Ein Quantum Utopie schadet nicht

29. November 2008, 10:06
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Nicht jeder umfassende Blick in die Zukunft ist auch schon totalitär: Zum Abschluss der Werkausgabe der Essays von Joachim Fest

Das Finanzsystem leckgeschlagen, die Weltwirtschaft in gefährlichen Untiefen, vom Staatsschiff aus nur düsterer Rundblick: So wenig Zuversicht war nie. In dieser Lage ist die Vorstellung, lauter Realisten am Ruder zu wissen, nicht nur beruhigend. Gewiss, Navigation braucht Weitblick und Augenmaß. Aber die christliche Seefahrt hat auch ein gutes Quantum Abenteurertum und Entdeckerfreude nötig. Schon in der Ökonomie gilt: Wachstum beruht auf Innovation, nicht auf Sparsamkeit. Im Geistigen indes heißt Innovation: Mut zum Gedankensprung, visionäres Denken, Aufbruch nach Utopia.

Nach Utopia? Ist das nicht endgültig von der Seekarte gestrichen? Nach dem Scheitern der Utopien hieß einst, vor zehn Jahren, Joachim Fests Abgesang, der sich nun, inmitten des vorherrschenden Depressionsblues, beim Wiederauflegen besonders schal anhört. Denn statt mit beflügelnden Utopien, deren Luftschlösser man bis vor kurzem vor Publikum wie Spielzeug genüsslich in ihre Teile zerlegen konnte, leben wir nun mit den knochenharten Fakten eines verjuxten Kasinotraums auch nicht besser weiter. Und was da auseinanderbrach, war nicht einmal Utopia, sondern nur ein Wahngebilde aus dem Triebreich Pecunia.

Erneute Beunruhigung

In weitausholenden historischen und politischen Essaybögen hat der 2006 verstorbene Publizist, Hitler-Biograf und langjährige FAZ-Herausgeber Joachim Fest das Versagen jener Gesellschaftsentwürfe beschrieben, die totalitär angelegt waren. Für die Erfahrung, dass solch hypostasierte Ganzheitsvorstellungen, gemäß dem Gesetz der Schwerkraft absoluter Macht, unweigerlich in Willkür und Despotie kippen, wurde der Menschheit im vergangenen Jahrhundert so viel Lehrgeld und Blutzoll abverlangt, dass es hoffentlich für Generationen vorhalten sollte.

In seiner Polemik gegen die Utopisten berief sich Fest denn auch auf Václav Havel, der 1985 in einem Essay, auf seine bitteren Erfahrungen mit den politischen Heilsentwürfen des Kommunismus zurückblickend, angstvoll gefragt hatte: "Wer schlägt uns wieder irgendwelche 'strahlenden Morgen' vor? Wer beunruhigt uns erneut mit einer Utopie? Welche nächsten Katastrophen werden - in bester Absicht - wieder vorbereitet?" Dennoch irrte der liberale Konservative Fest, als er apodiktisch feststellte, dass "das unendliche, die Jahrhunderte begleitende Nachdenken über die ideale Gesellschaft nie ein wirklich offenes Gemeinwesen als System entworfen" habe, und daraus den Schluss zog, dass "ein Leben ohne Utopie zum Preis der Modernität gehört".

Solche Feststellung ignoriert, dass das utopische Denken nicht mit zwangsbeglückenden Allmachtsentwürfen oder staatspolitischen Kerkersystemen gleichzusetzen ist. Vielmehr stellt es seit dem Ende des Mittelalters, als sich der moderne Mensch nicht mehr mit dem begnügen wollte, was ist, sondern dem zugewandt hat, was sein sollte, eine zivilisationsgeschichtliche Konstante der westlichen Ideenwelt dar. Und auch da hat es nur jene Denklinie fortgesetzt, welche die staatstheoretisch bestimmende Kultur des Altertums, die griechische, einst begonnen und transformiert hat. Das utopische Denken gehört somit, wo es den Fortschritt der Menschheit und nicht den Rückfall in die Despotie erwirkt hat, zum Besten von Europas Errungenschaften.

Gerade in ernüchterten und von Zukunftsängsten bedrängten Zeiten nahmen die Denkanstrengungen für ein besseres gesellschaftliches Zusammenleben stets zu. So wurde etwa auch Karl Poppers liberaler Modellfall Die offene Gesellschaft und ihre Feinde erst unter deren Drangsal entwickelt. Und Roosevelts "New Deal", für amerikanische Verhältnisse durchaus ein Produkt utopischen Denkens, war, wie wir spätestens jetzt alle wissen, der Not der damaligen Weltwirtschaftskrise geschuldet.

Fests Urteil zum "Scheitern der Utopien" hat in seiner allzu entschiedenen Absage und Endgültigkeit etwas von Francis Fukuyamas von der Realität fortwährend widerlegten These vom "Ende der Geschichte" unter einem alles überstrahlenden liberalen Leitstern. Fest steht: Wer die bestehenden Verhältnisse verteidigt, muss das utopische Denken fürchten. Außerdem eiferte Fest damals heftig gegen seinen Widersacher Jürgen Habermas, dem er "die Verteidigung der Idee gegen die Realität" vorwarf und damit "die nicht zuletzt von der alten, spezifisch deutschen Schule herkommende Neigung, sich gegen das Leben ins Unrecht zu setzen, solange nur der Gedanke Recht behält." Der von Fest als ein Sakrilegium gegen die historische Vernunft zitierte Satz von Habermas lautete: "Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus." Wer könnte leugnen, dass wir uns heute in ebendieser Wüste wiederfinden?

Doch wie kam Fest, der wirkungsmächtige Durchleuchter von Hitlers destruktiver Natur und erprobte Chronist des Dritten Reichs, zu seinem rigorosen Antiutopismus? Zum einen hatte er als streitbarer Publizist zeitlebens von der Warte des bürgerlichen Liberalen aus die apolitischen, auch antidemokratischen Tendenzen des überlieferten deutschen Konservativismus ebenso bekämpft wie die ihm fernstehenden sozialistischen Gesellschaftsentwürfe.

Zum andern war er durch seine Beschäftigung mit den Abgründen von Hitlers Gesellschaftsmodell von dessen totalitärer Grundstruktur so perhorresziert, dass er besonders den real existierenden Utopismus des 20. Jahrhunderts, in seiner nationalsozialistischen wie kommunistischen Ausprägung, zum alleinigen Maß seines Urteils machte. Mehr noch: Das Unheil, das er an allen utopi- schen Gedankengebäuden wie ein Menetekel an die Wand geschrieben fand, glaubte er auch an früheren historischen Utopiekonstruktionen ablesen zu können, insbesondere an der Wiedertäufer-Kommune von Münster im Spätmittelalter.

Meridian der Angst

Im jüngst erschienenen Abschlussband seines essayistischen Werks, Flüchtige Größe, lässt sich nachlesen, wie fixiert Fest auch hier gleichsam auf den real existierenden Totentanz eines utopischen Experiments der Geschichte starrte. So glaubte er auch in dieser "Geschichte eines Massenwahns" in der Gestalt des zwielichtigen Aufrührers Jan Bockelsohn vorwiegend "das Urprofil totalitärer Führerfiguren" auszumachen.

In seiner Beschreibung des einstigen Schneidergesellen, Schauspielers, selbsternannten "Königs von Münster" und sich messianisch gebärdenden Verkünders eines "Neuen Jerusalems" als eine jener "prophetischen Führerfiguren, die neben einer dunklen metaphysischen Legitimation vor allem über die des demagogisch gehandhabten Wortes verfügten", werden Erfahrung und Erkenntnisinteresse des Hitler-Biografen erkennbar: "Die wirkungssicher zum Einsatz gebrachte Überzeugung, im Endzeitdrama von einem auserwählten Führer in eine auserwählte Gemeinschaft berufen zu sein, verlieh dem daniederliegenden Selbstwertgefühl der Massen emphatische Impulse. Der beschwörend geltend gemachte Unfehlbarkeitsanspruch, die dämonische Übersteigerung stereotypischer Gegenbilder, das heisere 'Rott aus, rott!' gegenüber allen Andersdenkenden, die Propagierung der totalen Gemeinschaft, die Armbinden, Abzeichen, Straßensammlungen, Slogans bis hin zur kenntnisreich eingesetzten Wirkung von Terror und Volksbelustigung: Das alles mutet an wie die Elemente eines modernen Stückes im mittelalterlichen Kostüm."

Die Bedeutung der Utopie als imaginierter Vorgriff auf eine besser gestaltete Gesellschaft, als Freisetzung kollektiver Energien für eine sozial verträglichere Zukunft sah Fest ausschließlich unter apokalyptischem Vorzeichen, gleichsam unter dem Meridian der Angst: "Wenn der Himmel einstürzt, das ist richtig, werden wir alle Lerchen fangen. Aber fehlendes Augenmaß, Selbstergriffenheit und ein Hang zum Unmöglichen gehören zum Wesen utopischen Denkens, wie viel davon auch immer in Münster und anderswo zum Vorschein gekommen sein mag."

Goldene Brücken

Indes, das kreative Potenzial des utopischen Denkens lässt sich nicht mit dem Verweis auf wirkungslüsterne Massenverführer und Usurpatoren totalitärer Macht für alle Zeit auf der Müllhalde der Geschichte entsorgen. Es geht um die Stärkung eines experimentellen, spielerischen Verhältnisses zur Welt - dem die demokratisch legitimierte Macht das Feld eröffnen, aber auch die Regeln und Grenzen innerhalb des Spielfelds vorschreiben muss.

Es geht darum, den "Möglichkeitssinn" (Musil) gegenüber einem festgefrorenen Wirklichkeitsbild und der alles dominierenden Erfahrungswelt in seine Rechte einzusetzen. Und es geht darum, auch im politischen und sozioökonomischen Denken, wie im technischen, mechanischen, digitalen, dem Erfindungsreichtum der Menschen goldene Brücken zu bauen. "Der Mensch ist nirgends so sehr Mensch, als wo er spielt", wusste Schiller, dessen hochgradig politisches Denken sich stets am utopischen Feuer entzündet hat. Ein Salut an die Zukunft täte uns not, und dazu müssen alle Geschütze, auch die nach Utopia gerichteten, aus dem Zeughaus der Ideenwelt ausgefahren werden. Denn: "Es sind schlechte Entdecker, die denken, da ist kein Land, wenn sie nur das Meer sehen".

Das meinte einst Francis Bacon, und der wusste nur zu genau, wovon er schrieb: Schließlich hatte er selbst eine bedeutende Utopie, "Neu-Atlantis", verfasst. (Oliver vom Hove/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.11.2008)

Joachim Fest: "Nach dem Scheitern der Utopien. Gesammelte Essays zu Politik und Geschichte", € 19,90 / 450 Seiten. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007


"Flüchtige Größe. Gesammelte Essays über Literatur und Kunst ", € 19,90 / 490 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008

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    "Den imaginären Vorgriff auf eine besser gestaltete Gesellschaft sah er ausschließlich unter apokalyptischem Vorzeichen": Joachim Fest.

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