Krankenstände: Psychische Ursachen nehmen zu

28. November 2008, 08:55
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Erstmals seit den 1980er-Jahren stieg die Krankenstands-Quote im Vorjahr wieder an - "Die psychosoziale Belastung steigt", warnen Experten

Erstmals seit den 1980er Jahren ist die Krankenstandsquote (Verlust an Jahresarbeitszeit durch krankheits- und unfallbedingte Fehlzeiten) unter Österreichs unselbstständig Beschäftigten wieder gestiegen. Nach dem historischen Tiefstand von 2006 mit 3,2 Prozent gab es 2007 ein leichtes Plus auf 3,3 Prozent. In den kommenden Jahren dürften die Fehlzeiten weiter zunehmen, sagte Thomas Leoni vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) am Donnerstagabend bei der Präsentation der "Fehlzeitenstudie 2008". Als Gründe nannte er die demografische Entwicklung und den Trend, länger im Beruf zu bleiben. Durch die Schaffung "altersgerechter Beschäftigungsmöglichkeiten" könne man allerdings gegensteuern, so Leoni.

"Ein sehr großer Hebel, um die Fehlzeiten zu reduzieren" wäre laut Leoni auch die Reduktion von Langzeitkrankenständen, von denen vornehmlich ältere Arbeitnehmer betroffen sind. Fehlzeiten von mehr als einem Monat machen zwar nur sechs Prozent der Fälle, aber 40 Prozent aller Krankenstandstage aus. Und sie haben deutlich negative Auswirkungen auf die Erwerbskarriere: Nach einem zwei- bis vierwöchigen Krankenstand steigt das Risiko im Jahr danach den Job zu verlieren um 25 Prozent, nach drei Monaten um 60 Prozent. Besonders hoch ist das Risiko nach Krankheiten des Bewegungsapparates und psychischen Erkrankungen.

Psychische Erkrankungen im Vormarsch

Generell sind die Hauptursachen für Krankenstände laut Studie Muskel-Skelett-Erkrankungen, zunehmend wichtiger werden auch - obwohl offiziell nur Grund von fünf Prozent der Krankenstände - psychische Erkrankungen. Letztere liegen bei den Ursachen für den Wechsel in die Invalidenpension an zweiter Stelle. Leoni verwies darauf, dass "alle Studien zeigen, dass die psychosoziale Belastung steigt". Dafür verantwortlich seien Rahmenbedingungen wie Prekarisierung, Arbeitszufriedenheit und Motivation. "Das gibt den Akteuren eine Möglichkeit zu Verbesserungen", sagte Leoni.

Er wies auch darauf hin, dass "betriebliche Gesundheitsförderung bei einer systematischen Durchführung rein ökonomisch sehr lohnend" sei. Der Faktor werde in verschiedenen Studien zwischen 1:4 und 1:10 angegeben, das bedeutet, dass sich die Volkswirtschaft für einen zur Gesundheitsförderung ausgegebenen Euro vier bis zehn Euro ersparen könnte. Noch sei dafür in Österreich nicht genügend Bewusstsein geschaffen. Leoni: "Trotz einer steigenden Verbreitung sind wir weit von einer flächendeckenden Präsenz entfernt."

Auswirkungen von Langzeitkrankenständen

Die Fehlzeitenstudie wurde 2007 erstmals im Auftrag von Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) und AUVA erstellt. Neben langfristiger Entwicklung, Struktur und Ursache der Krankenstände wurden in diesem Jahr zusätzlich die Auswirkungen von Langzeitkrankenständen erhoben. Die Studie bestätigt auch die Daten des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger, wonach die Krankenstandsdauer im Vorjahr erstmals seit Jahren wieder gestiegen ist. Nach dem Tiefstwert mit durchschnittlich 11,5 Krankenstandstagen pro Beschäftigtem aus dem Jahr 2006 war 2007 ein Anstieg auf 12,0 Tage verzeichnet worden.

Im internationaler Vergleich von Krankenständen liegt Österreich im unteren Mittelfeld. Grund dafür ist laut Leoni die "sehr geringe Erwerbsquote von älteren Beschäftigten." Die hohe Zahl an Frühpensionisten wirke sich "beschönigend" auf die Statistik aus. In der Krankenstandstatistik ganz vorne liegen skandinavische Länder. (APA)

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