Für Niederösterreichs Rotwild gilt "Friss und stirb"

27. November 2008, 17:15
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Die Jäger dürfen laut einem neuen Gesetz Rotwild mit Futter anlocken und erschießen - Die Grünen sind empört

Jahrzehntelang war auch das Erlegen der Tiere an Futterstellen erlaubt. Das ist nun verboten.

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Graz / St. Pölten - Jagen ist lebensgefährlich: Mittwochabend stürzte ein Jäger auf der Hochalm im Bezirk Murau in die Tiefe, brach sich das Genick und starb. Er dürfte mit einem soeben erlegten Rehbock auf den Schultern ausgerutscht, etwa 70 Meter abgestürzt und gegen einen Zaunpfeiler gekracht sein.

Für Wild ist in Niederösterreich auch Fressen lebensgefährlich. Dort ist seit der letzten Landtagssitzung das so genannte Kirren wieder erlaubt. Demnach ist es nun legal, neben Schwarz- auch Rotwild mit Futter anzulocken, um es dann zu erschießen. Bei der vergangenen Landtagssitzung in St. Pölten wurde eine entsprechende Gesetzesänderung beschlossen. FP und Grüne stimmten dagegen. Madeleine Petrovic, Klubobfrau der Grünen in Niederösterreich, ist empört: "Das Kirren ist nicht umsonst in keinem anderen Bundesland erlaubt und war auch nicht umsonst bisher in Niederösterreich verboten." Ein Tier könne nicht zwischen einer Notfütterung und dem Anfüttern vor dem Erschießen unterscheiden. Das Wild werde permanent beunruhigt sein, meint Petrovic. Die Folge sei, dass Forstschäden zunehmen. "Das Kirren dient großteils der Trophäenjagd" , sagt Petrovic. "Gerade rund um Wien gibt es immer eine gewisse Gruppe Jäger, die in der Freizeit auch schnell etwas schießen will."

Peter Lebersorger, Generalsekretär der Zentralstelle österreichischer Jagdverbände, beurteilt das neue Gesetz anders. Es bedeute keinesfalls grünes Licht für den Abschuss von Tieren beim Fressen. Im Gegenteil: Die vergangenen 60 Jahre sei in Niederösterreich erlaubt und durchaus üblich gewesen, Wild direkt an der Futterstelle zu erlegen. Das ist nun verboten. Durch Kirren könne man dennoch weiter den Tierbestand regeln, unterstreicht das Büro von Umweltlandesrat Josef Plank (VP).

Lebersorger will zudem nicht bestätigen, dass Niederösterreich nun als einziges Land derartige Jagd-Praktiken erlaube. Abschüsse in Verbindung mit Füttern würden in den Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt. Die Landesgesetze seien schlecht vergleichbar.

"Kein sehr gutes Gesetz"

In der Steiermark gibt es laut Egon Homann, dort stellvertretender Landesjägermeister, "kein sehr gut ausgeführtes Gesetz zur Lockfütterung. Aber es gilt selbstverständlich, dass man bei Futterstellen nicht schießt" . Ein neues Gesetz sei in Arbeit. Das werde vielleicht das Kirren von Füchsen oder Wildschweinen erlauben. Von Wild nicht, meint Homann.

Die Zahl der Abschüsse von Rotwild in Niederösterreich stieg seit 2002 um knapp 900 auf 7315. In einigen Gegenden ist Rotwild in sehr großer Zahl vorhanden. Doch im Waldviertel "kam es zu massiven Substanzeingriffen" , wie das Gmünder Jagd Journal berichtete. Es drohe "genetische Verarmung" bis zum "Verlust dieses Rotwildbestandes" . (Gudrun Springer, DER STANDARD - Printausgabe, 28. November 2008)

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    Im Waldviertel ist der Rotwildbestand stark zurückgegangen. Die Grünen verurteilen die Trophäenjagd mancher Jäger.

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