Hinter einer dieser Türen - David Schalko

28. November 2008, 19:26
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Als wir das Chelsea Hotel betraten, fühlten wir uns beobachtet. Das Interieur ließ mich an das Paris der 30er-Jahre denken. An der Rezeption zwei ältere Herren in schwarzen Rollkragenpullovern

Arthur C. Clarke, Thomas Wolfe, Eugene O'Neil, Bob Dylan, Jimi Hendrix, Virgil Thompson, Arthur Miller, Patti Smith, Jasper Johns, Dylan Thomas, Larry Rivers, William Borroughs und Willem de Kooning. Und natürlich der berühmteste Blowjob der Popkultur. Als wir vor dem Chelsea Hotel zu stehen kamen, wartete auch eine Limousine. Weiß. Stretch. Verdunkelte Scheiben. "Wie in dem Song." "Was?" "Egal."

Das Taxi parkte sich ein. Und während meine Reisebegleitung bezahlte, wartete ich auf Janis Joplin, die geduckt in das Innere der Limousine sprang, um dem Fahrer ein eiliges "Go!" hinzuschmettern. Nicht zu vergessen: Der junge Mann, der sich langsam aufrichtete, die faltigen Laken glättete und am Balkon stehend (selbstverständlich rauchend) der Limousine nachsah.

Die ersten Zeilen eines möglichen Liedes formten sich in seinem Kopf. "I remember you well in the Chelsea Hotel, you were talking so brave and so sweet, giving me head on the unmade bed, while the limousine wait in the street." "Sollen wir hier schlafen?" "Was?" "Aussteigen?" "Klar." Ich ging möglichst nahe an der Limousine vorbei, um einen Blick hinein zu erhaschen. Doch außer meinem eigenen Spiegelbild, das ermattet aussah, konnte ich nichts erkennen. Selbst als ich mein Gesicht sehr nahe an die Scheibe hielt, um es gleich wieder peinlich berührt zurückzuziehen.

Als wir das Chelsea Hotel betraten, fühlten wir uns beobachtet. Das Interieur ließ mich an das Paris der 30er-Jahre denken. An der Rezeption zwei ältere hagere Herren in schwarzen Rollkragenpullovern. Sie überreichten einem Dauerresidenten die Tagespost. Im Chelsea gab es eine Zweiklassengesellschaft. Die Tagespatienten. Und die Dauerinsassen. Als Dauergast dieser Anstalt genoss man selbstverständlich die sagenumwobene Diskretion der Rezeption. Meine Reisebegleitung und ich waren auf Einladung eines Dauergastes hier. Mr. Foster weilte in Europa und war so freundlich, uns sein Appartement für ein paar Tage zu überlassen.

"What are you doing?" "I'm leaving this fucking hotel!" "Where are you going?" "I'm going to fucking Florida!" Eine aufgetakelte Frau hielt einen Chihuahua auf dem Arm, der den Mann im Hawaiihemd, der ihr nachlief, bedrohlich anstarrte. Ihr Pelzmantel sah aus, als hätte sie ihn aus 20 Chihuahuas fertigen lassen. Der Portier hielt ihr die Tür auf. Und der Chihuahuamantel verschwand hinter den verdunkelten Scheiben. Der Mann im Hawaiihemd, ungefähr 15 Jahre jünger als sie, blieb mitten in der Lobby stehen, zündete sich eine Zigarette an und sah der Limousine nach. Er schüttelte den Kopf und ging zurück zum Aufzug.

"Yes, sir?" Die beiden hageren Herren hinter der Rezeption sahen sich sehr ähnlich, und ich fragte mich, ob sie wohl ein Pärchen wären. "My name is Schalko." Er nickte, als hätte ich ihm ein Geheimnis anvertraut. "There should be a key for Mr. Foster's department!" "Are you friends?"

Ich wusste nicht, ob er meinte: Freunde des Hauses oder Freunde von Mr. Foster. Empfand die Frage aber als indiskret. "Yes, friends", antwortete meine Reisebegleitung. "Excuse me, but I have to check." Er nahm das Telefon, wählte auswendig eine Nummer und drehte sich weg. "Mr. Foster? Hello. Your friends are here." Drei Sekunden Pause. "Okay, sir." Er legte auf, drehte sich um und ohne uns anzusehen: "Mr. Foster says hello."

Er nahm den Schlüssel und ging voran. Wir folgten ihm in einen sehr kleinen Aufzug. Dort hingen Artikel über berühmte Menschen, die im Chelsea Hotel gewohnt hatten. Ich fragte mich, ob das Ganze nur eine Touristenfalle sei oder ob noch irgendetwas von dem Geist der 60er- Jahre übrig geblieben war. Oder war das Hotel inzwischen eine halbschicke Absteige für Artdirektoren und Modedesigner? Andererseits - war es jemals etwas anderes?

Ihr Name war Ohio

"There!" Wir gingen einen langen Gang entlang. Das karge Stiegenhaus bot Pop-Art feil. Geschenkte Kunst von prominenten und unbekannten Dauergästen. Die schwarzen, gusseisernen Stiegen. Ich musste an Angel Heart denken. Hinter einer dieser Türen erstoch Sid Vicious seine Freundin Nancy Spungen. Im gleichen Appartement, wo ihm seine Mutter kurze Zeit später den goldenen Schuss verabreichte, um ihn vor dem Gefängnis zu bewahren.

"Here!" Der Mann stellte den Koffer ab und sperrte auf. Wir betraten einen kleinen Vorraum, an den zwei Türen anschlossen. Die rechte führte zu unserem Appartement. Der Mann knipste das Licht an. Ein Trinkgeld hätte diesen Mann tödlich beleidigt. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob den beiden Gestalten nicht das Hotel gehörte. Als er die Tür hinter sich schloss, fiel es uns gleich auf. Über den gesamten Boden verteilten sich weiße Kleckser. Es mussten hunderte gewesen sein. Und sie machten auch vor dem grünen Cordsofa, dem Perserteppich und dem Mahagonischrank nicht halt.

Auf dem Bett lagen Federn. Das Fenster stand offen. Taubenscheiße! Eingetrocknete Taubenscheiße. Wahrscheinlich schon seit Wochen. Zur Verklärung des Rock-'n'-Roll-Hotels bedingungslos bereit, ignorierten wir den Umstand, dass unser gesamtes Zimmer vollgeschissen war. Und während meine Reisebegleitung jeden Quadratmillimeter der Bettdecke überprüfte, stellte ich mich auf den Balkon, um zu rauchen.

Keine Taube weit und breit. Am Balkon über mir eine aufgeregte Stimme. "Uma no, you don't understand ... no, fuck you!" Ich rauchte und ließ mich vom Abendverkehr der Stadt berieseln.

Als ich mich daranmachte, meinen Koffer auszupacken, klopfte es plötzlich an der Tür. Ihr Name war Ohio. Sie war Mitte 40, trug einen weißen Ledermantel und erinnerte mich ein wenig an Juliette Lewis. "Ist Paul hier?" Ich verneinte und erklärte ihr, dass er in Europa weilte und so freundlich war, uns für die Zeit das Appartement zu überlassen.

"Schon gut. Ich bin die Nachbarin." Sie deutete auf die gegenüberliegende Tür. "Könntet ihr vielleicht kurz auf meinen Sohn aufpassen? Ich müsste etwas erledigen." Sie kaute nervös auf ihren Zähnen. Wir nickten. "Klar." "Er ist unkompliziert. Wenn er nach Essen verlangt, dann bedient euch einfach in meinem Kühlschrank. Eurer ist sowieso leer. Hoffentlich."

Ihr akzentfreies Deutsch erklärte sich durch die Tatsache, dass sie beinahe zehn Jahre in Wien gewohnt hatte. Ohio war ursprünglich aus Kansas. "Aber was soll ich in Kansas? Die übrig gelassenen Fliegen des Teufels fressen?" Sie lachte und hinterließ uns ihre Mobilnummer. Für den Notfall. Gleichzeitig versicherte sie uns, dass ein solcher völlig ausgeschlossen wäre. "Ach ja, sein Name ist Joey."

Joey war 15 und einen Kopf größer als ich. Er wirkte nicht sonderlich begeistert, als wir neben ihm auf dem Sofa Platz nahmen. Ich sah mich um. Keine Taubenscheiße in diesem Appartement. Als Ohio winkend die Tür hinter sich schloss, zündete sich Joey eine Zigarette an. "Smoke?" Er bot mir eine an, und seufzend nahm ich sie. Es war mir zu blöd, diesen Chelsea-Dauergast-Teenager zu fragen, ob seine Mutter wüsste, dass er ... "Pot?" Ich seufzte noch einmal, und meine Reisebegleitung antwortete für mich. "No. Thanks." Was Joey nicht weiter beeindruckte. Er begann in einem atemberaubenden Tempo einen Joint zu bauen.

"Are you sure? It will take hours she's back." "I don't think so." Er lächelte hochmütig und zündete sich den Eigenbau an. Joey war stoned, meine Reisebegleitung müde und ich hungrig. Wir saßen seit mehr als zwei Stunden auf diesem Sofa und starrten vor uns hin. Schweigend, wenn man die kurzen Smalltalk-Strecken unberücksichtigt ließ. "I'm hungry", sagte Joey. Erleichtert sprang ich auf und lief zum Kühlschrank. "Forget it." Völlige, und zwar ausnahmslose, ja sterile Leere schlug mir ins Gesicht. Im Kühlschrank war exakt: nichts. "Very hungry." "Sollen wir sie anrufen?", fragte ich meine Reisebegleitung. "Ist das ein Notfall?", entgegnete sie. Ich zuckte mit den Achseln. Es könnte einer werden. Ich meine, wir sind nicht hier, um auf einen 15-Jährigen aufzupassen." "Right", sagte Joey. Und meine Reisebegleitung runzelte die Stirn. Ohio ging natürlich nicht ran. Ich verstand jetzt, was sie damit meinte, ein Notfall wäre völlig ausgeschlossen.

Im Aufzug verstellte mir ein zierlicher Typ mit Kapuzensweater den Blick auf die Galerie. Er war die Stimme auf dem Balkon über uns. Ethan Hawke nickte mir zu, wie man einem anderen Dauergast eben zunickt. Dann verschwand sein Gesicht unter der Kapuze. Wer lebte in dem Appartement, wo Nancy Spungen starb?

Zwanzig Minuten später hielt ich eine mit asiatischem Wok-Zeug angefüllte Tüte in der Hand. Die beiden Herren an der Rezeption nickten mir zu, und die Lobbygäste fragten sich, ob ich ein Permanent wäre. Im Stiegenhaus hing noch immer diese seltsame Stille, die sich nach dem letzten Schrei von Nancy weigerte zu gehen. Sie schien der längstgediente Permanent zu sein. Ich stand im Vorzimmer, zwischen den beiden Türen. Stille. Als ich die linke öffnete, hatte ich den Eindruck, ich wäre für Stunden weg gewesen. Das Zimmer war völlig abgedunkelt. Und in der Mitte des Raumes stand ein 50 Zentimeter hoher durchlöcherter Zylinder aus Pappe, der sich auf einem Plattenteller um eine Glühbirne drehte. Er warf psychedelische Lichtspiele auf Joey und meine Reisebegleitung, die regungslos auf dem Sofa saßen.

"This is the original." "Was?" "The original dreammachine built by Boris Gysin, you know. This is the original prototype. But it works." Boris Gysin hatte sie 1961 mit dem Mathematiker Sommerville erfunden, um damit den drogenfreien Trip zu verwirklichen. Mein Blick fiel auf meine Reisebegleitung. Joey stupste sie an. 

"Sid's here."

Sie drehte sich zu mir und lächelte mit leeren Augen.

(Von David Schalko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.11.2008)

Mein Amerika

Auf dem Bett Federn. Das Fenster stand offen. Taubenscheiße! Zur Verklärung des Rock-'n'-Roll-Hotels bereit, ignorierten wir den Umstand, dass unser gesamtes Zimmer vollgeschissen war.


"Ich fragte mich, ob im Chelsea Hotel noch irgendetwas von dem Geist der 60er-Jahre übrig geblieben war. Oder war das Hotel inzwischen eine halbschicke Absteige für Artdirektoren und Modedesigner? Andererseits - war es jemals etwas anderes?
Foto: Corbis

 

 

  • David Schalko, geb. 1973, ist Regisseur und Autor. Er lebte u. a. in
London und San Francisco. 2001 schrieb er seinen ersten Roman Frühstück
in Helsinki, der 2006 erschien. Er entwickelte viele ausgezeichnete
TV-Sendungen und -Formate, wie z. B. Sendung ohne Namen, Dorfers
Donnerstalk oder Willkommen Österreich. Zuletzt erschien sein Buch Wir
lassen uns gehen (Czernin Verlag).
    foto: superfilm

    David Schalko, geb. 1973, ist Regisseur und Autor. Er lebte u. a. in London und San Francisco. 2001 schrieb er seinen ersten Roman Frühstück in Helsinki, der 2006 erschien. Er entwickelte viele ausgezeichnete TV-Sendungen und -Formate, wie z. B. Sendung ohne Namen, Dorfers Donnerstalk oder Willkommen Österreich. Zuletzt erschien sein Buch Wir lassen uns gehen (Czernin Verlag).

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