Reisen und die Wirklichkeit

28. November 2008, 17:00
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Katja macht sich Gedanken über das Reisen an und für sich und kommt zu dem Schluss, dass das Reisen vor allem einen egoistischen Grund hat

Als Reisende habe ich manchmal das Gefühl des "Dazwischenseins" - mit seinen Vor- und Nachteilen. Mein Wunsch ist es, mich in das Land in dem ich mich gerade befinde, einzuleben, um ein Stück weit mit zuleben. Mehr als nur drei Wochen Zeit dafür zu haben, ist eine gute Voraussetzung um tiefer einzutauchen in Land und eine Kultur, doch der Erfahrungshorizont hat seine Grenzen.

Denn Reisen bedeutet Bewegung, bedeutet Ankommen, Kennen lernen und Verabschieden. Und Reisen bedeutet vor Allem eines nicht: Leben im Alltag. Reisen ist Abwechslung und ein kontinuierliches Aufnehmen neuer Impressionen. Und diese Impressionen sind Momentaufnahmen. Eines Ortes, einer Person, einer Information. Und manchmal deckt sich die Impression mit der Wirklichkeit und dann ist sie wieder meilenweit von ihr entfernt. Die Daheimgebliebenen bewundern deine Abenteuerlust und folgen interessiert deinen Spuren und jene, die den Alltag hier besser kennen als du, werden manchmal den Kopf schütteln über dein Unvermögen die Dinge richtig zu interpretieren oder die Wirklichkeit so zu sehen wie sie ist. Und gerade Mexiko ist ein Land mit vielen Wirklichkeiten.

Meine Einschätzungen sind geprägt von dem was ich sehe und von dem was mir meine Freunde und neuen Bekannten erzählen. Und ich sehe bei Weitem nicht alles und ich höre nur einen verschwindend kleinen Teil der Stimmen. Mein Bild von Mexiko wird also ein Puzzle mit vielen fehlenden Teilen bleiben. Ich sehe Armut, aber ich weiß nicht wie sie sich anfühlt. Ich lese in der Zeitung vom Krieg der Drogenkartelle und bemerke davon nichts im Alltag. Ich verbringe Zeit in einer der angeblich gefährlichsten Städte der Welt und fühle mich in "meinem" Viertel unbeschwert und sicher.

Ich reise an verschieden Orte und unterhalte mich mit verschiedenen Menschen, egal ob jung, alt, reich oder arm - doch ich lebe ihren Alltag nicht. Ich weiß nicht wie es ist, wenn man, anstatt zur Schule zu gehen, auf der Straße Kaugummis verkauft. Ich weiß auch nicht, wie es ist, wenn man tagtäglich mit dem Auto zur Schule gebracht und wird und mit dreizehn Jahren noch nie alleine außer Hause unterwegs war.Was ich sehe sind verschiedene Realitäten, Wirklichkeiten, die nichts miteinander zu tun haben. Verschiedene Welten, die nicht der meinen entsprechen.

Auf Reisen lernt man also nicht nur über das Land, das man besucht, sondern auch viel über sich selbst und seine eigene Position. Wer bin ich, woher komme ich und was mache ich hier. Vor allem letztere Frage kann mit der Zeit einen höheren Stellenwert bekommen und manchmal auch hinterfragt werden. Für jemanden mit genügend Ressourcen, ist es einfach den Rucksack zu packen und die große, weite Welt zu bereisen. Hier habe ich Menschen getroffen, die davon träumen ihr Land zu verlassen, weil sie denken, anderswo lässt es sich besser leben und ich kenne Menschen, die nach Mexiko zurückkehren, weil sie hier etwas verändern wollen, weil sie hier ihre Aufgabe sehen.


Protest: Der mexikanische Alltag ist vom Widerstand geprägt, seien es Kundgebungen und Demonstrationen vor offiziellen Gebäuden, Graffitis an den Mauern oder, wie hier, ein Plakat, aufgenommen in Morelia, wo die Bewohner umliegender Dörfer "illegal" ihre Verkaufsstände auf dem Hauptplatz aufgestellt haben. Foto: Katja Fleischmann

Natürlich frage ich mich auch nach meiner Rolle als Reisende und komme zu dem Schluss, dass das Reisen zunächst vor allem einen egoistischen Grund hat. Die eigene Neugierde und Abenteuerlust ausleben, den Wissensdrang stillen, den eigenen Horizont erweitern, aus dem Alltag ausbrechen und nicht zuletzt, einfach eine gute Zeit zu haben. Und wie ich finde ist das etwas Wunderbares. Und doch kommen mir manchmal Zweifel, weil mir hier natürlich doppelt bewusst wird, dass ich - weltweit gesehen - zu einer kleinen Gruppe von Menschen gehöre, die solch eine Reise unternehmen können. Über meine Reise zu schreiben, ist meine Art, meine persönlichen Eindrücke, Erfahrungen und Einschätzungen mitzuteilen. Meine Erlebnisse und Berichte sind kleine Episoden aus dem mexikanischen Leben. Ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber mit der Idee verschiedene Impressionen und Bilder zu sammeln und diese am Ende in Beziehung zu setzen. Mit all ihren Widersprüchen und Gegensätzen. (Katja Fleischmann)

  • Eines von wenigen Kindern mit guten Aussichten für die Zukunft: Daisy ist dreizehn, geht in eine Privatschule und lernt Chinesisch. Später will sie Chirurgin werden.
    foto: katja fleischmann

    Eines von wenigen Kindern mit guten Aussichten für die Zukunft: Daisy ist dreizehn, geht in eine Privatschule und lernt Chinesisch. Später will sie Chirurgin werden.

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