"Stasi-Methoden" gegen Software-Diebstahl

27. November 2008, 14:05
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Die Spuren, die eine Studentin im Internet hinterließ, wurden vom Zentralen Informatikdienst der TU Wien ausgeforscht - um dem Vorwurf der Software-Piraterie nachzugehen

Wien - Ilona* spricht von "Stasi-Methoden", als sie über das Vorgehen des Zentralen Informatikdienstes (ZID) der TU Wien erzählt.

Ende Oktober bat die Medieninformatik-Studentin in einem anonymen Internetforum um Hilfe bei der Installation einer Mathematik-Software, die sie laut eigener Angabe zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht besaß. "Ich geb's zu: Ich bin zu unfähig, um Matlab am Mac zu installieren. Kann mir wer weiterhelfen??", so der Wortlaut. Darin sah der ZID, an der TU unter anderem für den Verkauf von verbilligten Softwarelizenzen an Studierende zuständig, einen Hinweis auf Lizenzmissbrauch.

Ein Mitarbeiter durchforstete das Forum nach älteren Postings unter demselben Nickname, konnte die gefundenen Indizien mit Informationen aus anderen Internetseiten verknüpfen und so die wahre Identität und E-Mail-Adresse der Studentin aufdecken. In der Datenbank der ZID-Lizenznehmer schien ihr Name jedoch nicht auf.

Ilona erhielt daraufhin eine persönliche Mail mit dem Vorwurf, dass sie im Forum "darlege, Matlab am Mac installiert, aber keine Lizenz gekauft" zu haben, und sich folglich "umgehend eine solche (...) besorgen" solle.

Von da an an hätte der ZID scheinbar täglich in seine Datenbank geschaut, erzählt sie, denn nur einige Stunden, nachdem sie sich tatsächlich Matlab besorgte, wurde sie erneut angeschrieben.

"Die zweite Mail war meiner Meinung nach dann nur mehr Schikane", so Ilona. Der Inhalt: Man habe den Kauf der Software zur Kenntnis genommen. Einige Zeilen darunter: Ob sie denn für das Programm Office eine Studierendenlizenz besitze?

"Das war nur aufgrund von einem anderen Posting im Forum, wo jemand Hilfe für Office gesucht hat. Ich habe geantwortet: Ja, die Fehlermeldung hatte ich auch schon. Das war alles." Sie vermutet, dass zu diesem Zeitpunkt "nur noch nach irgendwas gesucht" wurde, das man ihr vorwerfen könne. "Sie wollten lange nicht verraten, woher sie überhaupt meine E-Mail-Adresse hatten. Auch nicht auf Nachfragen von mir oder der Fachschaft." Schließlich kam die Antwort, man habe dies "der Intelligenz eines unserer Mitarbeiter zu verdanken".

Zu diesem Zeitpunkt hatte Ilona dem ZID ihrerseits per E-Mail geantwortet, "dass sie mich mit ihren Stasi-Methoden nicht einschüchtern können und ob ihnen so fad ist, dass sie in ihrer Arbeitszeit das Informatik-Forum ausspionieren".

Die Vertreter der Fachschaft Informatik und der HochschülerInnenschaft der TU (HTU) forderten ein klärendes Gespräch. ZID-Leiter Albert Blauensteiner entschuldigte sich persönlich bei der Betroffenen und bestätigt, dass dieser Fall "unglücklich gelaufen ist".

Schwarzhandel auf Ebay

Er verweist auf die schwierige Lage des ZID, der in Verhandlungen mit Softwarefirmen um günstige Studentenpreise feilschen muss. In einem Fall von extremem Lizenzmissbrauch, berichtet Blauensteiner, sei eine Fünf-Euro-Software des ZID auf Ebay um 500 Euro weiterverkauft worden: "Wenn so etwas nicht gestoppt wird, werden uns die Firmen diese Verträge nicht mehr verlängern."

Manche Hersteller hätten jahrelang damit gezögert, dem ZID die Genehmigung zum Verkauf zu erteilen. "Da haben wir wirklich Überzeugungsarbeit geleistet", so Blauensteiner.

Diese Vertrauensbasis versuche der ZID nun im Interesse der Studierenden zu wahren, auch indem er möglichen Lizenzverstößen nachgeht. Der ZID verkauft unter dem Einkaufspreis, die Differenz subventioniert die HTU. Gemeinsam wird nun nach Lösungen und Handlungsrichtlinien gesucht, die ähnliche Fälle in Zukunft verhindern sollen. (Romana Riegler/DER STANDARD Printausgabe, 27. November 2008)

*Name von der Redaktion geändert

  • Captain Hook aus Walt Disneys Peter Pan: Software-piraterie war noch unbekannt, als der Film 1953 in die Kinos kam. Heute sind die Waffen feiner, auch jene der Piratenjäger an der TU.
    foto: standard/everett collection / picturedesk

    Captain Hook aus Walt Disneys Peter Pan: Software-piraterie war noch unbekannt, als der Film 1953 in die Kinos kam. Heute sind die Waffen feiner, auch jene der Piratenjäger an der TU.

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