Die sieben Tage des Alter Ego

28. November 2008, 19:30
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Juri Andruchowytsch hat mit "Geheimnis" einen Frage-Antwort-Bildungsroman geschrieben, der die Umbruchszeit des Sowjetsystems ausführt

Geheimnis erregte heftige Debatten in der Ukraine. Juri Andruchowytsch, einer der großen Schriftsteller Ostmitteleuropas, hatte ein Werk vorgelegt, das leicht und ironisch, beeindruckend und gewichtig auf der Kippe zwischen Fakten und Fiktion balanciert. Ein "mir bis dato unbekannter" deutscher Journalist, Egon Alt, habe gemailt, dass er "davon träume (genau dieses Wort!)", eine Serie von Gesprächen mit dem Dichter zu führen. Der wiederum, erläutert sein Vorwort des Möglichkeitssinns, "träumte noch davon, einen neuen Roman zu schreiben". Die beiden Träumer und Aktionisten haben vieles gemein, sind im selben Alter, mögen die gleichen Getränke (was beim Gewicht des Alkohols in diesen Geschichten viel bedeutet). Und doch: "Egon Alt jedenfalls war ganz anders", ein "durchaus ironisch-distanzierter Typ", "ganz schön ausgefuchst".

Material in Schriftform

So beginnt ein aufgeklärt romantisches Spiel mit Leben und Werk, ein Sechs-Tage-Gespräch auf Deutsch, und am siebten Tag soll es ruhen, geht allerdings in eine andere Bewegung über. Die beiden Protagonisten fahren durch Berlin, wechseln Richtung und Stadtteile, kommen am Ende zum Teufelssee und reden "über alles Mögliche, und obwohl wir ja eigentlich unseren verdienten Urlaub nehmen wollten, lief sein Diktiergerät immer mit". Kurz darauf kommt Egon Alt ums Leben, Juri Andruchowytsch überträgt das Material in Schriftform und ins Ukrainische.

Fein setzt er Schöpfungssignale; nach dem mit 24. Dezember datierten letzten Vorwort-Verweis auf die nicht ganz zufällige Fantasie eines viel größeren Autors war am Gesprächsanfang das wiederholte Wort vom Anfang. Der Frage-Antwort-Bildungsroman, der die Umbruchszeit des Sowjetsystems und die Staatswerdung der Ukraine ausführt, ist so ausgefuchst, dass er Diskussionen um Wahrheitsgehalt und Fiktion provozierte - was wiederum den von der Erzählung selbst geförderten Eindruck von der immensen öffentlichen Rezeption der Poesie bestätigt.

Performance-Dichter

In einem Zeitpanorama aus unsicherer, aber bestimmter persönlicher Sicht geht es um Familiengeschichte und Reisen, Bahnhöfe und Boheme, um Repression und künstlerische Revolte, um Tod - vor allem um jenen des Vaters - und um Grenzen. Der junge Juri weint, als Dynamo Kiew gegen Spartak Moskau die Meisterschaft verliert, und erklärt es als "Weinen der Ukraine"; er begeistert sich für Westmusik von Led Zeppelin und Jethro Tull, erleidet Scheußliches als Rekrut der Roten Armee; wird einer der drei Performance-Dichter der legendären Lemberger Gruppe Bu-Ba-Bu, deren Gründung an jenem Tag erfolgt, an dem Gorbatschow die Perestroika verkündet. Es besteht eine ständige Verbindung zwischen kleiner und großer Geschichte, sodass sich in einzelnen Vorfällen, Bildern eine exemplarische Bedeutung äußern kann. Es sei der Anfang vom Ende des Imperiums gewesen, dass Breschnews Sarg mit voller Wucht in die Grube polterte, erkennt der Erzähler im Dialogischen des Nachhinein weitere Zusammenhänge: Im Sterben der Generalsekretäre "steckte eine unaussprechliche Poesie".

Aus hiesiger Perspektive mag es erstaunen, welche Bedeutung und welchen Zulauf die Kunst, besonders die Dichtung in jenen Umbruchsjahren erhielt. Die Künstler, antwortet der Erzähler-Andruchowytsch auf die Frage nach seinem Roman Moscoviada, hätten ihm ihr Wissen um die unerschöpflichen inneren Reserven in einer von Äußerlichkeiten geprägten Welt übertragen: In diesem Inneren könne man sich sein Leben lang aufhalten. Dieses "geheime Wissen, dass die Wirklichkeit anderswo sei", lässt ihn ins Schreiben geraten. Im letzten Teil, am siebenten Tag, bedeutet ihm Egon Alt, sein Mitteleuropa sei seine private Utopie. Alles sei ein Trugbild, das "Schreiben an sich ist eines der utopischsten Projekte", lautet die Antwort des romantischen Aufklärers. Und auf ihrem Weg durch Berlin verweist das Erzähler-Ich darauf, dass ja die Gespräche für einen neuen Roman mit dem Titel "Geheimnis" Verwendung finden sollen ...

Sicherheiten und Verunsicherung

Juri Andruchowytsch stellt derart das Politische, das Private, das Literarische auf einen leicht schwankenden Grund von Situation, Gattung, Form. Er schafft dadurch eine subjektive Anschauung, die doch objektiviert aussieht, dann wieder nicht, mit Sicherheiten und Verunsicherung rechnet. In einer Passage über Lemberg und seinen Weg zum Dichter schreibt er: "In meinem Fall also war es die Wirklichkeit, die den Rückzug antrat, unter dem Druck der Vorstellung. Wie geht es weiter?"

Geheimnis, nun in der fein lesbaren Übersetzung von Sabine Stöhr erschienen, zeigt zahlreiche erschütternde Szenen der Entmenschlichung, wie das Sowjetreich "überall dasselbe Knast- und Lagersystem installierte" und wie dennoch das Lebendige nicht zum Verschwinden oder Verstummen gebracht wurde. Darüber hinaus vermag das Werk auch hierzulande einen originellen Beitrag in der Debatte um Autor-Ich und Erzähler-Ich zu bieten, jedenfalls bemerkenswerte und merkwürdige Geschichten aus einer Welt, die nicht weit entfernt von Wien ist und doch so weit weg scheint. (Von Klaus Zeyringer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.11.2008)

Juri Andruchowytsch, "Geheimnis. Sieben Tage mit Egon Alt". Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. € 24,80 / 389 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2008.

  • Traurig, wenn Dynamo Kiew die Meisterschaft gegen Spartak Moskau verlor: Juri Andruchowytsch.
    foto: peter peitsch
    Foto: Peter Peitsch

    Traurig, wenn Dynamo Kiew die Meisterschaft gegen Spartak Moskau verlor: Juri Andruchowytsch.

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