicht mehr aus neben ihm. Im Auto, wenn er einen Lastwagen überholt, könne sie nicht mehr atmen. "Ich kann ihm nicht vertrauen", sagt Lena. "Aber er ist ein wunderbarer Vater."

'Ich liebe dich',

sagt er seiner Frau, wenn sie ihm wieder einmal 'Beweise' vorhält.

Dann weint er. Über seine Sehnsucht nach Männerkörpern, unmöglich sich zu bekennen.
"Ich kann ihm nicht vertrauen", sagt Lena, "aber er ist ein wunderbarer Vater." (Elisabeth Wagner, DER STANDARD Printausgabe, 29./30.11.2008)

 

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    "Ich kann ihm nicht vertrauen", sagt Lena, "aber er ist ein wunderbarer Vater."

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