"Angst, Frust, Verzweiflung"

28. November 2008, 18:20
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Ohne Gegenmaßnahmen droht die Insolvenz bis 2012 - Empörung, aber auch Verständnis mischen sich in den Reaktionen auf das Sparpaket - Falls der Ausverkauf stattfindet, stehen Interessenten parat

"Die Runde der Chefredakteure" diskutiert kommenden Sonntag erstmals im ORF. Eine Programminnovation in Zeiten des Sparkurses, da die Anstalt nur noch vier Jahre vom Bankrott entfernt ist?

Informationsdirektor Elmar Oberhauser relativiert: Wie alles in der Information sei auch die neue Diskussion "eine sehr sparsame Maßnahme", zudem schon lange geplant. Man habe nur auf das richtige Thema gewartet.

Über die Regierungsbildung diskutieren Leitartikler, nicht, wie man meinen könnte, über das drastische Sparpaket, das Generaldirektor Alexander Wrabetz gestern im „Starmania"-Studio am Küniglberg präsentiert hat.

Der Tag nach dem "D-Day"

Mehr als 1000 Mitarbeiter weniger, neuer Standort, Ausgliederungen: Am Tag nach dem "D-Day" herrschen "Angst, Frust und Verzweiflung", berichtet eine Mitarbeiterin. Über die Zukunft von Sendungen wie "Wochenschau" oder "Heimat, fremde Heimat" wird in den nächsten Tagen entschieden, kündigte Oberhauser an.

Welche Chancen auf Umsetzung hat der Sparkurs? Schließlich muss ihn der Stiftungsrat am 11. Dezember absegnen. Das Gremium hätte Donnerstag 17 Uhr informiert werden sollen. Dem Vorsitzenden Klaus Pekarek brachte ein Bote um Schlag 22 Uhr die Unterlagen.

"Wenn ich als Aufsichtsrat über so einschneidende Maßnahmen zuerst aus den Medien erfahre und erst in zwei Wochen im Stiftungsrat darüber beraten werden kann, dann sagt das viel über die Unternehmenskultur aus", ärgert sich auch VP-Stiftungsrat Franz Medwenitsch. Grundsätzlich herrscht aber Verständnis für das Sparpaket: "Würde es nicht umgesetzt, gäbe es den ORF in fünf Jahren womöglich nicht mehr, sagt die grüne Stiftungsrätin Monika Langthaler.

Interessenten stehen parat

Falls der Ausverkauf stattfindet, stehen Interessenten schon parat: Raiffeisen würde laut APA die Mehrheit an der ORF-Sendetechniktochter ORS übernehmen. "Wenn der ORF die Mehrheit abgibt, ist Raiffeisen bereit, diese zu übernehmen", sagt der Generaldirektor der Raiffeisen Holding NÖ-Wien, Erwin Hameseder. Der ORF solle aber "mit an Bord bleiben" und zumindest 25 Prozent behalten, so Hameseder.

Angesprochen auf mögliches Interesse an einer Teilprivatisierung von ORF 1 oder Ö3 meinte Hameseder: "Ich schließe für die Zukunft nichts aus." Die ORS erreiche ihre Mittelfristplanung und liefere ordentliche Zahlen, stellte er zufrieden fest.

"ORF 1 ist kein öffentlich rechtlicher Sender, der hat da gar nichts mehr verloren", sagt die liberale EU-Abgeordnete Karin Resetarits: "Wegen ein paar Minuten 'News-Flash‘ kann man nicht mehr von einem öffentlich-rechtlichen Auftrag sprechen". Nicht nur, aber auch deshalb schätzt Redakteurssprecher Fritz Wendl die Lage als "sehr, sehr ernst" ein. Das Sparpaket enthalte keine Programmstruktur. Er kündigt Rechtswege an: "Wir werden bei jeder Änderung die uns zustehenden Mitwirkungsrechte wahrnehmen. Die werden sich jetzt wundern." Wendl außer sich: "Das ist kein Sanierungsprogramm, das ist ein Zerstörungsprogramm wenn man das so macht."

Sparsamst unterwegs

Wie drastisch der Kahlschlag jeweils ausfällt, hängt von der Abteilung ab. Gabriele Flossmann, Sendungsverantwortliche der Kultur, hofft, "mit angelegten Ohren gut durch den Wind" zu kommen: "Die Kulturberichterstattung gehört ja doch zu den öffentlich-rechtlichen Kernaufgaben. Wir sind jetzt schon sparsamst unterwegs."Unmittelbar betroffen sind die Filmschaffenden. David Schalko ("Willkommen Österreich") hat Verständnis: "Klar ist das ein überfälliger Schritt, weil da zu viele Menschen arbeiten." Er geht noch weiter: "Eigentlich müsste man den ORF komplett neu gründen." (Doris Priesching, Georg Horvath, DER STANDARD; Printausgabe, 29./30.11.2008)

  • Des Generaldirektors neue Kleider: Nicht "Wir sind Kaiser", sondern "Wir sind bald pleite", muss ORF-Generaldirektor Wrabetz vielleicht  sagen.
    montage: lukas friesenbichler

    Des Generaldirektors neue Kleider: Nicht "Wir sind Kaiser", sondern "Wir sind bald pleite", muss ORF-Generaldirektor Wrabetz vielleicht  sagen.

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