Beim alten Friseur

28. November 2008, 18:59
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In Würde altern beim Vorstadtfriseur anstatt einer "coolen Frisur" aus dem Haarstudio

Gehen Sie ins "Haarstudio" oder zum Friseur? - Fürs Studio spricht der Finanzkrisenbewältigungsgedanke, wonach wir möglichst viel Geld bitte rasch und gerne auch sinnlos ausgeben sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Das Personal ist aus Modejournalen ausgeschnitten und 3D-computeranimiert. Man sagt "du" zu dir und (nachher) "coole Frisur!", damit du dich ebenfalls wie 20 fühlst. Für dein Haar gilt: nur nicht kürzen, aber vorher dreimal waschen. Warum du wiederkommen wirst? Wegen zwei Minuten Kopfmassage - und weil die Haare noch immer so lang sind.

Jüngst riskierte ich einen Besuch beim Vorstadtfriseur. Der trockenhaubenbehangene Raum erinnerte an den Film "Brazil" (1985). "Hinten stufig rauf schneiden?", fragte die nette Friseuse mit slawischem Akzent. Dann arbeitete sie eine gute halbe Stunde hochkonzentriert, bis kein Haar mehr über dem anderen lag. Einmal fragte sie: "Hat der Herr schon alle Weihnachtsgeschenke beisammen?" (Hilfe, noch keines.) Ich bedankte mich für Frisur und Denkanstoß, bezahlte zwei Drittel weniger als sonst - und komme wieder. Man darf doch auch einmal in Würde altern, oder?
 (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe, 29./30.11.2008)

 

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