Ein indisches 9/11

27. November 2008, 20:12
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Al-Kaida-Methoden und politisches Kalkül mit Religionen: Indiens neuer Terror - Von Markus Bernath

Ein indisches 9/11


Al-Kaida-Methoden und politisches Kalkül mit Religionen: Indiens neuer Terror
Terror gehört zum Gesicht des Indien von heute. 200 Menschen sind allein in diesem Jahr bei Anschlägen umgebracht worden, die den Indian Mujahidin zur Last gelegt werden, jener Gruppe, die nun den Angriff auf Mumbai verübt haben könnte. Doch mit der Nacht, in der Indiens Finanzmetropole im Terror versank, beginnt ein neues Kapitel. Sieben Jahre nach 9/11 hat sich der internationale Terrorismus gehäutet.

Al-Kaida, das Netzwerk Osama Bin Ladens, exportiert nicht länger nur mehr seine kranken Ideen und Praktiken, es verschmilzt mit neuen Islamistengruppen, fügt sich in nationale Konflikte wie jenen zwischen Muslimen und Hindus in Indien ein, verändert Struktur und Methoden des Terrors auf dem Subkontinent. Ob Bin Laden oder sein Stellvertreter Ayman al-Zawahiri noch eine Rolle im alten Terrornetzwerk spielen, ist unwesentlich: Dass ihre Idee fortlebt, ist entscheidend.

Der geplante Massenmord in Mumbai, die Verachtung für die Opfer, das Kalkül mit Symbolen und Medien hat sich dieses Mal gegen ein neues Ziel gerichtet - Amerikaner, Briten und jüdische Gläubige. Gegen die Irak-Invasoren, die alten Kolonialherren, die traditionellen Feinde der Muslime, wie es die Ideologie der Islamisten will. Indien, die kommende Wirtschaftsmacht mit mehr als einer Milliarde Einwohnern, ist jetzt zu einer neuen Bühne des antiwestlichen Terrorismus geworden.

Doch die Botschaft aus Mumbai ist vieldeutiger. Der transformierte Al-Kaida-Terror des Jahres 2008 in Indien meint anderes. Man terrorisiert westliche Geschäftsleute, Urlauber, Politiker in der weltoffensten Stadt des Landes und zielt auf die verhasste Regierung. Alle inhaftierten Mujahidin in Indien sollten freigelassen werden, forderte einer der Geiselnehmer im Oberoi-Hotel während der Terrornacht: "Muslime in Indien dürfen nicht bedrängt werden."

Bereits im September kündigte die Gruppe massive Anschläge auf Mumbai an. Den Leiter der Antiterrorpolizei der Metropole hat sie zu ihrem Ziel erklärt; er wurde in der Schreckensnacht umgebracht. Dass der Angriff auf Mumbai in die Zeit von Wahlen in einer Reihe von Bundesstaaten in Indien fiel, war sicher auch kein Zufall. Dass Pakistans Außenminister gerade einen Besuch in Delhi absolvierte, heizt die Spekulationen zusätzlich an: Der Terror in Mumbai könnte eine wohldurchdachte Verschwörung sein, um die sich bessernden Beziehungen zwischen Indien und Pakistan zu schädigen.

Die Nacht von Mumbai hat also ihre Vorgeschichte. Indiens Kommunalismus, das Denken und gezielte politische Handeln im Interesse einzelner Religionsgemeinschaften, ist mehr denn je wieder ein Mittel zur Machtergreifung geworden. Dahingehend lassen sich auch die massiven Bombenanschläge in Guwahati, der größten Stadt des Bundesstaats Assam im Nordosten Indiens, Ende Oktober interpretieren: Militante Muslime terrorisieren Hindus, weil sie gegen die Einbürgerung von Einwanderern aus Bangladesch ankämpfen. Die wiederum wird von der regierenden Kongress-Partei forciert, die sich Wähler sichern will.

Für die Bombenserie in Guwahati zeichneten übrigens auch die Indian Mujahidin verantwortlich. Dass sie es tatsächlich waren, ist nicht so sicher. Noch jeden Terroranschlag in den vergangenen Jahren nahmen die Hardliner der oppositionellen Hindu-Partei BJP zum Anlass, um Premierminister Manmohan Singh Schwäche und Versagen beim Schutz der größten Religionsgemeinschaft des Landes vorzuhalten.

Für die internationale Gemeinschaft ist Indiens Terror ein neues Problem auf einer ohnehin langen Liste. Ein Krisenbogen in Südasien von Afghanistan über Pakistan nach Indien ist im Entstehen. Mumbai ist auch ein Erinnerungsruf an die kommende US-Regierung: 9/11 geht weiter. Markus Bernath

 

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