Der Denker des Wilden

27. November 2008, 18:14
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Claude Lévi-Strauss, der wohl wichtigste lebende Ethnologe, ist hundert Jahre alt - Begründer der modernen Sozialanthropologie auch weit über sein Fach einflussreich

Wien - Dass man es endgültig geschafft hat, kann man als Wissenschafter auf verschiedene Art und Weise erfahren. Auf der einen Seite gibt es die offiziellen Würdigungen, und daran herrscht bei Claude Lévi-Strauss kein Mangel. Der Inhaber von mittlerweile 15 Ehrendoktoraten war der erste Vertreter seines Fachs, der in die elitäre Académie française aufgenommen und damit "unsterblich" wurde.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Anerkennung im Kleinen: Gerne erzählte der Begründer der modernen Sozialanthropologie aber auch die Anekdote von einem Kellner in Kalifornien. Nachdem Lévi-Strauss um eine Tischreservierung auf seinen Namen bat, habe der mit einer Frage geantwortet: "The pants or the books?"

"Ich hasse die Reisen"

Ähnlich wie die Hosen, so sind auch einige von Lévi-Strauss' Buchtiteln zu echten Klassikern, ja geflügelten Worten geworden: Das wilde Denken oder Das Rohe und das Gekochte und vor allem: Traurige Tropen, sein bis heute wohl einflussreichstes Buch, das mit dem legendären Satz "Ich hasse die Reisen und die Exploratoren" beginnt.

In dem 1955 erschienenen Bericht arbeitet er seine einzigen längeren Feldforschungen bei den "Wilden" auf: Zwischen 1935 bis 1938 hatte er als Soziologieprofessor an der Universität von São Paulo einige Monate bei Indianerstämmen im Inneren Brasiliens gelebt und den Verfall ihrer einst hochentwickelten Kultur durch die westliche Zivilisation miterlebt.

Sein Rechenschaftsbericht wurde aus mehren Gründen zu einem Schlüsselwerk, das bis heute weit über sein Fach ausstrahlt: "Traurige Tropen ist das erste Buch, das ganz offen von den Zweifeln und vom Scheitern eines Ethnologen berichtet", sagt Thomas Reinhardt, der selbst vom Fach ist und gerade eine Einführung in das Werk von Lévi-Strauss veröffentlicht hat.

Traurige Tropen ist aber nicht nur das Dokument der Desillusionierung des jungen Wissenschafters sowohl über die eigene als auch die fremde Kultur. "Es berichtet auch vom radikalen erkenntnistheoretischen Dilemma, wie man das radikal Andere, das ganz Fremde eben nicht verstehen kann", so Reinhardt. Nicht zuletzt ist Traurige Tropen auch großartige Literatur - und wäre daher beinahe für den Prix Goncourt nominiert worden.

Lesen mit zwei Jahren

Das Lesen brachte sich der vor genau hundert Jahren in Brüssel als Sohn elsässischer Juden geborene Lévi-Strauss angeblich selbst bei. Er habe Ladenschilder wie "Boulanger" und "Boucher" (also Bäcker und Fleischhauer) verglichen und habe über die Ähnlichkeiten ("bou") zu verstehen begonnen.

Wenn es nicht gelogen ist, ist es gut erfunden. Denn im Grunde macht genau das den strukturalistischen Ansatz aus, den Lévi-Strauss begründete. Seine Grundannahme: Hinter den verschiedenen Kulturen gibt es eine Ordnung.

Diese gemeinsamen Systeme herauszuarbeiten machte sich Lévi-Strauss zur Lebensaufgabe - und er sich damit selbst zum Begründer des anthropologischen Strukturalismus. Sieben Jahre arbeitete der Ethnologe am Schreibtisch daran, Heiratsregeln aus aller Welt zu sichten und zu sortieren (Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft); zwanzig lange Jahre deklinierte er achthundert Mythen Süd- und Nordamerikas bis in kleinste Details durch (Mythologica I-IV).

Diese bahnbrechenden Studien trugen ihm zwar höchste akademische Ehren ein. Dennoch hat er es nicht geschafft, eine Schule zu gründen, wie Thomas Reinhard anmerkt. Lévi-Strauss, der den Menschen als Subjekt immer für überschätzt hielt, mag das alles egal sein. Wie meinte er vor wenigen Monaten in einem seiner seltenen Interviews lakonisch: "Ich bin fest davon überzeugt, dass das Leben keinen Sinn hat, dass nichts irgendeinen Sinn hat." (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. November 2008)

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    Seit 1973 ist Claude Lévi-Strauss Mitglied der Académie française - und gehört damit zu den "Unsterblichen".

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