Altes TV-Format zur neuen Regierung

30. November 2008, 16:38
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"Beitrag zur Meinungsvielfalt": Der ORF lädt nach mehr als vierzig Jahren wieder zur "Runde der Chefredakteure"

Wien - Sechs statt drei Gesprächspartner und keine Politiker, die mitreden, sondern über die geredet wird - das ist das Konzept der "Runde der Chefredakteure", die Sonntagvormittag statt der "Pressestunde" auf Sendung ging. Der ORF wolle damit "einen wesentlichen Beitrag zur Meinungsvielfalt in Österreich" leisten, umschrieb Informationsdirektor Elmar Oberhauser zu Beginn die Mission des neuen alten Formats, das sechsmal jährlich geplant ist.

Alt, weil die "Runde der Chefredakteure" - damals war sie noch buchstäblich männlich - bereits in den 1960er-Jahren mit legendären Teilnehmern wie Hugo Portisch, Otto Schulmeister oder Franz Kreuzer lief. Vierzig Jahre später saß mit Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid die erste Frau in dieser Funktion in der Runde - mit Herbert Lackner (profil), Christoph Kotanko (Kurier), Georg Wailand (Krone) und Michael Fleischhacker (Die Presse) - die über „Die neue Regierung - wohin geht Österreich?" diskutierte.

"Neu sieht anders aus"

Die erste Frage war, was denn "neu" im Zusammenhang mit der kommenden Regierung überhaupt bedeutet: Nicht sehr viel, meinten Föderl-Schmid ("Neu sieht anders aus, nur der Kommunikationsstil ist offensichtlich ein anderer") und Lackner ("Ein Signal, 'Wir machen's ganz anders - offener, lebhafter, kreativer' - wäre schon wichtig gewesen).

Ganz neu war gar nicht zu erwarten, lautete die Gegenposition von Kotanko ("Realistischerweise gab es keine Alternative") und Wailand ("Faymann und Pröll sind eine Notgemeinschaft, zwei Pragmatiker der Macht, die versuchen, mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation umzugehen").
Fleischhacker wiederum hegte die vergebliche Hoffnung in einen großen Selbsterschaffungsakt in Form eines SP-VP-Programms ("die erste wirklich wichtige Tat einer Regierung", tatsächlich aber bloß ein "literarischer masochistischer Akt"), das nicht nur "Stempelmarkenprosa" beinhalte.

Warten wir doch ab, "wie sie es mit Leben füllen" (Kotanko), die Österreicher würden angesichts der "brutalen Schlechtwetterfront pragmatische, keine ideologische" Arbeit erhoffen (Wailand). Presse und Standard waren sich einig in ihrer Kritik an den einnahmenseitigen Leerstellen im Programm und dem "sehr, sehr unrealistischen Budgetpfad" (Föderl-Schmid).

Keine Blankoausrede

Und woran werde man die neue Regierung an ihrem Ende messen müssen? Vor allem an der wirtschaftlichen und der Arbeitsmarkt-Situation, meinten Fleischhacker, Wailand und Lackner. Allerdings, Blankoausrede gebe es keine, sagte Föderl-Schmid: „Mit der Finanzkrise ist jede Regierung dieser Welt konfrontiert." Österreich brauche dringend Reformen in den Bereichen Gesundheit, Föderalismus, Bildung und Migration. Eine unberechenbare Konstante muss auch die neue Regierung mitdenken: das Wahlvolk. Lackner: "Wir wissen nicht, wie die Leute auf die Krise reagieren."

Daran muss eine Regierung zwar vorab denken, in ihr Programm aber kann sie dazu nichts schreiben. (nim, DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2008)

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    Im Bild v.l.: Christoph Kotanko, Georg Wailand, Michael Fleischhacker, Elmar Oberhauser, Alexandra Föderl-Schmid und Herbert Lackner.

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