Schmied: "Ich fühle mich mit Rückenwind ausgestattet"

27. November 2008, 18:08
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Bildungsministerin Schmied über ihre Bildungspartner in der Regierung, die andere Hälfte des Gratiskindergartentages und neue Angebote für Eltern von Migrantenkindern - Ein STANDARD-Interview

STANDARD: Frau Ministerin, wie groß ist die Enttäuschung, dass Sie weiter Bildung- vorn haben und nicht Finanz-? Sie gaben ja schon finanzministerielle Interviews.

Schmied: Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn auch im Amtskalender stünde, Bundesministerin für Bildung, Kunst und Kultur, aber wir bleiben wahrscheinlich bei der Bezeichnung „Unterricht, Kunst und Kultur". Persönlich freue ich mich, dass ich nach zwei schönen Jahren, in denen viele Projekte gestartet wurden, die Bildungsreform mit Rückenwind fortsetzen kann. Es ist gut, dass die Bildungspartnerschaft am Minoritenplatz mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn weitergeht. Und dass Rudolf Hundstorfer und Reinhold Mitterlehner im Regierungsteam sind, ist überaus positiv. Damit ist der Stellenwert der Bildung in der Regierung breit verankert.

STANDARD: Die Wiederkehr der Sozialpartner goutieren Sie also?

Schmied: Ausdrücklich und speziell natürlich, was meine Themen betrifft. Die Sozialpartner und die Industriellenvereinigung sind enge und starke Verbündete in der Reform des Bildungssystems. Sie haben viele Erfolge mitgestaltet.

STANDARD:  Ehrlich, was hätten Sie als Managerin mit einem Zielkatalog, der so aussieht wie das Regierungsprogramm, getan? Sie hätten doch gesagt, zurück an den Schreibtisch und bitte etwas konkreter.

Schmied: Das Regierungsprogramm drückt eine Programmatik aus, es hat Ziele und Absichtserklärungen. Jetzt liegt es in der Verantwortung jedes Ministers, jeder Ministerin, für die einzelnen Bereiche Masterpläne und Maßnahmen auszuarbeiten und zu konkretisieren. Wir sind schon mittendrin.

STANDARD:  Trotzdem fällt auf, dass das ganze rot-schwarze Regierungsprogramm einen Hang zum Ungefähren hat. Viel "soll" oder "Bekenntnisse" zur Neuen Mittelschule und „Betonung" der Bedeutung der Ganztagsschule. Sollte Politik nicht mehr tun und machen?

Schmied: Für mich ist es ein Programm der Vernunft und Ausdruck des Wollens. Am Beginn jeder Zusammenarbeit muss die Akzeptanz der Zielrichtung gefunden werden. Mindestens so entscheidend ist die emotionale Basis, die innere Einstellung und Haltung. Da stimmt mich jetzt die Zusammensetzung der Regierung sehr zuversichtlich und ich fühle mich mit Rückenwind ausgestattet, im Vergleich zu vor zwei Jahren.

STANDARD: Machen wir's konkret: Was soll ein Pflichtkindergartenjahr bringen, das nur halbtags gratis ist?

Schmied: Für mich sind mehr Chancen für die Kinder wichtig und dass der Schulanfang gut gelingt. Wir haben begonnen mit Sprachförderung im Kindergarten. Die Einführung der Halbtagspflicht für alle Kinder gratis ist jetzt ein weiterer wichtiger Schritt. Alles, was wir in frühe Phasen der Kindheit investieren, ist ausgezeichnet angelegt. Meine Aufgabe ist nun, Bildungspläne auszuarbeiten und die Kindergartenpädagoginnen gut auszubilden und vor allem Fortbildungsangebote an den Pädagogischen Hochschulen auszuarbeiten.

STANDARD:  Hätten Sie eine Alleinregierung gehabt, hätten Sie es ganztägig gratis verpflichtend gemacht?

Schmied: Unsere Vorstellungen gehen langfristig in diese Richtung. Man muss in dem Zusammenhang aber auch sehen, dass der Kindergarten in die Kompetenz der Bundesländer fällt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass das noch weiterentwickelt wird. In einzelnen Bundesländern ist das ja schon der Fall. Dieses Thema wird in weiterer Zukunft auch für die Finanzausgleichsverhandlungen wichtig.

STANDARD: Die zweite Hälfte des Tages Tag sollen die Länder zahlen?
Schmied: Das wäre ein Ansatzpunkt. Kindergarten ist Kompetenz der einzelnen Bundesländer.

STANDARD:  Das Frauen- oder Familienbild dahinter klingt veraltet. Am Nachmittag ist Mama eh schon daheim. Ist das das Erbe der ÖVP?

Schmied: Bis jetzt hatten wir gar nichts. Jetzt haben wir das Kindergartenjahr verpflichtend gratis für alle ab fünf am Vormittag und das werte ich als einen Erfolg.

STANDARD: Was passiert, wenn die Kindergartenpflicht verweigert wird? Bekommen die Eltern für die Verwaltungsübertretung wie bei der Schulpflicht bis zu 220 Euro Strafe?

Schmied: Die Pflicht muss landesgesetzlich geregelt werden. Aber ich halte von Verknüpfungen, etwa mit der Familienbeihilfe, nichts.

STANDARD: Im Bereich Schule sieht es so aus, als ob der österreichische Sonderweg mit drei Formen (Hauptschule, Neue Mittelschule, AHS) weitergegangen wird, während andere Länder auf Reduktion setzen.

Schmied: Das Ziel ist unverrückbar. Ich will eine gemeinsame Schule. Die Frage ist, wie kommen wir dort hin. Es ist eben ein langfristiges Projekt. Mein Ziel in der nächsten Etappe, die schon 2009 startet, sind Modellschulen in allen Bundesländern. Die Nachrichten aus den jetzigen Standorten stimmen mich sehr zuversichtlich. Die Stimmung ist gut, die Lehrer sind motiviert, die Eltern zufrieden. Wenn uns das österreichweit gelingt, erwarte ich mir, dass die Eltern und die Öffentlichkeit sagen, das ist doch großartig. Mehr Schüler sitzen in der für sie richtigen Schule, mehr Schüler kommen in eine höhere Schule, jetzt sollten wir es angehen und die Umstellung schaffen.

STANDARD: Punkt 4 im Regierungsprogramm lautet: „Internationalität, Integration und Migration": Zuerst „Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen", dann erst die „Fördermaßnahmen" für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen. Verkennt man mit dieser Reihung nicht eines der größten Probleme im Schulsystem, vor allem in Städten, wo es eine regelrechte Flucht österreichischer Eltern aus Schulen mit hohem Migrantenanteil gibt?

Schmied: Nein. Mein großes Ziel ist es, Internationalität und Migration gemeinsam zu sehen. Ich habe den Eindruck, dass Migration, solange sie im Kontext der Schule formuliert wird, immer als Hürde betrachtet wird, und dann im Berufsleben sind alle stolz, wenn sie mehrsprachige Mitarbeiter mit internationalem Background beschäftigen. Es geht ja auch um die Haltung der aufnehmenden Gesellschaft zum Thema Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt. Wir müssen vor allem Schulen mit vielen Kinder mit Migrationshintergrund entsprechend ausstatten, muttersprachlichen Unterricht anbieten, Deutschförderkurse ausbauen. Und ganz wichtig: Es muss auch Förderprogramme für die Schulpartnerschaft geben, dass es auch in der Schule Angebote und Programme für die Eltern der Kinder aus Migrationsfamilien gibt.

STANDARD: Wie Modelle in Deutschland, bei denen Eltern von Migrantenkindern in der Schule ihrer Kinder selbst Deutsch lernen?

Schmied: Da gibt es sehr interessante Modelle, ich möchte aber auch das Angebot der Volkshochschulen, des Wifi und anderer Einrichtungen nutzen, wo es Kurse gibt, die speziell im Kontext zur Schule stehen, etwa schulspezifische Terminologie - was sind Mitteilungshefte? Das braucht konkrete, nicht zentralisierte Angebote. Die Schulpartner sollen in Eigenverantwortung mehr Möglichkeiten erhalten. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 28. November 2008)

  • Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) hält an der gemeinsamen Schule fest: "Das Ziel ist unverrückbar." Es kann nur etwas dauern.
    foto: standard/urban

    Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) hält an der gemeinsamen Schule fest: "Das Ziel ist unverrückbar." Es kann nur etwas dauern.

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