Leichte Zunahme bei Suspendierungen an Pflichtschulen

27. November 2008, 17:22
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Hunderte SchülerInnen jährlich für maximal vier Wochen verwiesen - Bildungspsychologin Spiel: Gipfel der physischen Gewalt zwischen 10 und 14 Jahren

Wien - Jährlich werden Hunderte Schüler in Österreich bei "Gefahr im Verzug" von ihrer Schule suspendiert, also für maximal vier Wochen von der Schule verwiesen. Dieser Maßnahme kann ein Ausschluss von der Schule ("Schulverweis") folgen, was nach Angaben der Landesschulräte "nur in Einzelfällen" erfolgt. Diese Disziplinarmaßnahme kommt in den vergangenen Jahren tendenziell häufiger zum Einsatz, wie ein Rundruf bei den Landesschulräten ergab.

Pflichtschüler am meisten betroffen

So wird im Burgenland, in Oberösterreich, Kärnten, Tirol, Salzburg und Vorarlberg von den Landesschulräten von einer leichten Zunahme berichtet. Das Gros an Maßnahmen betrifft Pflichtschüler. Das entspreche allen Studien zum Gewaltverhalten, so die Wiener Bildungspsychologin Christiane Spiel gegenüber der APA. Schließlich erreichten Kinder zwischen 10 und 14 Jahren den "Gipfel der physischen Gewalt".

An den AHS-Oberstufen und Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS) gebe es Suspendierungen und Schulverweise nur in Einzelfällen, berichten die neun Landesschulräte unisono. Schließlich wären die Jugendlichen in diesem Alter nicht mehr schulpflichtig und "freiwillig" da. Eine spektakuläre Ausnahme war etwa jener Bub, der 2004 mit einer Bombendrohung seinen Ausschluss von der Handelsakademie Steyr bewusst provoziert hatte, weil er von den Eltern zum Besuch der Schule gedrängt und davon überfordert war.

Keine Schulausschlüsse

An den Pflichtschulen gibt es in Oberösterreich laut Schätzungen der für Sonderpädagogik zuständigen Landesschulinspektorin jährlich zwischen 50 und 100 Kinder, die suspendiert werden - eine Zunahme im Vergleich zu früher. Im Landesschulrat begründet man das damit, dass die Kinder heute extremer agierten. Und Lehrer, die schließlich keine Therapeuten seien, könnten nur so auf Verhaltensauffälligkeiten reagieren. Schulausschlüsse gebe es dennoch keine, schließlich seien die Kinder noch schulpflichtig - bis auf Niederösterreich begründen so auch die anderen Landesschulräte die geringe Zahl von Verweisen von Pflichtschülern.

Im Burgenland spricht der Landesschulrat ebenfalls von einem leichter Anstieg der Suspendierungen an Pflichtschulen: von drei im Schuljahr 1997/98 auf 16 im Schuljahr 2007/08. In Kärnten haben die Suspendierungen von 2005/06 auf 2007/08 von 26 auf 34 zugenommen. In Tirol gibt es an Pflichtschulen jedes Schuljahr zwischen 50 und 100 Suspendierungen, was laut dem zuständigen Landesschulinspektor Reinhold Wöll einen leichten Anstieg bedeutet. An Vorarlberger Pflichtschulen mussten 2005/06 noch 55 Schüler in die "Zwangspause", 2007/08 waren es 83. Die Aufschlüsselung nach Schultyp zeigt, dass es in Vorarlberg die meisten Suspendierungen in Hauptschulen gibt (2005/06: 29; 2007/08: 51).

"Pflichten schwerwiegend verletzt"

Aus Salzburg wurden der APA keine absoluten Zahlen geliefert. Laut dem dortigen Landesschulrat ist seit 2003 jährlich eine "geringfügige Zunahme an gemeldeten Suspendierungen und Anträgen auf Aufschluss feststellbar". Größere Sprünge gab es vom Schuljahr 2004/05 auf 2005/06 (plus etwa 30 Prozent) und von 2006/07 auf 2007/08 (plus etwa 28 Prozent). Als Grund für die Zunahme wird eine "Änderung in der Schulhauskultur" genannt, Fehlverhalten werde schneller geahndet. Schuld sei auch der "Zeitgeist" der Jugendlichen mit Phänomenen wie "Happy slapping", bei dem Gewalttätigkeiten gegen andere per Handy gefilmt und verbreitet werden.

Keine Zunahme wird aus Niederösterreich gemeldet. Dort wurden zwischen 2003/2004 und 2007/2008 insgesamt etwa 60 Pflichtschüler der Schule verwiesen. Die Zahl der Suspendierungen liegt laut Landesschulrat nicht weit darüber, da der dadurch implizit angedrohte Ausschluss meist auch exekutiert werde. In Wien werden laut den für die jeweiligen Schulformen zuständigen Schulinspektoren seit Jahren konstant zwischen 70 und 110 Pflichtschüler pro Jahr suspendiert. Zu den steirischen Pflichtschulen gibt es kein Zahlenmaterial, laut Landesschulrat werden dort über Ausschlüsse bzw. Suspendierungen keine eigenen Statistiken geführt.

Laut Schulunterrichtsgesetz (§ 49 Absatz 1) kann ein Schüler dann von der Schule verwiesen werden, wenn er "seine Pflichten in schwerwiegender Weise verletzt und die Anwendung von Erziehungsmitteln erfolglos bleibt oder wenn das Verhalten eines Schülers eine dauernde Gefährdung anderer Schüler hinsichtlich ihrer Sittlichkeit, körperlichen Sicherheit oder ihres Eigentums darstellt". Pflichtschüler dürfen nur dann ausgeschlossen werden, wenn auch danach "die Erfüllung der Schulpflicht gesichert ist", also eine andere Schule für ihn erreichbar ist. Bei "Gefahr im Verzug" kann der Landesschulrat eine Suspendierung aussprechen, die maximal vier Wochen dauern darf. Wird im Verfahren gegen einen Schulausschluss entschieden, ist die Suspendierung aufzuheben. (APA)

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    Die Gewalt an Schulen nimmt tendenziell zu, daher auch die Zahl der Suspendierungen.

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