Referenzhölle, Baby!

27. November 2008, 17:30
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Die New Yorker Band TV On The Radio kündete in der Wiener Arena von der Aufhebung aller ethnischen und stilisti­schen Schranken im Pop

Etwas Besseres kann uns nicht passieren.


Wien - Wenn man auf der langen Leitung steht, muss das nichts Schlimmes bedeuten. Immerhin funkt man durch so ein Stromkabel nicht nur aus dem Jetzt ins Morgen. Der Weg von der Stromgitarre in den Verstärker oder jener vom Mikrofon in die Gesangsanlage - und von dort fast unmittelbar in unsere Herzen oder zumindest zu den niedrigen Lustinstinkten - wurde früher auch schon von ganz anderen Kapazundern gewählt.

Moderne ist ganz grundsätzlich niemals als purer Klang oder situationistischer Affekt vorstellbar. In ihr müssen immer auch aus der Vergangenheit herüber wehende Halleffekte mitgedacht werden. Ohne historisches Rüstzeug wäre man sonst im Heute verloren. Es geht immer weiter! Gut, wenn man dabei weiß, woher man kommt.

Beim enthusiastisch gefeierten Konzert der New Yorker Band TV On The Radio in der Wiener Arena schleichen sich so während der Nummern ihres aktuellen, mittlerweile dritten Albums Dear Science klug gesetzte Echos und Sustains von unkaputtbaren, weil retrospektiv noch immer gültigen traumseligen kalifornischen Gischt- und Sonnenuntergangs-Chören ein. Diese stimmten einst bis hinein ins genetische Grundgedächtnis der Menschheit die Beach Boys an. Und sie erzählten dabei jubilierend wie präsensmelancholisch gleichzeitig immer auch vom Schrecken, der in der Idylle wohnt.

Dazu gesellen sich über forsch-lebensfreudigen Up-Tempo-Motown-Beats von Diana Ross und den Supremes (You Can't Hurry Love) quälend-quengelnde und zeitlos-unangreifbare Lärmgitarren-Motive aus der Schule von Sonic Youth. Diese bilden eine hübsche akustische Entsprechung zu Vorschulkindern, wenn sie nach einem langen Tag mächtig sauer werden, weil es zum Abendessen statt Penne Rigatoni frecherweise Spaghetti Nummer fünf gibt - und jetzt lasst mich bitte in Ruhe, geht doch zu eurer Mama! Wer sich erinnern mag: Für immer jung!

Planet Humana

Auch der nach außen sanftmütige, aber innen drin stahlharte und politisch bewegte Engelsstimmen-Chicago-Soul eines Curtis Mayfield findet hier bei gleichzeitiger Einarbeitung heftig-prügelnder Punk- und Hardcore-Rhythmik des Schlagzeugers eine hochaktuelle postmodernistische Nachbetrachtung. Sänger Tunde Adebimpe, der Mann im Third-Hand-Holzhackerhemd vom Planeten Humana, mag zwar wie ein grober Klotz mit Matura wirken. Vorsicht, wenn der die Brille abnimmt, wird es unlustig! Tief drinnen in diesem immer wieder auch an einen ertrinkenden Nichtschwimmer erinnernden Ausdruckstänzer wohnt allerdings eine zarte Seele. Er weiß hymnische Notwendigkeit mit emotionaler Dringlichkeit bis hinauf ins himmlische Falsett zu verbinden.

TVOn The Radio heben als großteils afroamerikanische Band aus dem New Yorker Trendsportviertel Brooklyn reichlich spät, aber ganz selbstverständlich die Grenzen zwischen "schwarzer" und "weißer" Musik auf. Abseits elektronischer wie egalitaristischer Computer-Tanzmucke ist dies gerade im Sektor alternativer Gitarren heute noch immer ein gern zur Seite verräumtes Grundproblem des Pop.

Wer hat den echten Soul, wer hat den entwurzelten Punk, wer hat den Rhythmus, zu dem jeder mitmuss, im Blut, wer klimpert wohltemperiert auf dem Klavier? Diese Fragen werden von TV On The Radio auch dank ihres in der Arena streng seine Gitarre bestrafenden (weißen) Produzenten David Sitek generell nicht gestellt. TV On The Radio haben die Antworten. Und die sind laut.

Der Rest dieser weltmeisterlichen Musik öffnet das Tor zur Referenzhölle. David Bowie schwült zwischen Heroes und Let's Dance. Und Prince will mit seinem anlassigen Computer-Funk dringend in die Hütte, um auf dem Dancefloor schnell, schnell zwo, dro Kinder zu machen. TVOn The Radio nennen diese Paraphrase Golden Age.

Sind TV On The Radio dabei allein? Nein. Auch US-Kollegen wie Vampire Weekend oder Mahjongg oder die britischen Foals entdecken gegenwärtig afrikanische Polyrhythmik im akademischen Sinne von David Byrne und den Talking Heads wieder. Nur TV On The Radio setzen dem mit Schmalztopfkaiser Roy Orbison noch ordentlich futuristisch einen drauf. Erwähnt sei die Schmerzenshymne Crying.

2008, liebe Leute, wird nichts Besseres nachkommen. Was für ein Konzert! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.11.2008)

  • Tunde Adepimpe (rechts) und TVOn The Radio in der Arena: futuristische Popmusik, die in der Vergangenheit die Zukunft entdeckt. Mit dem Stabmixer.
    foto: standard /fischer

    Tunde Adepimpe (rechts) und TVOn The Radio in der Arena: futuristische Popmusik, die in der Vergangenheit die Zukunft entdeckt. Mit dem Stabmixer.

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