Europa: Starke Nachfrage nach Rohstoffproduzenten

28. November 2008, 16:08
posten

Ein Kommentar von Stephan Lingnau aus dem Equity Weekly der Erste Bank

Der DJ Stoxx 600 hat sich diese Woche wieder erholt. Nach einem Minus von 6,9% in der vergangenen Woche kletterte der Leitindex diese Woche um 7,3% auf
203,6 Punkte. Damit liegt er noch 13% unter seinem Zwischenhoch von 233 Punkten vom 4. November. Insgesamt waren alle Sektoren im Plus. Rohstofftitel (+27%) und Banken (+17%) konnten am meisten von der Rally profitieren. Das Barrel Brent verteuerte sich von seinem 2-Jahrestief auf USD 53,0 (+10%). Der Baltic Dry Index sank nach seiner konstanten Entwicklung seit Anfang November um 13,4% auf 733 Punkte.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im November wegen der Finanzkrise den sechsten Monat in Folge eingetrübt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex
sank von 90,2 auf 85,8 Punkte auf den tiefsten Stand seit Februar 1993. Die Aussichten für die kommenden sechs Monate sind ebenfalls pessimistisch. Der Erwartungsindex fiel auf 77,6 von 81,4 Punkten. Auch der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe des Euroraums ist im September mit einem Minus von 3,9% stärker gesunken als erwartet. Die Deutsche Bahn erwartet einen Einbruch im Schienengüterverkehr um 40% im Dezember im Vergleich zum Vorjahr.

Während die EU Kommission das Konjunkturpaket von EUR 130 Mrd. auf EUR 200 Mrd. aufstockte, hat Spanien im Kampf gegen die Wirtschaftskrise ein
EUR 11 Mrd. schweres Konjunkturprogramm vorgestellt. Mit einer besonderen Förderung von Infrastrukturprojekten sollen im kommenden Jahr 300 000 neue
Stellen geschaffen werden. Mit EUR 800 Mio. will das Land der Autoindustrie unter die Arme greifen. Nach Schätzungen von Experten reicht der Schritt jedoch nicht aus, um ein Schrumpfen des spanischen BIP um 1,8% im Jahr 2009 beziehungsweise um weitere 0,1% 2010 abzuwenden. Die Arbeitslosenquote (11,3%) stieg in Spanien zuletzt so stark wie in keinem anderen Land in Europa.

Das vergangene Geschäftjahr lief für Thyssen Krupp etwas besser als erwartet. Der Gewinn wuchs auf EUR 2,28 Mrd. (+4,1%) und der Umsatz stieg auf
EUR 53,4 Mrd. (+3,3%). Die Dividende bleibt mit EUR 1,30 je Aktie unverändert. Für 2008/09 rechnet Thyssen Krupp mit einem deutlichen, konjunkturbedingten
Umsatzrückgang, wobei das Ausmaß des Rückgangs zurzeit noch nicht verlässlich eingeschätzt werden kann. Das Unternehmen hat sich bereits auf den
Abschwung eingestellt und plant die Kosten um bis zu EUR 1 Mrd. zu senken. Die Nachfrage nach Stahl ist in der gesamten Branche seit Mitte Oktober abrupt
eingebrochen. Zum Teil ist in der Stahlindustrie sogar von sogenannten negativen Auftragseingängen die Rede: Es gibt keine Bestellungen, aber zusätzliche Stornierungen.

Der Rückgang der Rohstoffpreise um 50% in den letzten 6 Wochen und die hohe Verschuldung von Rio Tinto haben dazu geführt dass BHP Billiton sein Übernahmeangebot zurückgezogen hat. Bei Salzgitter und SGL Carbon herrschte Erleichterung über die gescheiterte Übernahme. Die beiden Unternehmen hatten im Falle eines Zusammenschlusses der beiden Bergbaukonzerne steigende Preise für Kohle und Stahl befürchtet. Rio Tinto und BHP beherrschen zusammen rund zwei Drittel des Marktes für Eisenerz und sind hinter dem brasilianischen Cia Vale-Konzern die zweit- und drittgrößten Eisenerzproduzenten der Welt. Sollte das Konjunkturpaket in China und die dortige Leitzinssenkung Wirkung auf die Nachfrage nach Minenprodukte zeigen, ist mit einer Erholung der stark unter Druck geratenen Rohstofftitel zu rechnen. Die Aktie der BHP Billiton stieg diese Woche um beeindruckende 53,5% während die Papiere von Rio Tinto um 18,4% einbrachen.

Air Berlin konnte mit ihren Quartalszahlen positiv überraschen. Der Gewinn lag im dritten Quartal über den Erwartungen und auch den Ausblick auf das laufende Jahr hat die Fluglinie bekräftigt. Im dritten Quartal des Jahres 2008 konnte Air Berlin ihr operatives Ergebnis gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 57% steigern. Der Nettogewinn erhöhte sich um 43,2%. An der Börse steigt die Aktie rasant an. Auch TUI hat seinen Gewinn im Reisegeschäft deutlich gesteigert. Im Geschäftsjahr per Ende September legte der Vorsteuergewinn bereinigt auf GBP 319,7 Mio. zu (+43%) und der Umsatz stieg auf GBP 13,9 Mrd. (+9%). Die Buchungen für die Wintersaison seien gut angelaufen, auch der frühe Buchungsverlauf für das Sommergeschäft ist ermutigend.

Nächste Woche stehen die Sitzungen der EZB und der BoE an, bei denen weitere Zinsschritte erwartet werden. Dabei könnte es zum ersten Mal in der kurzen Geschichte der EZB zu einem Zinsschritt von über 50 Basispunkten kommen. Weiters werden die Einzelhandelsumsätze in der EU erwartet. Infineon, Sage Group, Elekta AB und Bouygues werden Zahlen vorlegen.

Share if you care.