Europas geteilte Erinnerung: Wann endet(e) eigentlich die Nachkriegszeit

28. November 2008, 09:55
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Zum Politstreit um den Stellenwert des Wendejahres 1989 - Ein Kommentar der anderen von Stefan Troebst

Dass der Zweite Weltkrieg 1945 endete, ist ein weltweiter Allgemeinplatz - auch wenn die Debatten über seinen Beginn weiter anhalten. Aber wann endete die Nachkriegszeit? Und ist sie überhaupt schon zu Ende?

In seinem fulminanten Buch "Postwar" ("Nachkrieg") aus dem Jahr 2005 setzt der New Yorker Historiker Tony Judt dieses Ende für Europa auf das Wendejahr 1989 an. Mit der Beendigung des Kalten Krieges, so sein Argument, höre die Wirkung der Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs endgültig auf: "Eine Ära war vorbei und ein neues Europa wurde geboren." Der Fall der Berliner Mauer 1989 sowie die Auflösung des Warschauer Paktes und die Wiedervereinigung von Bundesrepublik und DDR 1990 führt er als Belege an.

Damit befindet sich Judt in Übereinstimmung mit der in Europa selbst vorherrschenden Sichtweise. Dem Krakauer Soziologen Piotr Sztompka etwa stellt sich das Jahr 1989 als "kultureller und zivilisatorischer Umbruch" dar und der Berliner Historiker Klaus Zernack urteilt emphatisch: "1989 - ein Jahrhundert wird auf die Füße gestellt".

Zugleich aber relativiert Judt mit dem Untertitel seines Buches - "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart" - den Einschnitt von 1989 erheblich, da auch die Nach-Wende-Jahre gleichsam gleitend in seine Darstellung einbezogen werden. Insgesamt erscheint bei ihm so die "friedliche Revolution" eher als Übergang zu einer "Nach-Nachkriegszeit" denn als ein Schlusspunkt und damit als Anfang von etwas grundlegend Neuem.

Judts Sichtweise deckt sich mit derjenigen einer Richtung der sozialwissenschaftlichen Forschung, die mit Blick auf das östliche Europa das Jahr 1989 weniger als Zäsur denn als Scharnier zwischen der Periode des Kommunismus und derjenigen eines "Post-Kommunismus" ausmacht. Vor allem Politikwissenschaftler und Ethnologen definieren dabei den Charakter der Nach-Wende-Entwicklung nicht so sehr durch das Neue in Gestalt von Marktwirtschaft, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, sondern vielmehr durch das Alte, das in dieser Sicht die Gegenwart entscheidend prägt. Und einige von ihnen sprechen mit Blick auf die EU-Osterweiterungsschübe von 2004 und 2007 mittlerweile gar von einem "Post-Post-Kommunismus".

Aber auch beim Wechsel von der Vogelperspektive zur Nahaufnahme einzelner Staaten und Gesellschaften "verrutscht" die Wendemarke 1989. In Ungarn etwa steht "1989" für einen im politischen Bereich erfolgten verspäteten Vollzug dessen, was auf gesellschaftlicher Ebene bereits seit den späten 70er- und frühen 80er-Jahren Realität war.

In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist 1991 das eigentliche Datum des Umbruchs, der mit der Perestrojka Mitte der 80er-Jahre begonnen hat. Aus russischer Sicht wird die Implosion der Sowjetunion dabei primär negativ gedeutet - als "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts", wie Wladimir Putin 2005 anlässlich des 60. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs öffentlichkeitswirksam beklagte. Und in Polen werden als eigentliche Wendedaten das Danziger Abkommen zwischen der Gewerkschaft Solidarnooeæ und der Partei- und Staatsführung vom August 1980 sowie die Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 empfunden.

Hier, in Polen, wird auch der erbittertste politische Streit über die Bedeutung von "1989" für die Geschichte der eigenen Nation und Gesellschaft ausgetragen: Während Liberale und Postkommunisten den Neuigkeitscharakter der 1989 formierten Dritten Polnischen Republik unterstreichen - nach der Ersten Republik, die 1795 in der dritten Teilung unterging, der Zweiten Republik von 1918 bis 1939 und der aus der Zählung ausdrücklich ausgeklammerten Volksrepublik der Jahre 1944 bis 1989 -, bestreiten die Nationalkonservativen um die Brüder Kaczyñski und "Radio Maryja" die Zäsur von 1989 und sehen die damals entstandene Dritte Republik in direkter Kontinuität zur kommunistischen Volksrepublik: Die im Spätkommunismus entstandenen Netzwerke und Seilschaften, so diese Ansicht, seien bis heute der eigentliche Machtfaktor in Staat und Wirtschaft. Entsprechend lautet ihre Parole "Für eine Vierte Republik!", in der dann erstmals wirklich demokratische Verhältnisse herrschen werden. Mit anderen Worten: Das eigentliche "1989" steht in dieser Sicht noch aus.

Mit deutlich größerer Berechtigung lässt sich eine solche messianische Perspektive auf Weißrussland anlegen, das zwar 1991 ebenfalls einen Demokratisierungsschub erfahren hat, der aber durch den Amtsantritt von Präsident Lukaschenko 1994 gleichsam "abgewürgt" wurde. Weißrussland ähnelt daher den separatistischen De-facto-Staaten Transnistrien in Moldau sowie Abchasien und Südossetien in Georgien, die nicht ganz zu Unrecht als "Freilichtmuseen der Sowjetunion" bezeichnet werden.

Ungeachtet der gegen "1989" vorgebrachten Argumente gilt das Jahr der Wende in Zentral- und Osteuropa und damit des Endes des Ost-West-Konflikts europaweit wie global als Chiffre für das Ende der Nachkriegszeit und zugleich als zentraler metaphorischer Erinnerungsort des "kurzen" 20. Jahrhunderts. Andere Periodisierungen, wie etwa der 9. September 2001 als Beginn einer neuen Ära, oder "1968" als weltweiter "Tonartwechsel" konnten sich gegen die Konkurrenz dieses dominierenden lieu de mémoire nicht durchsetzen. Denn wenn - mit Walter Benjamin - "Geschichte schreiben heißt, Jahreszahlen ihre Physiognomie geben", dann wird das Antlitz unserer jüngsten Geschichte ganz wesentlich von "1989" geprägt. (DER STANDARD, Printausgabe, 28. November 2008)

*Stefan Troebst ist Historiker an der Universität Leipzig und heute Abend in Wien zu Gast: Im Rahmen eines internationalen Symposions zum Thema dieses Kommentars diskutiert der Autor mit Heidemarie Uhl (Akademie der Wissenschaften), Hans Rauscher ( Standard) und Timothy Snyder (Yale University); Ort: Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), 1090 Spittelauer Lände 3, Beginn: 18.00.

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