Schneller kombiniert ist besser kombiniert

28. November 2008, 19:02
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Neben jener der Skispringer hebt auch die Saison der Kombinierer an diesem Wochenende in Kuusamo an. In Finnland tritt ein neues Reglement in Kraft, das die Disziplin der Allrounder wieder interessant machen soll

"Keep it short and simple", sagte Walter Hofer in akzentfreiem Englisch, obwohl der Mann, der dem internationalen Skiverband (FIS) seit 16 Jahren den nordischen Renndirektor gibt, eigentlich Österreicher ist. Und obwohl sich das sogenannte Nordic Open in Lappland wegen echten Winters zunächst nicht gut angelassen hat. Also hatte Hofer Zeit zu erklären, warum in der Nordischen Kombination mit der neuen Saison, die am Samstag und Sonntag mit je einem Bewerb beginnen soll, quasi kein Stein auf dem anderen bleibt. Hofer hat, beauftragt durch FIS-Präsident Gianfranco Kasper, ein neues Format ersonnen für die einstige Königsdisziplin der Nordischen. Ab sofort wird nach nur einem Wertungssprung von der Schanze zehn Kilometer langgelaufen - ausnahmslos. Normalbewerb (zwei Sprünge, 15 km), Sprint (ein Sprung, 7,5 km) und Massenstart (Laufen im Rudel, danach Springen) sind Geschichte.

Die Gundersen-Methode

Das ist eine Revolution, wie sie die Kombination seit der zündenden Idee von Gunder Gundersen nicht mehr gesehen hat. Der Norweger, in den Disziplinen Skispringen und Langlauf äußerst firm und deshalb auch eine der herausragenden Figuren in der langen Geschichte dieses Sports, erfand in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Reglement, das die Kombi auch Nichteingeweihten zugänglich machen sollte.

Schließlich war es noch in Gundersens Blütezeit - zwischen 1954 und 1960 gewann er zwei WM-Medaillen und dreimal beim Holmenkollen Skifestival - so, dass der Sieger eines Bewerbes nur nach komplizierten Rechenoperationen zu ermitteln war. Erst wurde langgelaufen, dann wurde skigesprungen, dann wurde nach einem Punkteschlüssel, der sich im Laufe der Zeit mehrmals änderte, berechnet, wer in der Gesamtheit am besten abgeschnitten hatte. Das war ganz schlecht für die Zuschauer vor Ort und später noch schlechter für die TV-Übertragungen und also die Sponsoren.

Gundersen, inzwischen Funktionär der FIS, ließ erst springen und dann, nach Umrechnung der Punkte aus dem Springen in Sekunden, nach der Reihenfolge des Sprungergebnisses laufen. Was den unbestreitbaren Vorteil hat, dass jener Athlet, der die Ziellinie als Erster überquert, gewonnen hat.

Weil aber die Kombinierer offensichtlich einen Hang zur Komplexität haben, wurden nach der löblichen Einführung der Gundersen-Methode viele verschiedene Bewerbe ersonnen. Und die halbinteressierten Zuseher verloren das Interesse ganz. Die Fernsehstationen drohten abzuspringen.

"Dabei", sagt Hofer, "hat die Kombination eigentlich mehr Potenzial, als es das Skispringen allein hat. Es ist von der Langlaufseite her ein Massensport, es gibt eine Industrie, es gibt Tourismus-Chancen." Die Skispringer hätten ihre Evolution schon durchlebt, aus vielen Formaten wurden wenige, "grundsätzlich genügen zwei Sprünge, um den Sieger zu kennen". Das sei vor allem TV-freundlich, während sich etwa die Normalbewerbe der Kombinierer immer derart gezogen hätten, dass sie schlussendlich auf die quotenschwachen Freitage abgeschoben wurden.

Natürlich hat Hofers Einheitsformat nicht nur Freunde. Vor allem dem Normalbewerb wird von Traditionalisten nachgeweint. Quasi ein Verrat an Gundersen (der 2005 im Alter von 74 Jahren verstorben ist) sei das neue Mittelding. Felix Gottwald, 2007 zurückgetretener Doppelolympiasieger, kann dieses Argument nicht nachvollziehen. "Gundersen heißt doch prinzipiell verfolgen. Und das bleibt gleich. Wir Athleten wollten immer eine Reform haben. Die gibt es jetzt. Es wird spannend." Vor allem weil im Springen kein Verlass mehr ist auf eine Verbesserungschance via zweiten Versuch. "Jede Einzelleistung zählt", sagt Hofer. Auch im Langlauf, der nun ein Mittelding zwischen Sprint- und Ausdauerleistung ist. Die Aktiven sind noch nicht schlüssig, was ihnen die Veränderung bringen wird. Lauflastiger sei die Angelegenheit nun, wird behauptet. Die Österreicher wollen sich überraschen lassen. Cheftrainer Alexander Diess sprach von einem "nötigen Kahlschlag".

Dem Sieger passt alles

Gemault wird vor allem bei den Deutschen. "Das Einzige, das bei uns Tradition war, hat man abgeschafft, weil's zu lange gedauert hat", jammerte Weltcup-Titelverteidiger Ronny Ackermann. "Aktuell Siegende werden den Teufel tun, den Status quo zu ändern", antwortete ihm Hofer - so "short and simple" ist das. (Sigi Lützow aus Kuusamo, DER STANDARD Printausgabe 29.11.2009)

  • Schneller von der Schanze auf 
die Loipe wird sich künftig auch der Österreicher Bernhard Gruber 
verfügen müssen. Die Regel- änderung bei den Kombinieren  
erfreut 
nicht alle Athleten gleichermaßen.
    epa/bjoern sigurdsoen

    Schneller von der Schanze auf die Loipe wird sich künftig auch der Österreicher Bernhard Gruber verfügen müssen. Die Regel- änderung bei den Kombinieren  erfreut nicht alle Athleten gleichermaßen.

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