Ein "Held ohne Pathos" in Mogadischu

28. November 2008, 18:07
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Noch ein Film über die RAF: Maurice Philip Remy, Drehbuchautor von "Mogadischu", im STANDARD-Interview über RAF und KGB

STANDARD: Noch ein Film über die RAF. Ist die Geschichte nicht auserzählt?

Remy: Man muss tatsächlich nicht ständig zeigen, was diese durchgeknallten Terroristen dachten und taten. Mir steht die Geschichte der Täter seit Jahrzehnten zu sehr im Vordergrund. Ich wollte die Sicht der Opfer zeigen und dem ermordeten Piloten Jürgen Schumann ein Denkmal setzen. Er hat sich herausragend verhalten. Ein Held ohne Pathos, einer, der am Ende aus Pflichtgefühl sein Leben für die Passagiere gibt.

STANDARD: An Bord der "Landshut" war auch eine Österreicherin.

Remy: Ja, es ist schade, dass in der Öffentlichkeit immer nur eine Stewardess wahrgenommen wird; auch die anderen zwei Frauen der Crew haben sich aufopferungsvoll um die Geiseln gekümmert. Bei meinen Recherchen habe ich eng mit der Grazerin Hannelore Brauchert, damals Piegler, zusammen gearbeitet. Sie war die Chefstewardess an Bord der "Landshut". Für mich war sie eine sehr große Hilfe.

STANDARD: Wie weit waren die Opfer bereit zu sprechen?

Remy:
Wir haben mit mehr als 40 der ehemaligen Geiseln gesprochen. Es war nicht immer leicht, sie einzubinden. Wir hatten zum Beispiel Kontakt mit der Mutter eines Polizisten, der bei der Schleyer-Entführung getötet wurde. Er war damals erst 20 Jahre alt. Als wir die Frau das erste Mal anriefen, brach sie am Telefon weinend zusammen und sagte, ihr Leben sei für immer ruiniert. Was für eine Reaktion, drei Jahrzehnte nach der Entführung! Auch Monika Schumann, die Frau des ermordeten Kapitäns, war am Anfang sehr misstrauisch. Und was glauben Sie, wie schwer das war, ihr den Film das erste Mal zu zeigen? Man muss sich das vorstellen: Sie sieht zum ersten Mal ganz realistisch inszeniert, wie ihr Mann erschossen wird. Es hat auch uns alle wahnsinnig mitgenommen.

STANDARD: Welche neuen Erkenntnisse hat die Arbeit an Mogadischu gebracht?

Remy: Es ist zum einen der ganz neue Ansatz, die Geschichte der Flugzeugentführung durchgängig als Tat der Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP), also einer palästinensischen Terrororganisation, zu erzählen. Ganz ohne die RAF. Die RAF der zweiten Generation war nämlich nach der misslungenen Geiselnahme in der Stockholmer Botschaft handlungsunfähig. Die wurden überhaupt erst wieder aufgebaut durch die PFLP. Und dann, einen Schritt weiter: Wer steht hinter der PFLP? Der Cheforganisator des Terrors bei der PFLP, Dr. Wadi Haddad, war ein Agent des KGB. Ohne den KGB hätte die PFLP Terrorgruppen in aller Welt nie so massiv unterstützen können.

STANDARD: Aber auf den Zusammenhang zum KGB wies Stefan Aust auch schon hin.

Remy:
Aber er geht nicht so weit, zu sagen, dass es ohne den KGB die PFLP in dieser Form gar nicht gegeben hätte. Wir haben eine Politbürovorlage aus 1975, in der sich Andropow an Breschnew wendet mit dem Hinweis, Haddad sei für Sonderaufträge instrumentalisierbar. Im Spielfilm ist das nur angedeutet. Wir gehen nicht so weit, zu sagen, dass die Russen nur auf den Knopf drücken mussten, und schon wird ein Flugzeug entführt. Aber dass Moskau im Bilde war, daran habe ich keinen Zweifel.

STANDARD: Wie weit sind die Dialoge dokumentiert?

Remy: Überliefert sind nur die Funksprüche; den Rest der Dialoge musste ich auf der Basis der Erinnerungen von Zeitzeugen rekonstruieren.

STANDARD:  Im ARD-Begleitbuch „Mogadischu" ist die Rede von Knochenbrüchen, ausgerissenen Haarbüscheln, schweren Misshandlungen an Passagieren. Die sind im Film weitgehend ausgeblendet.

Remy: Ich habe das Buch noch nicht gelesen, und kann mich daher dazu nicht äußern; von diesen Details habe ich allerdings noch nie was gehört.

STANDARD:
Die angedrohten Erschießungen fehlen auch.

Remy:
Im Drehbuch wird eine gezeigt; die der Geisel Birgit Röhll, die erschossen werden sollte, weil der Anführer der Terroristen sie für eine Jüdin hielt. Aber wir haben leider nur hundert Minuten, es gäbe noch so viele Details, die wir erzählen hätten können.

STANDARD: Welche Erinnerungen haben Sie an die Flugzeugentführung?.

Remy:
Erleichterung, als die Erstürmung gelungen ist. Bedrückung im Jahr davor. Ich war 15, und ich dachte, es kann dir passieren, dass dich jemand entführt. Das war vollkommener Quatsch, weil sich natürlich niemand für mich interessierte. Aber es zeigt, wie präsent das damals war. Man fühlte sich nicht mehr sicher.

STANDARD: Sympathien für die RAF hatten Sie damals nicht?

Remy: Ich war das, was man einen Popper nannte, die erste Generation, die sich deutlich von den 68ern abgrenzte. Ich habe zum Beispiel nie ein Palästinensertuch getragen, was nicht heißt, dass ich nicht große Empathie habe für das Schicksal des palästinensischen Volkes. Aber für die RAF habe ich wirklich niemals Sympathie empfunden - weder damals, noch heute! (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 29./30.11.2008)

Zur Person
Maurice Philip Remy ist einer der erfolgreichsten europäischen Dokumentarfilmer. Er drehte u. a.: "Mythos Rommel" , "Vatikan - Macht der Päpste" und, mit Guido Knopp, "Hitlers Helfer" .

  • Ein Terrorist bedroht den Kopiloten. Die Rolle des KGB bei der Flugzeugentführung der "Landshut"  wird im Spielfilm angedeutet. 
    foto: ard

    Ein Terrorist bedroht den Kopiloten. Die Rolle des KGB bei der Flugzeugentführung der "Landshut" wird im Spielfilm angedeutet. 

  • Bundeskanzler Schmidt (Christian Berkel, re.) und sein Nahost-Spezialist Wischnewski (Jürgen Tarrach). 
    foto: ard

    Bundeskanzler Schmidt (Christian Berkel, re.) und sein Nahost-Spezialist Wischnewski (Jürgen Tarrach). 

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