Mirror's Edge: Adrenalinrausch für Todessehnsüchtige

30. November 2008, 15:31
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DICE begründet neues Spartengenre, aber schafft es nicht zum ganz großen Erstlingswerk

Futuristisch, ästhetisch, wie von einer besseren Welt glimmert die strahlend weiße Skyline in den Glasfronten der Hochhäuser. Kalt, klinisch, wie gesäubert spiegelt diese makellose Staffelei einer einst pulsierenden Metropole in den Augen der Bewohner. Das Leben wurde aus den Straßen gefegt, die Häuserschluchten mit leerer Reinheit gefüllt. Wenn Faiths Blick über die Dächer dieser Utopie schweift, sieht sie nur noch den Tribut, der für diese schal schmeckende Friedlichkeit gezollt wurde. Sie ist ein Outlaw, die sich in die Dienste der Schattenwelt gestellt hat. Lautlos huscht sie über Dächer hinweg, bahnt sich als Runnerin ihren Weg zwischen Gesetzeshütern und wahren Schurken. Jeder Schritt balanciert an der Kante zum Abgrund.

Frischfleisch

Das schwedische Entwicklerstudio Digital Illusions Creative Entertainment (DICE) versetzte sich in die Rolle einer Parcours-Läuferin und malte mit Mirror's Egde die perfekte Kulisse für diesen außergewöhnlichen Sport. Fast wie im Science Fiction-Film Strange Days (Kathryn Bigelow) darf man in die Haut eines Adrenalin-Junkies schlüpfen, aus seiner Sicht im Kampf gegen das System waghalsige Sprünge und todesmutige Stunts nachvollziehen. Super Mario aus der Ich-Perspektive für Erwachsene könnte man sagen. Und irgendwie trifft das auch zu. Ein innovatives Prinzip, das nicht nur allen ästhetischen Ansprüchen entspricht, sondern auch frischen, gefälligen Wind in Videospielerei bringt.

Hohe Kunst

Die höchste Kunst ist der gewaltlose Weg. Wer auf Baustellengerüsten klettern, sich hunderte Meter lang mit bloßen Händen abseilen und von Abflussrohr zu Abflussrohr springen kann, hat es nicht nötig Waffen zu gebrauchen - auch wenn man es könnte. Der Körper ist die Waffe. Polizisten, die den Weg versperren, werden mit wenigen Kicks entmachtet, Barrikaden mit einem Satz überwunden und durch Glaswände bietet sich die Hechtrolle an. Die Antiheldin Faith wird in den Händen der Spieler zum nervenkitzeldürstenden Übermenschen. Zumindest solange, bis das erste Mal die nächste Klippe verpasst wird und man auf dem harten Boden der künstlichen Realität zerberstet.

Aufgewacht

Die ersten Minuten in Faiths Rolle fühlen sich befreit an. Der unendliche Weitblick gaukelt Grenzenlosigkeit vor, jedes Ziel scheint erreichbar. Allerdings stellt sich schon sehr bald heraus, dass man sich sprichwörtlich an den roten Faden zu halten hat. Wie es weiter geht von Häuserdach zu Häuserdach verraten rot aufleuchtende Wegpunkte. Wallruns lassen sich zwar an allen Wänden vollführen, jedoch führt in den meisten Fällen nur ein Pfad zum Ziel. Bis das getäuschte Gehirn das verstanden hat, wurden viele Tode gestorben und leichter Frust ist eingekehrt. Ab dann wird die Rennerei, genauso wie das immer cleane Setting etwas eintönig.

Stimmungsfehler

Leider treibt auch die aufgesetzte Geschichte den Puls kaum in die Höhe. Das liegt in erster Linie an der Erzählweise. Kurze Comic-Clips fügen das Puzzle zusammen, ohne Pep und große Emotionen. Um die Glaubhaftigkeit einer Utopie zu realisieren, hätte der trist angedachte Zustand auf den Straßen im Spiel wahrhaftig werden müssen. Details, wie sie GTA IV oder Half-Life 2 zuhauf zu finden sind, hat hier - gewollt oder nicht gewollt - Meister Proper weggewischt. Die Staatsgewalt macht sich wenig einschüchternd, dafür lästig, in gesichtslosen, schießwütigen Cops bemerkbar.

Fazit

So bleiben links und rechts von der Kante auf dem Spiegel zwei sehr unterschiedliche Eindrücke zurück. Mirror's Edge zeigt, wie moderne Spielwelten aussehen können. Wie intensiv sich die Interaktion auf dem Bildschirm in die Netzhaut des Betrachters brennen sollte. Ein neuartiges Erlebnis, das zu gut ist, um es nicht auszuprobieren. Will man allerdings ganz eintauchen, stößt man sehr rasch auf den Grund. DICE hat zweifellos die Essenz für weitere große Geschichten kreiert, für mehr hat der Atem Faiths zur Premiere aber nicht gereicht. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 30.11.2008)

  • Mirror's Edge wird von EA vertrieben und ist bereits für PlayStation 3 und Xbox 360 erhältlich. Eine PC-Fassung soll Anfang 2009 folgen.
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    Mirror's Edge wird von EA vertrieben und ist bereits für PlayStation 3 und Xbox 360 erhältlich. Eine PC-Fassung soll Anfang 2009 folgen.

  • Die Protagonistin Faith.
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  • Ärgerlich: Um Wettrennen im Mehrspielermodus spielen zu können, muss man sich bei EA registrieren.
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