"Weniger Interesse daran haben, Leute auszusieben"

27. November 2008, 13:35
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Migranten müssen an der Uni integriert werden, sagt Paul Hofheinz vom Lisbon Council im STANDARD-Interview

UniStandard: In der von Ihnen geleiteten Lissabon-Studie kommt heraus, dass das österreichische Uni-System an seiner Restriktivität leidet. Welche Strategien empfehlen Sie?

Paul Hofheinz: Das System muss für mehr Leute offenstehen. Das inkludiert Immigranten-Communitys, die Universität spielt da eine sehr wichtige Rolle bei der Integration. Außerdem sollten Universitäten nicht nur Studierenden offenstehen, sondern allen. Bildung wird immer weniger etwas sein, das wir tun, bis wir arbeiten, sondern etwas, das unser Leben lang stattfinden wird.

UniStandard: Kritisiert wird auch die fehlende Anzahl an tertiären Bildungsabschlüssen.

Hofheinz: Es braucht mehr Abschlüsse. Das System sollte weniger Interesse daran haben, Leute auszusieben. Das ist die traditionelle Sichtweise, die übrigens auch in Deutschland vorherrscht: Leute, die nicht gut genug sind, aufzuzeigen und sie hinauszuwerfen. Das ist nicht zeitgemäß.

Die Unis müssen sich auf diese Ressourcen des Humankapitals konzentrieren und nicht nur darauf, großartige Eliteakademiker zu trainieren. Wir sagen nicht, dass das nicht sein soll, wir brauchen Exzellenz. Aber das kann nicht das Einzige sein. Es gibt eine breitere Bildungsverantwortung.

UniStandard: Die Studie besagt auch, dass Absolventen nicht wirklich auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sind.

Hofheinz: Ich würde nicht sagen, dass mit den Mastern etwas total falsch läuft. Wir sagen, manche Menschen bekommen zu viel Ausbildung und das Problem daran ist, dass andere nicht genug bekommen. Die goldene Mitte liegt dazwischen. Der Fokus sollte nicht darauf liegen, die besten lange im System zu behalten, sondern viele Leute ein bisschen länger zu halten. Österreich hält sich relativ gut - auf Platz fünf - bei den Jobaussichten. Wenn man will, dass Leute lange in Ausbildung bleiben, ist es wichtig, dass sie wissen, dass der Arbeitsmarkt ihre Fähigkeiten wertschätzen wird. (Tanja Traxler/DER STANDARD Printausgabe, 27. November 2008)

Zur Person: Der US-Amerikaner Paul Hofheinz ist Präsident und Mitbegründer des Lisbon Council, eines Thinktanks, der sich mit der EU-Wirtschafts- und -Sozialpolitik beschäftigt. Kürzlich wurde eine Hochschulstudie veröffentlicht, bei der Österreich auf dem vorletzten von 17 Plätzen landete.

  • Hofheinz: Tendenzen in Deutschland und Österreich sind "nicht zeitgemäß".
    foto: standard

    Hofheinz: Tendenzen in Deutschland und Österreich sind "nicht zeitgemäß".

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