Briefmarken sammeln kann sooo sexy sein: "Sweet Soul Music"

27. November 2008, 16:35
2 Postings

Soul für Anfänger und Infizierte: Eine CD-Reihe arbeitet das Genre chronologisch und sehr überzeugend auf

Trotz anhaltender Relevanz umweht Soul die Aura von Nerd-Musik. Stimmt auch. Die hohe Zeit des Genres ist trotz beständig neu vom Soul-Virus infizierter und ihn brav nachstellender Künstler lange vorbei. Also ist die Beschäftigung mit Soul zwangsweise ein bisserl gestrig, und seine Fans erinnern nicht selten an Briefmarkensammler, die sich in Geheimsprache über Geheimwissen unterhalten. Von der Welt längst vergessene Labelnamen fallen da ebenso wie jene von Künstlern, die in den Sechzigern gerade einmal ein, zwei - natürlich legendäre - Singles aufgenommen haben, bevor sie auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind. Das schreckt Nichteingeweihte natürlich ab. Gleichzeitig gilt Soul als eine Musik, auf die sich sehr viele Leute verständigen können, weil sie individuell wie kollektiv nachvollziehbare Gefühle zum Schwingen bringt: Verlust, Sehnsucht, Hoffnung, Begehren.

Einer der Ersten, der das Genre und seine Wirkung auch auf sich selbst gleichermaßen emphatisch wie sachlich dokumentiert hat, ist der 1943 in Boston geborene Schriftsteller und Musikjournalist Peter Guralnick, der 1986 das Buch "Sweet Soul Music: Rhythm and Blues and the Southern Dream of Freedom" veröffentlicht hat. Es gilt längst als Standardwerk und überzeugt mit derselben zeitlosen Gültigkeit wie das Sujet seiner Betrachtung. Am Vorabend des Erscheinens der deutschen Übersetzung Anfang kommenden Jahres ist im Herbst der erste Teil einer CD-Edition lanciert worden, der Guralnicks Buch musikalisch begleitet.

Schätze der Vergangenheit

Bislang sind fünf CDs beim deutschen Label Bear Family erschienen, von denen jeweils eine mit rund 30 Songs die Jahre von 1961 bis 1965 behandelt. Bear Family ist international für seine liebevoll aufbereiteten Schätze aus der Vergangenheit der Populärmusik bekannt und geschätzt. Die Alben dieser Reihe werden von einem jeweils 80 Seiten umfassenden Booklet begleitet. Das erfreut nicht nur die Briefmarkensammler, die hier manch Halbwissen bestätigt oder widerlegt finden, auch Einsteiger können sich genüsslich ins Soul-Netzwerk einlesen. Die hier zusammengetragene Mischung aus obskurem und bekanntem Material, die sich verbietet, zu viel von dominierenden Labels wie Stax oder Motown zu berücksichtigen, erlaubt nicht nur Einblicke in die Highlights ihrer Jahre. Auch die Entwicklung des Genres lässt sich ablesen. Von den frühen, sehr oft an weicherem Rock 'n' Roll angelehnten Songs bis zu den großen Stilisten, deren Einzigartigkeit sich schon in ihrem Frühwerk abzeichnete, ist hier alles vertreten.

Zu diesen Stilisten zählen logischerweise Namen, die sich zumindest teilweise auch kommerziell behaupten konnten. Die träge Eleganz eines Bobby "Blue" Bland stach von Anfang an hervor, die Vielseitigkeit eines Junior Parker überzeugte ebenso früh wie die ersten Gehversuche von Großmeistern wie Ben E. King und O.V. Wright. Daneben hört man damals bereits etablierte Figuren wie Solomon Burke, Ike & Tina Turner oder Fats Domino. In dieser Breite manifestiert sich auch die Vielseitigkeit des Soul - damals noch Rhythm 'n' Blues genannt. Von Detroit bis in die Sümpfe Louisianas wurde gelitten, geliebt, jubiliert und das Haus oder der Juke Joint gerockt.

Sweet Soul Music deckt das alles ab, ist Einstiegsdroge ebenso wie vertiefender Irrsinn. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.11.2008)

 

Sweet Soul Music (Bear Family/www.bear-family.de)

  • Solomon Burke in den frühen Sechzigern. Gospelekstase + Herzschmerz = Soul.
    foto: bear family

    Solomon Burke in den frühen Sechzigern. Gospelekstase + Herzschmerz = Soul.

Share if you care.