Reportage: "Sie waren hinter Ausländern her"

27. November 2008, 19:34
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Spezialtruppen lieferten sich den ganzen Donnerstag über Feuergefechte mit jenen Terroristen, die an Mumbais teuerster Meile Angst und Schrecken verbreiteten

Flammen lodern aus den Fenstern des historischen Taj Mahal Hotel am Gateway von India, das Feuer frisst sich von Etage zu Etage. Schüsse knallen durch die Nacht. "Sie waren hinter Ausländern her", sagt der britische Geschäftsmann. "Sie haben nach amerikanischen und britischen Pässen gefragt und alle Zimmer durchkämmt."

Mit verschränkten Armen und rußgeschwärztem Gesicht sitzt er seltsam verloren da, antwortet auf die Fragen der Reporter. Er hat Glück gehabt. Er konnte den Terroristen entwischen, nach draußen in die Sicherheit fliehen. Aber andere sind noch drinnen. Seine Stimme klingt monoton, die Miene wirkt unbewegt. Er scheint wie betäubt vom Schock. Der Mittvierziger war gerade in einem der noblen Hotelrestaurants mit Geschäftsfreunden essen, als die Terroristen das Hotel stürmen, um sich schossen ballerten und Bomben zündeten.

Ein Albtraum

Es war der Beginn eines Albtraums, der auch am Donnerstag weitergeht und der Indiens Finanz- und Filmmetropole Mumbai in ihren Grundfesten erschüttert. Binnen kurzer Zeit greifen am späten Mittwochabend 20 bis 25 mit Sprengstoff und AK 47 bewaffnete Terroristen zehn Ziele an, unter anderem zwei Luxushotels, Restaurants und Spitäler. Bei ihrer Terrortour durch die Stadt hinterlassen sie eine Spur des Todes: Mehr als 100 Menschen sterben, darunter mindestens sechs Ausländer. Hunderte werden verletzt, viele ringen noch um ihr Leben.

Die Terrorattacke wandelt sich im Lauf des Donnerstags in ein zermürbendes Geiseldrama, einen Nervenkrieg. Die Terroristen haben sich in den Luxushotels Taj und Trident Oberoi sowie einem jüdischen Zentrum verschanzt. Davor haben sich Polizisten und Soldaten postiert. Niemand weiß genau, wie viele Menschen gefangen sind. Manche halten sich in Zimmern, Toiletten oder Schränken versteckt. Andere sind offenbar in Gewalt der Terroristen. Immer wieder erschüttern Explosionen die Hotels. Von Stunde zu Stunde wächst die Angst, dass sich die Terroristen mit ihren Geiseln in die Luft sprengen. Spezialkräfte arbeiten sich durch das Taj Mahal durch, vom Erdgeschoß bis zum vierten Stock, und durch das Oberoi vom 21. bis zum achten; 20 bis 30 Geiseln sollen dort zu diesem Zeitpunkt noch sein.

Der Terror in Indien hat eine neue Dimension erreicht. Von einer "Kriegszone" in Mumbai sprechen drei Medien. Es ist schon nach 22 Uhr am Mittwochabend, als im Fernsehen die ersten Berichte laufen. Zunächst klingt es nach der bekannten Art von Terroranschlägen. Von zwei Männern ist die Rede, die in Mumbai um sich schießen. Und von vier Toten. Doch mit jeder Minute wächst sich das Geschehen immer mehr zu einem Drama aus, das Erinnerungen an den 11. September 2001 weckt. Die Täter attackieren die Wahrzeichen Mumbais, die Lieblingshotels von Indiens Wirtschaftselite, von ausländischen Geschäftsleuten und Delegationen. Sie attackieren Krankenhäuser und Touristenziele wie die Victoria Train Station.

Fassungslos verfolgen Millionen Inder die ganze Nacht im Fernsehen live mit, wie Mumbai, die kosmopolitischste Stadt Indiens, in die Hände von Terroristen fällt. Wie man Tote und Verletzte notdürftig auf Kofferwagen aus den Nobelhotels karrt. Wie ein Kameramann mitten beim Filmen erschossen wird. Wie Menschen auf dem Bauch über das Straßenpflaster in Sicherheit robben.

Mit Booten gelandet

Noch ist der Ablauf nicht völlig geklärt. Aber man geht davon aus, dass die 20 bis 25 Männer im Schutze der Dunkelheit mit Booten an der Halbinsel Colaba an der Südspitze Mumbais landen und ausschwärmen. Sie beschränken sich nicht darauf, Bomben zu legen, sondern bringen die beiden Luxushotels Taj und Trident Oberoi sowie das schicke Cafe Leopold in ihre Gewalt, das besonders bei Touristen beliebt ist. Und auch ein jüdisches Zentrum stürmen sie. Dort nehmen sie angeblich mehrere Israelis gefangen.

Über Stunden spielen sich bürgerkriegsähnliche Szenen in Colaba ab. Die Terroristen knallen Passanten oder Flüchtende in den Hotelkorridoren ab. Es gleicht einer Menschenjagd. Die Täter tragen nicht einmal Masken, um ihre Gesichter zu verbergen. Aus der Ferne gelingt einem Journalisten ein verschwommener Schnappschuss. Er zeigt einen jungen Mann, vielleicht Anfang 20, mit fast noch kindlichem, runden Gesicht und struppigen, schwarzen Haaren, in den Händen hält er ein Maschinengewehr. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi/DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2008)

 

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    Den Schrecken ins Gesicht geschrieben: Gerettete Gäste am Donnerstag vor dem Taj Mahal Hotel.

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    Sharda Janardhan Chitikar (links) trauert um zwei ihrer Kinder, die bei dem Angriff umkamen.

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