Frei bist du, wenn du den Abgrund kennst

27. November 2008, 14:39
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Keine Studentengeneration vor uns hatte so viele Möglichkeiten wie heute - Die neue Freiheit bedeutet jedoch auch Ungewissheit

Wien - Der Versuch, die Gesetze der Schwerkraft zu leugnen, kann eine Zeitlang gutgehen. "Es ist, wie wenn man im Trickfilm über den Abgrund hinausgeht: Du gehst und gehst, und entweder du erreichst wieder Land, oder du siehst nach unten und kapierst: Da ist nichts mehr."

"Schwindel der Freiheit" hat der dänische Philosoph Søren Kierkegaard diesen Moment in seinem 1844 erschienenen Werk "Der Begriff Angst" genannt.

Wenn Katharina Stratemann, 24-jährige Jus-Dissertantin aus Wien, sich der Trickfilmmetapher bedient, um jenen Moment zu beschreiben, wenn das "Auge in eine gähnende Tiefe hinunterstarrt" (Kierkegaard), schildert sie gleichzeitig auch einen Augenblick, in dem man sich der Möglichkeit abzustürzen gewahr wird.

Konkret beschreibt Stratemann eine Angst in unserer Gesellschaft, die im Gefolge eines Prozesses ans Licht kam, den Sozialwissenschafter Enttraditionalisierung nennen: das beständige Ausbleichen von Sicherheiten, auf welche sich die Eltern heutiger Mittzwanziger noch verlassen konnten, als sie so alt waren, wie ihre Kinder heute sind - nach abgeschlossenem Studium mit einem sicheren Job rechnen zu können zum Beispiel.

Besonders in Übergangszeiten wie dem Schritt von der Uni ins Arbeitsleben treten neue Optionen und Ungewissheiten aus dem Schatten - es gilt, sich neu zu bestimmen. Eine Aufgabe, die potenziell Überforderung in sich trägt.

2001 veröffentlichten Alexandra Robbins und Abby Wilner ein Buch, worin sie jene, die sich in diesem Übergang befinden, als besonders anfällig für eine Krise, welche sie "Quarterlife Crisis" nannten, beschreiben. Einen eigenen Namen habe sich diese in ihren Augen verdient, weil es heute "überwältigend" viele Möglichkeiten gibt, sich zu definieren. Ist man von Möglichkeiten umzingelt, erwachen auch die Erwartungen, sie so gut es geht ins Reich der Wirklichkeit zu überführen.

Zu einer Krise kann sich dieser an sich stimulierende Anspruch auswachsen, wenn die Wirklichkeit angesichts ungenützter Möglichkeiten zu einer einzigen Enttäuschung verkümmert. Die Frage sei, "ob es gelingt, die eigenen Erwartungen und damit auch die eigenen Kränkungen der Realität anzupassen", erklärt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer.

Laut Robbins und Wilner handle es sich um eine Identitätskrise, scheint doch vieles von dem ungewiss zu sein, worauf man gemeinhin eine Identität zu errichten pflegt: Arbeit, Familie, Auslandsaufenthalte, Freunde.

Der Anspruch ihres Buchs erschöpft sich im Versuch, die Krise zu individualisieren. "Sobald wir den gesellschaftlichen Aspekt in unseren Ängsten ernst nehmen, verlieren wir ein Stück Sicherheit. Wir können uns selbst nicht mehr so einfach distanzieren, schließlich sind wir ein Teil des Systems, in dem wir unsere Probleme verorten", heißt es in "Lebensgefühl Angst" von Schmidbauer.

Selbstverortung

"Wir können alles machen, nur: Was machen wir?" Lakonisch fasst Konstanze Endl (25), die gerade ihr Anglistikstudium abgeschlossen hat, die Situation akademisch gebildeter Jugendlicher zusammen, die angesichts eines zu großen Möglichkeitsraums den Entscheidungsnotstand ausrufen.

Ein Aphorismus, der bei den anderen Diskutantinnen - Katharina Stratemann und Franziska Janschek (23), die in einem Jahr ihr Lehramtsstudium in Italienisch und Geschichte abschließen wird - auf Zustimmung stößt. Zusammen trafen wir uns, um uns (die Generation Praktikum, Generation Angst, Generation Orientierungslos, die pragmatische Generation) selbst als "Teil des Systems" zu verorten und uns zu fragen: Sind wir schon in der Krise? Und wenn ja, wieso?

"Müssen wir so denken? Lassen wir uns da reinziehen? Irgendwer hat damit angefangen, und wir machen alle mit. Das ist wie ein Hamsterrad." Das So-Denken und Da-Mitmachen, über das sich Janschek ereifert, bezieht sich auf das eigene Profil, dessen Konturen es prägnant zu schleifen gilt, soll es den Lebenslauf glänzen machen. So erzählt man sich zumindest. Und derer Erzählungen gibt es viele.

Wo hört die pragmatische Generation auf und wo beginnt die Generation Angst? Und wie unterscheidet man sie? Nach der Motivation hinter den Entscheidungen, die diese Generation trifft?

Engagiert man sich bei einem Projekt, das keinen Beitrag für die eigene (berufliche, finanzielle) Absicherung leistet? Ist die Generation Praktikum pragmatisch, wenn sie in prekäre Arbeitsverhältnisse einwilligt, um den Lebenslauf mit Berufserfahrung aufzufetten?

Meine Arbeit und ich

Man stelle sich eine Gesellschaft vor, in der das Gerücht umgeht, dass man nach seinem Studium sowieso keinen Job findet: "Das wäre ein großer Anreiz, nicht zu studieren, und gefährlich für eine Gesellschaft", sagt Manfred Füllsack, Sozialwissenschafter an der Uni Wien.

Wie viel Platz für ein "Gefühl des inneren Raums, der Bewegungsfreiheit" - für Schmidbauer die Voraussetzung für eine "Situation, in der sich Menschen entfalten können" - bleibt, wenn einem der Druck solcher Gerüchte in jene Ecke treibt, in der man dann über die Notwendigkeit hinaus, sein eigenes "Profil" zu bilden, nicht mehr viel macht? Und wohin führt es, wenn man so penibel darauf bedacht ist, die eigene Ecke auf Hochglanz zu polieren? Akademiker, die, um nicht arbeitslos zu werden, Jobs unter ihrer Qualifikation annehmen, verdrängen diejenigen weiter nach unten, die zwar die passende Qualifikation für diesen Job hätten, aber nicht die Überqualifikation derjenigen, von denen sie vertrieben wurden, so Füllsack. "Der Druck wird sukzessive nach unten weitergegeben."

Politische Maßnahmen wie ein Grundeinkommen - ein Einkommen, dass nicht an Erwerbsarbeit gebunden ist - könnten dazu beitragen, dass die Grenzen der Arbeit "ein bisschen variabler werden": Als Arbeit würde nicht mehr nur gelten, womit man sein Geld verdient, der Angst vor Arbeitslosigkeit würde etwas vom ihrem bedrohlichen Druck genommen werden.

Vielleicht, dass wir dann ein wenig aus unserer Ecke treten und - frei von den Sicherheiten und Gewissheiten unserer Elterngeneration - selbstbewusster als heute beginnen würden, die Möglichkeiten auszuloten, wie wir diese Freiheit gestalten und wie wir uns in ihr entfalten wollen. (Konstantin Teske/DER STANDARD Printausgabe, 27. November 2008)

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    Für den aktuellen Weltmeister im Schwergewicht, Wladimir Klitschko, war Scheitern selten eine Option. Aber das Leben ist kein Boxkampf, und Sieger gibt es sowieso keine.

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