Grimmige Jahre für den Osten

27. November 2008, 13:14
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Die Wirtschaftskrise er­wischt Osteuropa. Eine Rezession wird nicht er­­wartet, die Un­sicher­heit steigt aber ebenso wie Öster­reichs Versicher­ungs­­kosten gegen einen Staatsbankrott

Wien - "Ökonomen sollen sich derzeit überhaupt nicht zu weit hinauslehnen", formulierte Michael Landesmann, Forschungsdirektor am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), denn in der Einschätzung der Krisenauswirkungen seien so gut wie alle falsch gelegen. Es gebe auch innerhalb des auf Osteuropa spezialisierten WIIW keine Einigkeit darüber, wie lange die Flaute in Osteuropa dauern würde. Nur dass sie komme, darüber sind sich alle Experten einig. Und die Lage würde sich "drastischer verschlechtern als wir noch im Juli prognostiziert haben", so Peter Havlik, stellvertretender WIIW-Chef bei der Präsentation.

Deutliche Spuren

Die neueste Prognose lautet also: "Die Verschlechterung der globalen Rahmenbedingungen hinterlässt deutliche Spuren: markante Wachstumsverlangsamung 2008 bis 2010, jedoch keine Rezession." Das gilt für die Region im Durchschnitt, einzelne Staaten sind bereits in der Rezession - Estland, Lettland, die Ukraine - oder werden ziemlich sicher im nächsten Jahr in eine solche schlittern - wie Ungarn, der langjährige Patient, der kürzlich wie berichtet eine Geldinfusion von EU, Weltbank und vor allem dem Internationalen Währungsfonds im Ausmaß von 20 Milliarden Euro verpasst bekommen hat (zu den BIP-Prognosezahlen für ausgewählte Länder siehe Grafik oben).

Die sich entwickelnden Volkswirtschaften der Region haben alle ein hohes Leistungsbilanzdefizit, sprich: sie importieren mehr Waren, Dienstleistungen und Kapital als sie exportieren. Finanziert wurde dies vor allem durch das Ausland. Bis September 2008 war dies auch kein Problem, aber als die Finanzkrise voll durchschlug und die Kreditmärkte im Westen austrockneten, wurde es sehr wohl eines. Ebenso wie die Refinanzierung der kurzfristigen Schulden, die vor allem der Unternehmenssektor in Osteuropa aufgebaut hat. Ein weiteres Problem sind die vielen Fremdwährungskredite, die im Zuge der Währungsentwertungen teurer zu bedienen sind.

Langfristige Unsicherheiten

Aber auch langfristig gesehen gibt es für die Wirtschaftsentwicklung der Region Unsicherheiten: So sei nicht klar, wie es mit den Euro-Stabilitätspakt weiter gehen soll, ob und wie die Finanzmärkte neu reguliert werden sowie welche Auswirkungen die Konjunktur- und Bankensicherungsprogramme in den USA, der EU und Russland haben werden. Havlik: "Irgendeine Wirkung werden die hunderten Milliarden doch zeigen, hoffe ich."

Die Erwartungen für Osteuropa sind bereits auch unter Managern signifikant schlechter geworden. Laut einer Umfrage der Unternehmensberater von Roland Berger glaubt ein Viertel der in der Region tätigen österreichischen Manager, dass sich die Situation bereits noch heuer drastisch verschlechtert, mehr als 50 Prozent sind aber überzeugt davon, dass 2009 auf jeden Fall ein grimmiges Jahr wird.(Leo Szemeliker, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 28.11.2008)

 

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